Zweiter Weltkrieg

„Hundertmal Glück“: Wie ein Soldat das Kriegsende erlebte

Hochwasser und Schlamm erschwerten den Alliierten das Vorrücken in Richtung Kleve. Das Foto zeigt überschwemmtes Gebiet bei Kranenburg.

Hochwasser und Schlamm erschwerten den Alliierten das Vorrücken in Richtung Kleve. Das Foto zeigt überschwemmtes Gebiet bei Kranenburg.

Foto: Archiv / NRZ

Kreis Kleve/Essen.  Walter Holona war vor 75 Jahren als Wehrmachts-Soldat in Kranenburg. In einem eindringlichen Gespräch erzählt er von seinen Erinnerungen.

Nach dem Aufruf an Augenzeugen der Offensive im Rheinland erhalte ich einen handgeschriebenen Brief. In der gepflegten, etwas zittrigen Handschrift eines 96-Jährigen schreibt Herr Holona über seine Vergangenheit als Soldat der 95. Infanterie-Division 280 der Wehrmacht. Über Russland und Frankreich gelangte er letztendlich nach Kranenburg. Dort erlebte er die Erstürmung durch die Amerikaner. „Leider kann ich das alles nicht dokumentieren, aber erzählen könnte ich viel“, schreibt Holona in seinem Brief an mich.

Die Befreiung aus der Sicht eines Wehrmachtssoldaten – darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Vor zwanzig Jahren, im Geschichtsunterricht in den Niederlanden, lernte ich über die Befreiung eigentlich nur aus der Sicht der Alliierten. Von Wehrmachtssoldaten waren nur ein paar Fotos neben dem Text zu sehen. Meist als Kriegsgefangene, Juden verfolgend oder tot in einem Graben. Namenlose, austauschbare Figuren, die wegen des Hakenkreuzes auf ihrer Uniform direkt alle Schuld an all der tiefsten Schwärze des Zweiten Weltkrieges zugewiesen bekamen. In den letzten Jahren hat sich dieses Bild nuanciert.

Das Endes des Zweiten Weltkrieges ist eine vielschichtige Geschichte

Ich rufe Herrn Holona an. Seine herzliche, laute Stimme lädt mich sofort zu sich nach Hause ein. Zwei Tage später fahre ich in einen Vorort von Essen. Unterwegs denke ich immer wieder an den einen Satz in seinem Brief, in dem er schreibt, dass er nichts dokumentieren kann. Inwieweit kann man einer Vergangenheit, wovon es keine Dokumentation gibt und die auf einseitigen Erinnerungen basiert, vertrauen?

Es ist nicht so, dass ich Herrn Holona nicht vertraue, aber diese Geschichte ist so vielschichtig, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Man kann nicht einfach nur über das Ende des Zweiten Weltkriegs reden, ohne auch den Rest zur Sprache zu bringen.

Aber wie kann man in anderthalb Stunden die schrecklichsten, komplexesten und intensivsten Jahre im Leben eines Menschen besprechen? Worüber sollte ich weiterfragen, ohne dass es wie ein Polizeiverhör wirkt? Was weiß ich überhaupt darüber? Ich parke mein Auto und betrachte den Häuserblock. Ich denke darüber nach, dass Herr Holona seinen Brief selbst geschickt hat. Dass er wahrscheinlich gerne reden möchte. Vielleicht sollte ich erst mal damit beginnen, zuzuhören.

Schon bevor wir uns an seinen Esstisch setzen, fängt er an zu erzählen. „In Kranenburg war niemand mehr. Ich saß mit einigen Soldaten im Keller des Tierarztes. Dort haben wir etwas zu essen gefunden. Und Laken, mit denen wir einen Schlafplatz gemacht haben.“

Die Worte kommen hastig aus seinem Mund, als wären sie zu lange eingesperrt gewesen. Manchmal sagt er mitten in einer Schilderung: „Oh ja, das muss ich auch erzählen.“ So springen wir von der Normandie in die klirrende Kälte der Ukraine, über Kranenburg zurück nach Essen. Viele Geschichten enden mit: „Ich hatte hundertmal Glück.“ Jenes Mal, als er weggerufen wurde und eine Granate genau dort in der Kolonne explodierte, wo er gerade noch marschiert war.

Oder ein anderes Mal, als er mit einem verheirateten Soldaten in einem Bunker saß. Dieser Mann hatte Kinder, also musste Holona hinausgehen, um eine Botschaft zu überbringen. Kurz danach fiel eine Bombe auf den Bunker. „Ich hatte hundertmal Glück.“ Das fühlt sich bitter an, denn neben Holonas Glück sprechen wir nicht über jene anderen Soldaten. Junge Männer, die seit mindestens fünfundsiebzig Jahren unter grauen Grabsteinen liegen.

Erinnerungen an Reibekuchen in Kranenburg

„Haben Sie schon mal Reibekuchen gegessen?“, fragt er plötzlich.

