Hate Speech

Hate Speech – Dabei ist Hass überhaupt keine Meinung

Online entlädt sich der Hass, der dann auch offline zu spüren ist.

Online entlädt sich der Hass, der dann auch offline zu spüren ist.

Hagen.   Pöbelei und Hetze im Netz. Insbesondere Jugendliche, Politiker und Sportler erleben die hemmungslosen Angriffe in sozialen Netzwerken.

„Wie tief muss der Hass sitzen, dass so eine zerstörerische Kraft dahintersteckt?“, sagt Cemile Giousouf. Ihre Finger gleiten über die hölzerne Tischfläche vor ihr. Der Blick verliert sich im regen Treiben der Hagener Fußgängerzone. Trotz ihrer politischen Karriere und ihrem selbstbewussten Auftreten wirkt die zierliche Frau alarmiert – Hasskommentare, Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen haben die 40-jährige Hagenerin geprägt.


Als erste Muslimin der Unionsfraktion im Bundestag war sie 2013 der Umbruch für die Partei. Jung, dynamisch – und, Selbstbeschreibung: multiperspektivisch. Sie wollte nie eine typische Politikerin sein. Ihr Motto: machen statt viel reden. Während ihrer politischen Arbeit im Bundestag und der Einwanderung von Schutzsuchenden, entlud sich über ihr ein massiver Shitstorm: „Da kamen Beschimpfungen, wie Moslemschlampe oder Schlimmeres“, berichtet Cemile Giousouf. Kurz schaut sie zu Boden, rückt ihre Brille zurecht und spricht fokussiert weiter.

Die Hater mit gewöhnlichem Profil

Auf ihrer Facebookseite häuften sich gemeine bis gehässige Nachrichten, nisteten sich unter ihren Beiträgen zu Integration und Bildung ein. Seitdem wurde die Politikerin mit griechischen Wurzeln nicht nur zur Zielscheibe rechter und fremdenfeindlicher Gruppierungen: „Ich habe vor allem von Nationalisten aus der Türkei nach der Armenierresolution viele schreckliche Nachrichten erhalten.“


Dass die Hassbotschaften sogar von Profilen mit Klarnamen verschickt wurden – nicht von Fake-Profilen – schockierte sie dabei besonders: „Dahinter steckten ganz normale Menschen, die sogar Familienfotos auf dem Profil teilten. Das zeigt, wie tief das Demokratieverständnis dieser Menschen gesunken ist.“ Die ersten wütenden Zeilen überraschten sie. Dann schwankte sie „zwischen Verwunderung und Schock“.

Als die zweite, dritte und auch zehnte Nachricht in ihrem Postfach einlief, wurde es ihr zu viel. „Das wollte ich nicht an mich herankommen lassen“, bekräftigt die ehemalige Integrationsbeauftragte und untermalt ihre Worte mit den Händen, als säße sie vor dem gefüllten Parlament. Sie entschied sich für ihre eigene Taktik: dagegenhalten!

Cemile Giousouf krempelte kurzerhand die Hetze im Netz um: „Ich begann meine Nachrichten zu zählen. Pro Hassmail spendete ich fünf Euro für eine Flüchtlingsinitiative und berichtete darüber. Die Mails ließen nach.“ Gut 100 Kommentare konnten so während der Flüchtlingskrise dem Hass entgegenwirken. Den Groll im Web sieht die Christdemokratin als große Gefahr für Jugend und Politik: „Durch perfide Strategien versuchen Extremisten aus allen Lagern, sich das Internet zu eigen zu machen. Junge User werden manipuliert und mit lebensnahen Angeboten angelockt. Da braucht es Gegenstrategien.“

„Jugendliche müssen über Demokratiefeindlichkeit aufgeklärt werden“

Bremsen ließe sich laut Giousouf die Hass-Schleuder in den Sozialen Medien vor allem durch ein Mittel: Bewusstseinsschärfung. „Jugendliche müssen in der Schule über Akteure und demokratiefeindliche Tendenzen aufgeklärt werden und auch darüber, wie sie Hetze in den Kommentarspalten begegnen können. Bislang wird die Thematik in Deutschland deutlich unterschätzt.“

