Abitur

Viele Jugendliche sparen jahrelang für den Abiball

Fein gelockt soll das Haar sein und bleiben. Mit der Hochsteckfrisur könnte Celine Schmale (20) auf ihrem Abiball auch headbangen.

Fein gelockt soll das Haar sein und bleiben. Mit der Hochsteckfrisur könnte Celine Schmale (20) auf ihrem Abiball auch headbangen.

Foto: Kai Kitschenberg

Velbert/Essen.   Wallendes Kleid, schicke Frisur: Viele Jugendliche legen sich ein finanzielles Polster an, um den Abiball zu etwas Besonderem zu machen.

Eine feine Wolke aus Sprühnebel umhüllt Celines Kopf. Der Geruch von Haarspray liegt schwer in der Luft. Eine Frisur für den Abiball wünscht sie sich. Fein gelockt soll das Haar sein und bleiben. Deshalb wird die angedeutete Hochsteckfrisur „einbetoniert“. So nennt es scherzhaft Frisörin Jacqueline Hoffmann vom Salon Claus in Velbert. Wie die 20-jährige Celine Schmale aus Essen-Kupferdreh lassen sich viele Abiturienten vor dem Ball im Salon die Haare machen. Ein Luxus, für den mittlerweile einige Jugendliche am großen Tag des Balls früh aus den Federn schlüpfen.

Der Wecker hat heute nicht geklingelt. Es ist mitten in der Woche, Schule hat Celine ja schon länger nicht mehr und bei den Abiklausuren herrscht auch eine kurze Pause. Das ist eine perfekte Gelegenheit fürs Probestecken der Haare. „Bei Hochsteckfrisuren ist das immer sinnvoll. Am Tag selbst haben wir dann weniger Stress und müssen eventuell nur noch kleine Änderungen vornehmen. So oder so brauche ich teilweise mehrere Stunden“, erklärt Hoffmann.

„Ich habe für den Abschluss gekämpft“

Celine möchte es nicht zu streng, mit viel Volumen und toupiertem Ansatz. Solch eine Mähne trägt sie als Fan der 80er auch privat. „Nur Locken eben nie. Mich so zu sehen, ist schon komisch“, sagt Celine und lächelt, „aber es gefällt mir.“ Solch eine hochgesteckte Lockenpracht gibt’s ab 45 Euro. Die Probefrisur wird die Abiturientin etwas weniger kosten.

Das Sparschwein zu schlachten, macht der 20-Jährigen nichts aus. Für den perfekten Abiball ist es ihr das wert. „Ich habe so lange für den Abschluss gekämpft. Dann soll es auch etwas Besonderes werden“, findet Celine Schmale. Immerhin drückte sie jahrelang die Schulbank. Auf dem zweiten Bildungsweg entschied sich die Essenerin für eine Ausbildung als Erzieherin. Am Berufskolleg Bleibergquelle in Velbert paukte sie den theoretischen Stoff. Während verschiedener Praktika schnupperte sie Arbeitsluft.

Die Klassenkasse füllt sich

Trotz straffen Zeitplans kümmerte sich die ganze Klasse bereits relativ früh um die Abiball-Vorbereitung. Erste Amtshandlung auf der neuen Schule: eine Klassenkasse anlegen. Halbjährlich wanderten 15 Euro in die Kasse. Um das Polster weiter aufzustocken, verkauften die Jugendlichen drei mal wöchentlich in der Pause Pizzaschnecken, Obst und Co. an die Mitschüler. „Wir wollten uns etwas leisten können. Immerhin muss nicht nur der Abiball von dem Geld bezahlt werden, auch Pullover und die Abi-Zeitung haben wir so finanziert“, sagt Celine.

Dreißig Schüler sind es in ihrer Klasse. Ein kleiner Kreis verglichen mit anderen Schulen. Einen Party-Raum für die Feierwütigen zu finden, war deshalb nicht leicht. Zum einen sind viele Säle schon lange vorher ausgebucht, zum anderen sind sie oft auf große Feiern ausgelegt. Fündig ist Celines Klasse trotzdem geworden – in Wuppertal.

Wie die Frisur aussehen soll, steht nun schon fest. Doch viel wichtiger ist, was Celine an dem Abend anziehen wird. Oft sprechen sich die Jugendlichen ab, damit nicht zwei im selben Kleid kommen. Stunden um Stunden hat sie in Kaufhäusern vor dem Spiegel gestanden. Zu viele Pailletten, zu viel Glitzer und überhaupt viel zu viel Tüll. „Das war nicht ich. Ich wollte gerne ein schlichtes Kleid.“

Second-Hand-Traumkleid

Wenige Wochen vor dem Abi-Ball, der am 29. Juni stattfindet, ist Celine fündig geworden: in der Essener Positiv Boutique, einem Second-Hand-Laden. Zwischen grellbunten Trainingsjacken aus Ballonseide und T-Shirts mit Band-Logos hing es plötzlich. „Das ist einer meiner Lieblingsläden. Ich hätte nie geglaubt das Kleid hier zu finden“, schwärmt Celine. Ihre Mutter Ines Schmale hat das schwarze Kleid noch nicht gesehen. Gespannt wartet sie vor der Umkleide. Der Vorhang öffnet sich und ein toupierter Schopf schiebt sich heraus. „Es ist ein bisschen weit. Aber das kann ich beim Schneider noch anpassen lassen“, verrät die Schülerin. Mit passenden Highheels stöckelt sie aus der Kabine.