„Äh...“, stottere ich.

„Mit Kakaobutter?“

„Werden Sie den jetzt zubereiten?“

„Nein, nein.“

Er lächelt breit.

„Den haben wir in Kranenburg gemacht. Wenn man ihn schnell gegessen hat, war er ganz in Ordnung. Aber wenn man zu lange gewartet hat, wurde er ungenießbar.“

Mir ist klar, dass sich seine Geschichten in den letzten fünfundsiebzig Jahren von Erlebnissen zu Erinnerungen und dann zu bündigen Anekdoten gewandelt haben müssen, die immer mit einem Lächeln und mit „Ich hatte hundertmal Glück“ enden.

„Aber Sie waren achtzehn Jahre alt, als Sie eingezogen wurden“, unterbreche ich ihn. „Und zweiundzwanzig als der Krieg vorbei war. Sie müssen in jungen Jahren schreckliche Dinge erlebt haben.“

Es wird still, sein Gesicht trübt sich.„Ich habe den Krieg gehasst, auch den Kadavergehorsam. Aber was konnte ich allein schon ausrichten?“ Unruhig schieben seine Hände den kleinen Zettel, auf den er drei Anekdoten gekritzelt hat, hin und her.

„Ich weiß noch, wie ein Obergefreiter einmal zwei russische Soldaten in einem Brunnen fand, mit erhobenen Händen. Ohne zu zögern schoss er ihnen in den Kopf. Ich war der einzige, der daneben stand. Wenn ich etwas gesagt hätte, wäre ich auch erschossen worden. Das Schwein, ich kenne seinen Namen noch immer.“ Ich zögere, ob ich nach diesem Namen fragen soll. Er nennt ihn mir und buchstabiert ihn langsam, damit ich es richtig aufschreibe.

Walter Holona: „Ich wollte ein guter Mensch sein“

„Wir kamen im Osten einmal in einen dunklen Keller.“ Seine Hände halten ein unsichtbares Gewehr. „Ich fühlte, dass ich auf etwas Weiches trat. Da lag ein Mensch, ich stand auf einem toten Menschen. Schrecklich.“ Seine Hände verscheuchen die Erinnerungen. „Das wollen die Leser doch alles gar nicht wissen?“

„Haben Sie selbst Menschen getötet?“

Holona nickt, ohne zu zögern. „Ich habe mein Leben lang versucht, ein guter Mensch zu sein, aber die Armee zwingt einen zum Bösen, um zu überleben. Eigentlich gibt es in der Armee keine Eigenständigkeit. In Russland wurden wir von einer unglaublich großen Gruppe Russen angegriffen. Der Horizont war voller Soldaten, die schießend auf uns zu stürmten. Da habe ich auf jeden geschossen, den ich treffen konnte. Es tut mir leid, dass ich getötet habe, aber ich wollte überleben.“

Das Gespräch wendet sich den Amerikanern zu, die aus den Niederlanden in Richtung Kleve zogen.

„Ich war der letzte deutsche Soldat, der noch in Kranenburg war. Ich sah die Amis mit ihren Gewehren über der Schulter vorbeilaufen.“

„Hat man Sie zu einem Kriegsgefangenen gemacht?“

„Erst später. Zuerst rannte ich zu einem Bunker in Nütterden zurück, aber mein Feldwebel war schon lange weg. Also bin ich vor den Amis nach Kleve geflüchtet.“

Auf ein Blatt Papier zeichnet er drei Bauernhöfe, in denen er sich kurz versteckt hat. Das muss in Donsbrüggen gewesen sein.

„In Kleve schlug eine schwere Bombe direkt neben mir ein.“ Holona schweigt und sieht mich fragend an, er erwartet, dass ich etwas sage.

„Hundertmal Glück?“, versuche ich. Er nickt, aber lächelt nicht mehr dabei.

„Stundenlang habe ich mich dort in einer Grube versteckt.“

„Und danach?“

„Dann fand ich meine Einheit wieder. Wir zogen uns zurück. Wir waren den Amis immer drei Tage voraus. Letztendlich wurden wir, zweihundertfünfzig Mann, in Wesel eingekesselt. Dort mussten wir hart kämpfen. Ich habe versucht, in der Mitte der Gruppe zu bleiben. Fast alle um mich herum waren tot, auch Kumpels.“

„Haben Sie jemals ihre Gräber besucht?“

„Oh, mein Gott, nein. Sicherlich nicht in Russland. Manchmal hörte ich ihre Namen und dann wusste ich, oh ja, das war der und der. Wir gingen einmal mit achthundert Mann in einen Schützengraben. Achtzig kamen wieder raus.“ Er schüttelt den Kopf. „Ich kann immer noch sehen, wie ihre Köpfe zur Seite fielen, als sie starben. Oder als sie in den Kopf geschossen wurden. Dann sieht man so dumm aus wie ein Fisch.“

In Belgien gibt es einen der größten deutschen Kriegsfriedhöfe

Letztes Jahr war ich wegen einer anderen Reportage im belgischen Ort Lommel auf einem der größten deutschen Kriegsfriedhöfe außerhalb Deutschlands. Mehr als 39.108 graue Kreuze in Reih und Glied. Der Gärtner, der das Gelände pflegte, erzählte mir, dass es kaum Besucher gab. Bei einigen wenigen Gräbern hingen verregnete Kränze. Diesen Toten wird so grau wie möglich gedacht. An den Gräbern selbst kann man nicht erkennen, wer probiert hat, gut zu bleiben, um zu überleben, und wer sich wie ein Schwein benommen hat.