Als Politikerin und selbstbewusste Frau sei es für sie ein Leichtes, die Feindseligkeiten im Web zu unterbinden – für junge Menschen jedoch nicht. „Über die sozialen Medien erreicht man heute so gut wie jeden, das birgt auch die Möglichkeiten, unsere demokratischen Werte im Netz zu stärken und für unseren Zusammenhalt einzustehen.“

Laut einer Forsa-Studie im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW hat die Wahrnehmung von Hassrede und diskriminierenden Kommentaren im Vergleich zu den Vorjahren zugenommen: Mehr als 1000 Befragte (78 Prozent) gaben an, schon einmal Hassrede oder Hasskommentare im Internet gesehen zu haben.

Auch Fußball im Visier

Das Problem betrifft nicht nur Politiker, sondern auch den Sport. So bleiben Profivereine nicht von Hasskommentaren verschont, wie der ehemalige Social-Media-Mitarbeiter eines Fußballclubs aus unserer Region berichtet. Wenn die Fans im Stadion pfiffen, bekam er ordentlich zu tun. „Alles, was einen gegnerischen Fußballfan zur Raserei bringt, war auch Anlass für einen Kommentar auf unseren Seiten“, so der frühere Netz-Manager. Dabei merkte auch er, dass der Ton rauer wird. „An Zahlen kann ich das zwar nicht belegen, aber es ist ein Gefühl. Es gibt eine gewisse Verrohung.“

Fotografen, Videomacher und Redakteure versorgen die Seiten der Profivereine mit Inhalten. Bei seinem ehemaligen Arbeitgeber seien allein drei Mitarbeiter für das Formulieren von Beiträgen und die Betreuung der Kommentarspalten zuständig gewesen, an Spieltagen kam ein weiterer freier Mitarbeiter dazu. Wie die Kommentare ausfallen, hänge auch vom Spielverlauf ab. „Nach einer Derbyniederlage sehen die Kommentarspalten naturgemäß anders aus als bei glorreichen Siegen.“

Schon in der Jugendmannschaft gibt es Anfeindungen

Schon in der Jugendmannschaft werden einzelne Spieler zum Opfer von Anfeindungen – in aller Regel von Fans gegnerischer Vereine. „Man muss aber immer differenzieren: Werden die Personen als solche angegriffen oder werden die Spieler angegriffen, weil sie bei einem bestimmten Verein spielen?“ So gebe es hier einen Unterschied zu Hasskommentaren gegen Dienstleister wie etwa die Bahn oder eine Fluggesellschaft. „Bei einem Fußballverein haben wir es grundsätzlich mit einem sehr emotionalem Umfeld zu tun, worüber wir uns ja in aller Regel freuen. Aber emotional kann eben positiv oder negativ sein.“

Zwar sei keinem Spieler die Auseinandersetzung mit Kritik genommen, aber wo es beleidigend wird, höre der Spaß auf. Hilfsmittel wie elektronische Filter sollen helfen, um Schimpfwörter und Gewaltaufrufe zu erkennen und zu löschen. „Dazu gibt es etwa ,Black Lists’ – Schwarze Listen. Wir nutzten diese vornehmlich, um Bots zu bekämpfen.“ (Schädlingssoftware, die Spam-Kommentare automatisch verfasst, Anm.d.R.)

Rechtliche Schritte einleiten

Wenn Spieler auf den Seiten im Netz konstant beschimpft werden, bot sich das Social-Media-Team zudem als Berater an. In Härtefällen helfe das Team dabei, rechtliche Schritte einzuleiten. Nennenswerte Vorkommnisse dieser Art habe es aber noch nicht gegeben.