Ines Schmale lächelt. Das schlichte Kleid gefällt der 49-Jährigen. „Es ist ein absoluter Glückstreffer. Wir haben uns selbst in Brautmodengeschäften umgesehen und nichts Passendes gefunden. So ist es nun mal, wenn man eine bestimmte Vorstellung hat, wie das Kleid aussehen soll“, sagt Ines Schmale, während ihre Tochter sich vor dem Spiegel dreht.

Geschenke sprengen oft den Rahmen

Das Traumkleid ist ein Schnäppchen. 45 Euro gehen dafür über die Ladentheke. So günstig kommen Jugendliche und Eltern in Sachen Abitur sonst nicht weg. Das weiß auch Ines Schmale. Und deshalb wechselt nicht nur das Kleid den Besitzer, sondern auch ein T-Shirt. Auf das Schätzchen hatte Celine schon länger ein Auge geworfen. Mötley Crüe steht drauf, eine Glam-Metal-Band der 80er – was sonst. Es ist ein Vorabi-Geschenk. „Ich bin wirklich überrascht, was Jugendliche zum Abitur bekommen. Bei manchen steht ein neues Auto vor der Tür. Aber das sprengt den Rahmen“, findet die Mutter

Was sich bei der Abifeier des Berufskollegs ebenfalls in Grenzen hält, sind die Preise der Eintrittskarten. Celines Mutter ist dabei und auch ihr Freund. 20 Euro zahlen die Gäste pro Person. „Wir wollten es günstig halten. Damit viele Leute die Chance haben mitzufeiern.“ Bei Ticket-Preisen von bis zu 90 Euro ist das keine Selbstverständlichkeit. „Gerade wenn man mit mehreren kommt. Nicht jeder schafft es, so viel für eine Karte zu zahlen“, sagt Mutter Ines Schmale.

Jeder geht danach seinen Weg

Celine fiebert dem großen Moment seit Monaten entgegen. Auch weil es bedeutet, dass danach ihr Anerkennungsjahr startet. „Endlich werde ich für die Arbeit bezahlt. Es ist ein großer Schritt in einen neuen Lebensabschnitt, ins Erwachsenenalter kann man sagen.“ Ihre Klassenkameraden sind danach verstreut. „Da schwingt auch ein bisschen Melancholie mit. Beim Abiball sind wir alle ein letztes Mal zusammen und feiern gemeinsam. Deshalb ist es so wichtig.“ Wenn die Eltern zu später Stunde dezent aus dem Saal bugsiert werden, lassen es die Schüler richtig krachen.

>>> Er rollt den roten Teppich für Abiturienten aus

Im Kopf ist Ludger Beermann bereits in der Zukunft. Ein Jahr denkt er immer im Voraus. Kein Wunder, als Inhaber von Leo Events und Marketing plant Beermann verschiedenste Veranstaltungen. Seit einigen Jahren stehen auch Abibälle auf der Liste. Immer mehr Jugendliche wenden sich mit ihren Wünschen an die Halterner Agentur.

„Fotograf, Buffet, Cocktailbar, Security, roter Teppich… Alles, was auf die Strecke geht, kommt von uns“, erklärt Ludger Beermann. Er zählt nicht etwa die Checkliste für ein Rock-Konzert oder eine Preisverleihung auf – dies sind Dinge, die einen Abiball zu etwas Besonderem machen sollen „Das sind mittlerweile kleine Hochzeiten“, bringt Beermann es auf den Punkt, „für die Jugendlichen ist der Abiball ein Highlight. Sie haben hohe Erwartungen und man kann sie bei der Planung kaum bremsen.“

Doch ab und an muss er das. Die Kosten für einen solchen Abiball läppern sich schnell. Manche Abiturienten geben Beermann im Vorfeld deshalb ein preisliches Budget, in dem sich der Eventplaner bewegen kann. Doch es gibt auch den anderen Fall: Jugendliche, die eine Liste voller Wünsche im Kopf haben. „Es gibt gewisse Grundkosten. Für die Halle, unsere Arbeitszeit oder die Technik. Dazu kommen dann die Kosten für das Catering. Ein Buffet mit Schnitzel ist günstiger als eines mit Filet“, erklärt Beermann.

Er achte dabei immer darauf, dass die Eintrittskarten für den Ball am Ende zwischen 40 und 45 Euro pro Person verkauft werden können, um so die Kosten zu decken.

