Das besondere Museum

Haus der Seidenkultur: Weber lassen Priester gut aussehen

Museumssprecher Dieter Brenner (68) an einem der Jacquardhandwebstühle.

Museumssprecher Dieter Brenner (68) an einem der Jacquardhandwebstühle.

Foto: Lars Heidrich

Krefeld.   Im Haus der Seidenkultur in Krefeld entstanden die prächtigsten Priestergewänder. Die Original-Webstühle funktionieren heute noch.

Gefräßige Raupen sind ja nicht immer gern gesehen. Doch diese Raupe Nimmersatt entzückt sogar Priester. Denn nur sie versteht es, sich mit einem 3000 Meter langen Faden in einen Kokon einzuwickeln – mit dem begehrten Seidenfaden. Aus dem später in Krefeld glänzende Gewänder für Geistliche gewebt wurden. Der Saal, in dem sie ihr Muster bekamen, kann besichtigt werden: im Haus der Seidenkultur.

Unter den Schuhen knarzen die Holzbohlen. Bei einer Renovierung habe man stützende Rundbögen entdeckt, erzählt Museumssprecher Dieter Brenner. Zum Glück, denn die erste Etage des Hauses muss bis heute das Gewicht von acht Webstühlen aus dem 19. Jahrhundert tragen. „Es ist der einzige in Europa an authentischer Stätte erhaltene hölzerne Jacquardhandwebsaal“, sagt der 68-Jährige.

Zunächst wurde auch hier im Hinterhaus mit normalen Webstühlen gearbeitet, die früher der Mittelpunkt jeder Wohnung eines Heimwebers waren. Brenner drückt mit dem Fuß auf die Pedale, ein Webfach bildet sich zwischen den so genannten Kettfäden, durch das er das Schiffchen mit einem weiteren Faden, den Schussfaden, führt. Doch um aufwendige Muster für die Priester zu weben, reichte es nicht, zum Beispiel nur den jeweils zweiten Kettfaden anzuheben. „Man musste jeden einzelnen Kettfaden ansprechen“, so Brenner.

Berufe, die es heute nicht mehr gibt

Das ermöglichte der Franzose Joseph-Marie Jacquard. Denn seine Maschine von 1805 arbeitete mit Lochkarten. Obwohl es 100 Jahre später bereits Webmaschinen mit elektrischem Antrieb gab, setzte auch der Unternehmer Hubert Gotze auf diese besondere Technik. Er erwarb das Haus in Krefeld samt der Webstühle, um die edlen Gewänder herzustellen.

Dafür benötigte er aber mehr als Weber: Zunächst zeichnete ein Künstler ein Muster, dann übertrug der Patroneur es auf Millimeterpapier. Mit dieser technischen Zeichnung arbeitete schließlich der Kartenschläger. Er saß an einer klavierähnlichen Maschine, die ebenfalls im Museum ausgestellt ist. Mit den Tasten konnte er Zeile für Zeile Löcher in einen Pappstreifen stanzen. Ein Loch in der Karte bedeutete: Ein Kettfaden hebt sich. Kein Loch: Der Kettfaden bleibt unten. Die Lochkarte wurde später in die Maschine eingehängt. Und mit jedem Pedaltritt konnte so der Weber die Kommandofolge abspulen. Acht bis zwölf Meter Seidenstoff entstanden so an einem Webstuhl pro Tag.

Um jedes Muster rankt sich eine spannende Geschichte

Herauskamen Muster mit Hirschen oder Elefanten. „Um jedes Muster rankt sich eine spannende Geschichte“, schwärmt Brenner. Das „Paradiesmuster“ war eigentlich ein chinesisch inspiriertes Gewebe mit Vogelpaaren: In dem Raubvogel erkannte man einen Adler, der mit Christus gleichgesetzt wurde. Und das Schwanenpaar war ein Symbol für ewige Treue. Solche Stoffe nannte man Paramente, übersetzt: „Für den Tisch des Herrn zubereitet“. Sie schmückten nicht nur Gewänder, sondern auch Altäre.

Obwohl Krefeld als die Seidenstadt gilt, kam die Seide aus Asien oder Südeuropa. Alle Versuche, die Raupe auch hierzulande mit ihrer Lieblingsspeise, den Blättern des Maulbeerbaums, ordentlich wachsen zu lassen, seien fehlgeschlagen, so Brenner. „Wir haben einfach nicht das richtige Klima.“

In den Seidenländern wurden die weißen Kokons der Seidenraupe in einen Bottich mit heißem Wasser getaucht, dann versuchte man mit Bürsten den Faden aufzugreifen. Etwa 800 Meter konnte man so auf eine Haspel ziehen – daraus wurde die Seide erster Qualität gewonnen. „Die Haspel- oder Grègeseide, die so schön glänzt“, sagt Brenner. „Sie ist im Sommer kühl, im Winter warm.“

Neben den historischen Webstühlen gibt es im Museum noch einen, der so winzig ist, dass er auf Brenners ausgestreckter Hand Platz hätte. „Es ist der kleinste Webstuhl der Welt.“ Dies sei sogar im Guinnessbuch der Rekorde verzeichnet. Doch was Brenner am meisten erstaunt: „Er ist auch noch webfähig.“

>> DAS LIEBSTE AUSSTELLUNGSSTÜCK

„Wenn man sich das Gesicht anschaut: Wie bei einer Malerei“, schwärmt Museumssprecher Dieter Brenner. Doch diese Maria ist nicht gemalt, sie ist gestickt. Denn zur Weberei in Krefeld gehörten auch viele „Gebildhandstickerinnen“, die sakrale Gewänder mit aufwendigen Applikationen verzierten. Dieses Gewand stammt vermutlich aus den 1920ern und wurde während einer Fronleichnamsprozession getragen. Brenner: „Es war die einzige Möglichkeit, Prunk und Pracht außerhalb der Kirchenmauern zu zeigen.“

So auch bei einer Prozession in den USA 1926 anlässlich des 26. Eucharistischen Weltkongresses. Eine Nonne schrieb, dass ein plötzlicher Regen die Teilnehmer überraschte. „Viele graue Eminenzen sahen aus wie begossene Pudel“, so Brenner. Die Farben der Gewänder liefen aus, nur die Paramente der Krefelder Firma seien farbecht geblieben. Der jüngste Sohn des Firmengründers Hubert Gotze hatte 1914 in Chicago einen Zweitsitz eröffnet. Einbußen erlitt das Geschäft erst in den 1960ern. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sollten die Gewänder fortan schlichter aussehen.

>> DER WEG ZUM MUSEUM

Das Haus der Seidenkultur liegt nur wenige Schritte vom Bahnhof in Krefeld entfernt, an der Luisenstr. 15. Mi. - Fr.: 15 - 18 Uhr, So.: 13 - 17 Uhr. Eintritt: 5 €, Ostersonntag geschlossen.

Rundgänge: 1. und 3. So. im Monat (nicht Ostern) öffentliche Führung, 14 Uhr. Weitere Führungen, Kinderaktionen: 02151/ 93 45 355. seidenkultur.de

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