Dabei hörte der Redakteur aber auch von vielen Spielern, dass sie die Kommentarspalten gar nicht lesen. „Ich denke nicht, dass das immer stimmt“, fügt er hinzu. „Aber ich glaube auch, dass es den Spielern helfen kann, wenn sie sich nicht so sehr damit auseinandersetzen – besonders bei einer sportlichen Durststrecke.“ Der Umgang mit den sozialen Medien sei dabei von Spieler zu Spieler unterschiedlich. So gebe es Stars, die sich regelmäßig mit Postings bei ihren Fans melden. Andere dagegen überlassen diese Aufgabe lieber Agenturen und Beratern. „Ich kann nicht beziffern, wie viele Spieler das selbst machen und wer diese Arbeit an Agenturen weitergibt. Es ist wirklich komplett typabhängig.“

Zwar steht das Social-Media-Team auch als Berater für die privaten Profile der Spieler bereit, über Inhalte haben die Spieler jedoch freie Hand – mit wenigen Ausnahmen. So gebe es Richtlinien über Dinge, die Spieler nicht auf ihren Kanälen posten dürfen. „Darüber haben wir uns mit den Spielern vor jeder Saison verständigt.“ Im Prinzip handele es sich dabei um Regeln des gesunden Menschenverstandes. „Dazu gehörte, sich nicht über Interna oder abfällig gegenüber anderen Menschen zu äußern.“

DAS INTERVIEW

Anfeindungen, Beleidigungen oder Drohungen – das Internet reduziert die Hemmschwelle für den Ausdruck von verbaler Gewalt und bietet gleichzeitig eine Plattform für anonymisierten Hass. Was ist zu unternehmen, wenn Menschen ihren Hass ins Netz kippen? Durchatmen, interagieren oder sanktionieren rät Florian Eisheuer von der Amadeu-Antonio-Stiftung in Heidelberg. Der Fachreferent für Antisemitismus rief unter anderem das Projekt „Debate Dehate“ ins Leben, um jungen Menschen im digitalen Umgang zu stärken und eine Debattenkultur zu unterstützen. Mit ihm sprach Marit Langschwager über die Vergiftung der Gesellschaft.

Herr Eisheuer, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit digitalen Veränderungen und „Hate Speech“. Also eigentlich kein ganz neues Phänomen – und doch von höchster Aktualität?

Florian Eisheuer : Die Debatte ist vor allem durch die US-amerikanische Auseinandersetzung geprägt. Dabei sind die Grenzen zwischen Online und Offline nicht genau auszumachen. So waren die Treffen des Ku-Klux-Klans durchaus mit einem Hass schürenden Gedanken verbunden, aber wurden nicht so betitelt. Die Unterscheidung ist nur, dass sich das Ganze online abspielt. Das „Cybermobbing“ ist wiederum aus dem „Hate Speech“ entstanden. Es handelt sich um schwammige Grenzen, die eine ideologische Gefahr mit sich bringen.

Handelt es sich ausschließlich um ein virales Ereignis oder ist der User auch in der Realität damit konfrontiert?

Der Online-Hass hat Offline-Effekte. Durch die digitale Debattenkultur verschärft sich der Diskurs in der realen Welt. Die politische Kultur pulsiert zunehmend und es entsteht eine Rückkopplung. Das führt dazu, dass rassistische Gedankenzüge auch auf das „Real Life“ übertragen werden und die Menschen die Meinungen aus dem Netz übernehmen. Der digitale Diskurs hat einen anderen Mechanismus: Es handelt sich um einen virtuellen Raum, der niemals aus der Pubertät kommt.

Bestimmte Gruppen nutzen diesen Mechanismus aus ...

Vor allem rechte Zusammenführungen nutzen das Internet, um Einfluss auf Diskussionen zu nehmen. So überwinden gewisse Akteure die „Grenze des Sagbaren“. Das können sie sowohl mittels von Real- als auch Fake-Profilen. Diese Akteure sind nur leider nicht unmittelbar auszumachen, da sie subtile Strategien nutzen. Sie kommunizieren über Codes, die für Außenstehende nicht als solche erkannt werden können.

Welches Ziel verfolgen diese Gruppen denn mit solchen Hasskommentaren?