„Haben Sie in Ihrem Leben oft über diese Sachen gesprochen?“

„Nein, nicht wirklich. Mein Schwager war in einer anderen Einheit. Dann redete man mal darüber, wo man gewesen war. Und wann. Dann wusste man genug.“

„Und mit den Nachbarn?“

„Meinen Nachbarn?“, lacht er. „Die sind alle erst Anfang achtzig, die haben nichts durchgemacht. Und Frauen wissen auch nicht, wie es war.“

„Und Ihre Kinder?“

„Tja, meine Kinder.“ Er lächelt liebevoll zu den Bildern auf der Kommode hin. „Sie wissen ja alle viel besser als ich, wie es damals unter Hitler war.“

„Hatten Sie bei der Ankunft der Amerikaner das Gefühl, dass Sie kapitulierten, oder war es eine Befreiung?“

„Eine Befreiung! Sonst hätte ich noch zwanzig oder dreißig Jahre meines Lebens Soldat bleiben müssen.“

„Aber Sie haben mir gerade erzählt, dass Sie auch noch Kriegsgefangener gewesen sind.“

Nach dem Krieg wurde Walter Holona ein Holzhändler

„Das war erst nach Bielefeld.“ Er seufzt. „Dort wurden wir in Viehwaggons getrieben, siebzig oder achtzig Mann pro Waggon. In Deutschland ging das ja noch, aber die lieben Feinde, die lieben Belgier, warfen glühende Kohlen herein. Sie schmissen Schwellen von den Brücken in unseren offenen Waggon. In Namur mussten wir eine Weile laufen, dort wurden wir von Zuschauern getreten und geschlagen. Oft auch mit Stöcken. Ich habe versucht, in der Mitte der Gruppe zu bleiben. Wir durften uns nicht wehren. Ich verstand, dass sie wütend auf uns waren, aber es war... schrecklich.“

„Wie war die Situation im Kriegsgefangenenlager?“

„Sie waren überhaupt nicht auf die Ankunft von Tausenden von Männern vorbereitet. Es gab einen Mangel an allem. Nichts, worunter man schlafen hätte können. Am Anfang fielen wir oft vor Erschöpfung und Hunger um. Wir bekamen einen halben Liter Suppe, den wir zu sechst teilten, das war Wasser mit Kartoffelschalen. Tagsüber haben wir schwere Arbeit geleistet. Oft mussten wir uns gegenseitig aufhelfen, weil wieder jemand umgefallen ist.“

„Wie haben die Amerikaner Sie behandelt?“

„Es ging. Aber manchmal mussten wir irgendwohin marschieren und dann schossen sie auf uns. Einfach so. Wir waren Kaninchen, auf die sie schießen konnten. Ich war ein paar Monate dort. Völlig unerwartet durften immer wieder Gruppen nach Hause.“

„Wussten Sie, was in den deutschen Konzentrationslagern geschehen war?“

„Das haben wir erst später gehört. Ich wusste, dass es Lager gab, aber ich dachte, die wären nur für Arbeit.“

„Haben Sie selbst bei der Verfolgung von Juden geholfen?“

„Nein, mein Gott, nein.“ Er schüttelt immerzu den Kopf. „Nein, niemals.“

Nachdem ich meine Jacke angezogen habe, stehen wir noch eben in seinem Wohnzimmer.„Wie war es, endlich wieder nach Hause zu kommen?“

„Es musste Geld verdient werden, ich habe meine Ausbildung fertiggemacht und wurde Holzhändler. Ich bin ihr begegnet, wir sind siebzig Jahre lang verheiratet gewesen.“ Er zeigt auf das Foto seiner verschiedenen Frau. „Ach“, seufzt er. „Ich bin doch für niemanden interessant? Es war einfach nur ein Leben.“

Der Text wurde aus dem Niederländischen übersetzt von Karin Preslmayr. Der Autor Jaap Robben war für die NRZ war der Grenzgänger anlässlich des Kriegsendes vor 75 Jahren jetzt am Niederrhein unterwegs. Dabei folgte er dem Weg der „Operation Veritable“, bei der die Alliierten die deutschen Truppen über den Rhein drängten. Fünf Folgen dieser Serie erscheinen in den nächsten Wochen, bisher erschienen sind:

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben