Entdeckung

Riesenhöhle in NRW entdeckt – „Windloch“ ein Jahrhundertfund

So unscheinbahr der Eingang ist, so gewaltig ist die jetzt gefundene Höhle im Inneren. Hier ein altes Foto von der Entdeckung des Eingangs.

So unscheinbahr der Eingang ist, so gewaltig ist die jetzt gefundene Höhle im Inneren. Hier ein altes Foto von der Entdeckung des Eingangs.

Engelskirchen.   Deutschland hat eine neue Riesenhöhle: Forscher haben im Bergischen Land das „Windloch“ entdeckt. Ein Jahrhundertfund, der Experten begeistert.

Ein Dorf steht Kopf. Die Bewohner hatten sich daran gewöhnt, dass niemand so genau wusste, wo das 3000-Seelen-Dorf Ründeroth eigentlich liegt. „In der Nähe von Köln“ haben sie geantwortet, wenn sie im Urlaub gefragt wurden, wo sie herkommen. Das ändert sich jetzt. Plötzlich blickt die Welt auf Ründeroth. Seit Ende März ist der kleine Ortsteil von Engelskirchen im Bergischen Land immer wieder in den Nachrichten.

Der Grund dafür ist eine Entdeckung, die Engelskirchens Bürgermeister Gero Karthaus einen „Jahrhundertfund“ nennt: Höhlenforscher hatten in seiner Gemeinde einen geheimnisvollen Spalt untersucht – und herausgefunden, dass es sich dabei um den Eingang zu einem gigantischen Höhlensystem handelt. „Als wir die Öffentlichkeit vor wenigen Monaten darüber informierten, dass bei uns der Eingang zu einer Höhle gefunden wurde, hatten wir ja keine Ahnung, was hinter der Öffnung verborgen ist.“

Eingang in die Unterwelt

Möglicherweise, so die Vermutung im Rathaus, entstand besagter Spalt bereits in den 1970er-Jahren bei Straßenbauarbeiten. „Vielleicht hat damals ein Bagger die Höhle angeritzt“, mutmaßt Karthaus.

Knapp fünf Kilometer liegen zwischen Gero Karthaus‘ Büro im Rathaus und dem Ründerother Mühlenberg. Dort ist der Eingang in die Unterwelt, das „Windloch“, nach dem die Höhle benannt ist. Entdeckt hat es der Höhlenforscher Stefan Voigt. 1988 hatte er den Berg zum ersten Mal untersucht. Er hat alte Karten gesichtet, Wasserläufe beobachtet, Fließgeschwindigkeiten gemessen. „Ich war mir sicher: Da ist was drin!“, sagt der 57-Jährige. Lange war es bloß eine Vermutung, seit Ende März gibt es Gewissheit: Unter dem Berg erstreckt sich ein Höhlensystem von ungeahntem Ausmaß. „Es ist die größte Entdeckung meiner Höhlenforscher-Karriere“, sagt Voigt.

Kein Ende in Sicht

Wie groß die Höhle tatsächlich ist, vermag noch niemand zu sagen. „Vor der Hacke ist es dunkel, weiß der Bergmann. Wir können nicht sagen, was da noch kommt. Es ist jedoch kein Ende in Sicht“, sagt Voigt. „Das macht es ja so spannend.“

Fest steht: Voigt und seine Mitstreiter vom „Arbeitskreis Kluterthöhle“ haben seit April schon mehr als 1000 Stunden in der Höhle verbracht. Akribisch haben sie die Gänge vermessen, mit den Daten haben sie dann später am Computer aufwendige 3D-Modelle und Lagepläne erstellt. Inzwischen haben die Forscher mehr als 5000 Meter der Höhle erkundet – damit gilt das „Windloch“ jetzt offiziell als „Riesenhöhle“. Im bundesdeutschen Vergleich reicht das für Platz 15. „Und möglicherweise ist das hier sogar NRWs größte Höhle“, sagt Voigt. Es fehlt nicht mehr viel für den NRW-Rekord. Aktuell hält ihn die Attahöhle in Attendorn mit rund 6700 Metern erkundeter Länge. „Wir müssen nicht auf den Mond oder in die Tiefsee. Wir können mitten in Deutschland echtes Neuland entdecken“, sagt Voigt.