Im eigentlichen Sinne geht es bei „Hate Speech“ um alles, was Angst verbreitet. Hass bricht erst dann aus, wenn ökonomische oder soziale Probleme als Gefahr für das eigene Leben wahrgenommen werden. Zum Beispiel, wenn es um Kinder und Emotionen geht: Bei emotionalen Themen reagieren viele Menschen sensibel und werden empfänglich für die Stimmen und Meinungen.

Wie gehen diese Gruppen dabei vor?

Akteure, die Angst verbreiten wollen, bedienen sich einer Art „Alles ist in Gefahr“-Strategie und erzeugen eine apokalyptische Stimmung. Aus diesem Grund verwenden wir vielmehr den Begriff „toxisches Narrativ“. Im übertragenden Sinn „vergiften“ derartige Argumente die Gesellschaft.

Was kann ich nun als Betroffener gegen die hasserfüllten Argumente tun?

Zum einen kann man die Kommentare ignorieren. Das ist vor allem dann ratsam, wenn man sich selbst schützen will. Das kann wiederum in die andere Möglichkeit mit einfließen: die User zu sanktionieren. Das heißt, Profile zu melden, sperren oder strafrechtlich auf die Äußerungen zu reagieren. Zum Letzten gibt es noch die Interaktion. Dabei tritt man unmittelbar in die Diskussion mit ein und versucht, die Betroffenen zu stärken und mit einem Gemeinschaftsgefühl zu unterstützen. Damit gehaltvoll gekontert werden kann, sollte die betroffene Person auf vorhandene Recherchen zurückgreifen. Dafür eignen sich zum Beispiel die Angebote von „Pro Asyl“ oder die Toolbox „Nichts gegen Juden“. Mit derartigen Mitteln kann sich jeder über Themen informieren, die Meinung stärken und sich somit selbstbewusster in die Debatte mit einbringen.

WAS IST HATE SPEECH ÜBERHAUPT?

Der Begriff Hate Speech (zu deutsch: Hassrede) unterliegt bislang keiner trennscharfen Definition. Es ist kein sprachwissenschaftlicher, sondern ein politischer Begriff mit mehr oder weniger starken Bezügen zu juristischen Tatbeständen.

Dabei werden Worte und Bilder als Waffe einsetzt, um bewusst auf Menschengruppen Macht auszuüben. Oft handelt es sich um rassistische, antisemitische oder sexistische Kommentare, die vorwiegend im Internet und Social-Media-Räumen auftreten.

Die unter der Redewendung zusammengefassten Meinungsäußerungen können durchaus Straftatbestände erfüllen (zum Beispiel Volksverhetzung oder Beleidigung).

TIPPS FÜR DEN UMGANG MIT HATE SPEECH

Richten sich hasserfüllte oder diskriminierende Zeilen gegen einen selbst, sollten sich Betroffene im ersten Schritt an den Anbieter der Plattform (z. B. Facebook) wenden und diesen zur Löschung des betreffnden Kommentars auffordern.

Auch rechtliche Handhabungen sind möglich: Die Verfasser können sowohl zivilrechtlich als auch strafrechtlich belangt werden. Bei gravierenden Kommentaren bietet sich die Erstattung einer Strafanzeige an. Zuständig hierfür sind die Polizei und die Staatsanwaltschaft.

Es gibt auch die Möglichkeit der anonymen Anzeige.

Offensiver Umgang mit Hate Speech: Hinschauen und ansprechen statt wegsehen und totschweigen. Position beziehen für ein respektvolles Miteinander. Andere darauf hinweisen, wenn ihre Kommentare über die Stränge schlagen.

Beleidigungen und Bedrohungen als Moderator auf der eigenen Seite löschen: Leute blockieren oder von der Freundesliste entfernen, die sich bewusst rassistisch oder sexistisch äußern.

Leitfaden für Diskussionen und Verhaltenstipps unter:
neuemedienmacher.de/wissen/nhs/

Richtig reagieren und argumentieren: debate-dehate.com

Weitere sprachwissenschaftliche Zusammenhänge des Phänomens und H etze gegen Flüchtlinge in Sozialen Medien: amadeu-antonio-stiftung.de/hatespeech

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