Kirche

Gemeinsam statt einsam: Single-Gottesdienst in Essen

Kontakt in der Kirchenbank: Zusammen ins Liederblatt schauen.

Kontakt in der Kirchenbank: Zusammen ins Liederblatt schauen.

Foto: Fabian Strauch

Essen.   In Essen feierten Christen erstmals Gottesdienst für Singles und andere Einzigartige. Das war gut gemeint, gefiel aber nicht jedem.

Die Kirchen feiern Gottesdienste für Tiere, für Motorradfahrer, vor allem aber für Familien und neulich, zum Valentinstag, auch für Paare. Warum nicht auch für Alleinstehende?, fragten da Christen in Essen, also haben sie es gemacht. Es kamen viele, mehr als erwartet, zum ersten ökumenischen Single-Gottesdienst. Aber viele genau deshalb nicht.

Sie nähern sich vorsichtig, die meisten allein, vielleicht mit einer Freundin, schauen sich suchend um: Bin ich hier richtig? Wer sind die anderen? Aber da sind diese bunten Fußspuren, sie weisen eindeutig zur Tür der St. Andreas-Kirche in Essen-Rüttenscheid, manche sind auch schon verwischt unter vielen Schuhen. Und da steht auch dieses Plakat: „Du bist nicht allein!“ Eine Einladung zum Gottesdienst „für Singles und andere Einzigartige“, sie hängt auch im Schaukasten und am Zaun, die Glocken läuten. Ein Mann hat lange auf der Mauer gesessen, er drückt sich mit als Letzter in den Raum, die Gemeinde singt den Schlager vom Evangelischen Kirchentag: „Es ist gut, dass du da bist“. Der Liederzettel sind nicht genug.

„Immer nur Familien“

Wolfgang, ein Mann mittleren Alters, ist gekommen, er gehörte zu denen, die seine Pastorin im Februar gefragt haben: „Immer nur Familien und jetzt auch noch Paare. Warum feiert ihr keinen Gottesdienst für uns?“ Für die Singles? Menschen ohne Partner? Solche, die allein sind? Wolfgang sagt, er wolle hier „Menschen kennenlernen und auch über den Glauben reden“. Marion ist auch da, sie ist sonst viel mit Gott allein, „aber ab und zu bin ich auch gern unter Menschen“.

Es sind viele Männer in der Kirche, die meisten sitzen eher hinten, rechts außen und links außen in der Bank. Das wird noch schwierig, als es später darum geht, dass die Besucher miteinander ins Gespräch kommen sollen über Lydia. Lydia kommt in der Bibel vor, die Geschichte einer starken Frau wird erzählt von zwei Frauen: Die katholische Gemeindereferentin Martina Stodt-Serve und die evangelische Pfarrerin Sabine Grüneklee-Herrmann feiern diesen Gottesdienst „mit denen, die zufrieden sind mit ihrem Lebensweg, und denen, die unerwartet Single geworden sind“. Ein Mann weint, ein anderer nimmt seine Tasche und geht. Eine Frau wird später sagen, Lydia sei kein starker Single gewesen. Sie hätte sich „mehr Trost gewünscht“.

Netz debattiert über Stigmatisierung

Tatsächlich war es gar nicht so einfach, diesen Gottesdienst zu planen, das geben die Macherinnen gerne zu. „Was ist denn ein echter Single?“, haben sie sich gefragt, fühlen sich auch Witwen gemeint, und: „Man kann schließlich auch in einer Partnerschaft allein und einsam sein.“ Sie wollten „niemanden brandmarken“, aber dann ist es doch passiert: Kritik wurde laut, man wolle die Singles „stigmatisieren, als sei das etwas Schlechtes“, sagt Pastorin Grüne­klee-Herrmann. Sie hörten von Interessierten, gerade Frauen, die deshalb lieber zuhause blieben. Susanne sagt: „Ich bin ja nicht freiwillig Single. Mir wird immer wieder suggeriert, ich hab’s nicht geschafft.“

Und dann kommt auch noch dieser witzig gemeinte Post eines privaten Radiosenders, der behauptet, er hätte in die Zukunft geblickt: Heute Single-Gottesdienst, „am 5.4.2020 Größter Taufgottesdienst aller Zeiten in Rüttenscheid“. Eine Stunde ist es da noch hin bis zur Begrüßung, das Netz außerhalb der Kirche streitet. „Zack – und schon wird ,der Single’ hier degradiert“, schreibt jemand. „Ist es bei diesen Singles schon so weit, dass sie für eine Beziehung beten müssen?“, fragt Markus, und Andrea meint: „Dass die Kirche sich nun schon als Singlebörse hergibt, finde ich mehr als grenzwertig.“ Dabei wird Gemeindeleiterin Stodt-Serve in der Kirche wenig später sagen: „Mancher hat ja gedacht, wir würden Sie hier verkuppeln“, sie lacht dabei und weiß noch nichts von der Debatte im Internet.

„Spuren im Sand“

Es gibt dort aber auch die anderen, die sich gegen die Spötter wehren. „Die Kirche bietet einen Ort, um in Gemeinschaft Gleichgesinnte zu treffen. Ist nicht das auch Teil ihrer Aufgabe?“, lobt jemand. Und Sabine macht es deutlich: „Das ist ein Gottesdienst. Kein Bumsgelage!“ Tatsächlich reden die Besucher miteinander, in der Kirche schon und auch später draußen, bei Bratwurst vom Grill. Sie reden über „Spuren im Sand“, jene Geschichte, in der Gott dem Menschen sagt, er habe ihn in den schwierigen Lebensphasen getragen. „Er sei bei uns“, heißt es in einem Gebet, „wenn wir alleine leben, wenn wir uns verlassen fühlen“.

So angeregt ist die Stimmung, dass sie schon anfangen, den nächsten Gottesdienst zu planen. Martina Stodt-Serve und Sabine Grüneklee-Herrmann, beide verheiratete Frauen und Mütter, sammeln, was den Singles gefiel und was ihnen fehlte. So viele Ideen! „So kommt“, sagt Martina Stodt-Serve, „etwas in Bewegung.“

>> Besondere Gottesdienste

Viele Kirchen feiern inzwischen besondere Themengottesdienste. In der vergangenen Woche gab es vielerorts Schulgottesdienste zum Abschied in die Sommerferien, in Bielefeld aber auch einen eigenen Gottesdienst für Lehrerinnen und Lehrer.
Die Dortmunder Grabeskirche Liebfrauen lädt am Dienstag, 6. August, 17 Uhr, zu einem „Gottesdienst für Unbedachte“, der anonym bestatteter Menschen gedenkt. Hagen feiert am 11. August Gottesdienst im Zirkus, Dortmund am 21. August einen zum Christopher Street Day (CSD). Auch zum Start ins neue Schuljahr bieten Gemeinden spezielle Familiengottesdienste an.
Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juni in Dortmund beschäftigte sich eines der Geistlichen Zentren über mehrere Tage mit neuen Gottesdienstformen. Es gibt bereits Tiergottesdienste, Fußballgottesdienste, Messen nur für Konfirmanden, mit Rockmusik, außerhalb der Kirche. Und Motorradgottesdienste: jährlich in Essen. Der nächste ist für 2020 im Stadtteil Dellwig geplant.

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