Mindestens 35 Millionen Jahre alt

Wird irgendwo in Nordrhein-Westfalen eine Höhle entdeckt, kommt bald der Geologische Dienst ins Spiel. „Als die ersten Gerüchte ankamen, dass da in Engelskirchen etwas entdeckt wurde, hat sich das bei uns auf den Fluren in Windeseile herumgesprochen“, sagt Stefan Henscheid. Er ist einer der Experten der in Krefeld ansässigen Forschungseinrichtung des Landes. Und er hat die „Windloch“-Höhle bereits selbst in Augenschein genommen.

Henscheid hat sich durch das enge Einstiegsloch gezwängt, ist am Seil 15 Meter in die Tiefe geklettert – und kam schon bald aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vieles deute darauf hin, dass die Höhle mindestens 35 Millionen Jahre alt ist, sagt er, vielleicht auch noch viel älter. Neben den hohen Gängen seien besonders die zahlreichen Gipsformationen und Kristalle bemerkenswert. „Es ist eine Höhle von besonderer Bedeutung – auch im europäischen Vergleich“, sagt der Geowissenschaftler.

Verhindern, dass die Höhle „kaputtgeforscht“ wird

Stefan Henscheid mahnt zu einem behutsamen Umgang mit dem „Windloch“. Es gelte nun, zu verhindern, dass die Höhle „kaputtgeforscht“ werde. Zu oft sei es schon passiert, dass Heerscharen von Wissenschaftlern durch Höhlen getrampelt seien und dabei zerstörten, was eigentlich für die Nachwelt hätte erhalten werden sollen. Offenbar ist diese Gefahr in der Ründerother Höhle besonders groß. Forscher sprechen von „einer der sensibelsten Höhlen Deutschlands“.

Auch Stefan Voigt wähnt seinen Fund in Gefahr. Schon wenige Tage nach der Entdeckung tauchten die Koordinaten des Einstiegslochs bei Googles Kartendiensten auf. „Wir haben die Höhle sofort verschlossen“, sagt er. Eine massive Metallplatte samt Videoüberwachung soll dafür sorgen, dass weder Abenteurer noch Vandalen in die Höhle klettern. „Man kann da unten noch so vorsichtig sein – jeder Mensch, der dort hineingeht, zerstört etwas. Unser Ziel ist es jedoch, alles, was da drin ist, für die Nachwelt zu erhalten.“

Es ist ein Dilemma. Nun gibt es einen „Jahrhundertfund“ und die Menschen wollen ihn sehen – dürfen aber nicht. Engelskirchens Bürgermeister Gero Karthaus muss den Bürgern immer wieder erklären, dass Unter-Tage-Spaziergänge nicht möglich sind. „Wir hatten sogar schon eine Anfrage, ob in der Höhle ein Kindergeburtstag gefeiert werden kann“, sagt er.

„Opferhöhlen“ für Besucher

Rings um Engelskirchen gibt es etwa 20 bis 30 kleinere Höhlen. Eine davon, die Aggertalhöhle, dient heute als „Schauhöhle“. Sie ist für Besucher freigegeben. Experten bevorzugen den Begriff „Opferhöhle“. Sie opfern also eine Höhle, um viele andere besser zu schützen. Dass auch das „Windloch“ geopfert wird, sieht keiner der Beteiligten als gangbaren Weg.

Pläne, wie es gelingen kann, den Menschen die Höhle nahezubringen, gibt es dennoch. Geplant ist beispielsweise, das Besucherzentrum an der nahegelegenen Aggertalhöhle zu modernisieren. Besucher könnten dort bei „virtuellen Rundgängen“ erleben, was alles im „Windloch“ zu sehen ist. „Uns bieten sich tolle Chancen, wenn man so ein Geschenk der Natur bekommt“, sagt Bürgermeister Karthaus. „Und ich bin wohl der einzige Bürgermeister, der von sich behaupten kann, dass er stolz auf seine Unterwelt ist.“

Dieser Text ist zuerst in der Digitalen Sonntagszeitung erschienen. Jetzt für zwei Monate gratis bestellen! Hier geht’s zum Angebot:

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