Ein Geld-Polster für den Ball

„Je mehr Leute natürlich daran teilnehmen, desto günstiger wird es. Manche Schulen legen ihre Bälle deshalb auch zusammen.“ Ein Teil des Geldes würden sich die Jugendlichen durch Vorabifeten, Kuchenverkäufe oder Klassenkassen zusammensparen. „Dadurch schaffen sich die Abiturienten bereits lange vorher ein Polster.“

In diesem Jahr organisiert seine Agentur zwei Abibälle in Dülmen. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits seit einem Jahr. Mit Glamour und Party hat das erstmal nichts zu tun. Zu Beginn setzt sich Ludger Beermann mit den Schülern zusammen. Oft sind auch Lehrer, Mitglieder des schuleigenen Fördervereins und Elternvertreter mit dabei. „Wir möchten ihnen ein gutes Gefühl geben. Wir drängen den Jugendlichen nichts auf“, findet Beermann.

Bürokratie-Alarm im Vorfeld

Zehn Jahre Erfahrung bringt er in dem Job mit. Erfahrung, die den Jugendlichen fehle. „Die Bälle werden immer größer. Viele geben deshalb die Planung in andere Hände“, sagt Beermann und fügt mit einem Schmunzeln hinzu, „außerdem müssen sie sich irgendwann auf das Abitur konzentrieren.“ Bei einer Party mit teilweise bis zu 1000 Gästen, ist es auch nicht mit der Gaststätte von nebenan und einer Kiste Bier getan.

Für solch große Veranstaltungen hat Ludger Beermann extra ein Zelt. Auf wackeligen Bierbänken muss allerdings niemand sitzen. In kleinen Sitzgruppen können die Gäste gemeinsam auf den Abschluss anstoßen. „Im Zelt liegt Teppichboden und wenn es kalt wird, läuft die Heizung“, beschreibt der Eventplaner. Disco-Kugel und Pflanzendeko lassen die weißen Zeltwände in den Hintergrund treten. „Um die Tischdekoration kümmern sich die Jugendlichen selbst. So wie um das Programm.“

Am Tag muss es schnell gehen

Wichtig ist, das Stromversorgung und Infrastruktur stehen: Strom, Wasser, Notausgänge. „Um die Genehmigungen kümmern wir uns.“ So ein Ball ist mit viel Bürokratie verbunden – oft zu viel für die Jugendlichen, die erst kurz vor dem Erwachsenenalter stehen.

Bei den zwei Abiturklassen in Dülmen wird deutlich kleiner gefeiert. Mit einem Zelt rückt Beermann nicht an. Genutzt wird die Mehrzweckhalle der Stadt. Ein Problem: Die Halle wird kurz vorher noch gebraucht. Einen halben Tag haben die Techniker und Handwerker Zeit, einen Ballsaal zu schaffen. Das Netzwerk rund um Leo Event und Marketing ist gut, der Zeitplan knapp. Schaffen wird es Ludger Beermann auch dieses Jahr wieder. Eine Pause nach der anstrengenden Abi-Saison gibt es nicht – denn die Bälle 2019 stehen schon längst in den Startlöchern.

>>> Jugendliche wollen Rituale, keine Rebellion

Jugendliche im wallenden Abendkleid, mit akkurat sitzender Krawatte oder gelockter Hochsteckfrisur – bei der Abiturfeier wird nicht nur um die Kleiderwahl ein Wirbel veranstaltet. Partys mit mehreren hundert Gästen sind keine Seltenheit mehr. Trendforscher Professor Peter Wippermann (68) erklärt im Interview mit Kirsten Gnoth, woher die Wünsche und Sehnsüchte der jungen Leute rühren.

Warum wünschen sich Jugendliche heute wieder einen feierlichen Ball zum Abitur?

Wippermann: Angefangen hat diese Entwicklung in den USA. Dort wird der Prom-Ball ebenfalls sehr feierlich gefeiert. Dieser Trend ist dann zu uns nach Deutschland geschwappt.

Was erhoffen sich junge Menschen von solch einem Ball?

Die jungen Leute sehnen sich heute eher nach Ritualen. Früher herrschte dagegen der Wunsch zu rebellieren. Die Abibälle sind nun neokonservativ, mit langen Ballkleidern und einem neuen Statusbewusstsein.

Das ist aber ein deutlicher Widerspruch zu den Abifeiern, die die Eltern geschmissen haben?

Die Jugendlichen entscheiden sich bewusst gegen den lässigen Lebensstil und für das Konservative, weil sie sich von den Eltern abgrenzen möchten. Sie tun also genau das Gegenteil von dem, was ihre Eltern damals getan haben. In der nächsten Welle wird das wohl wieder genau umgekehrt sein.

Welchen Stellenwert hat die Abifete heute?

Es ist für die Jugendlichen ein Schritt in Richtung Erwachsensein. Nicht nur für sie selbst hat dies eine große Bedeutung, auch in der Gesellschaft. Es gibt mehr Individuen, die in der Gruppe ihren Traum ausleben wollen. In der Klasse, im Freundeskreis – das Kollektiv und die Zugehörigkeit werden gesucht, aber als Individuum. Menschen sind sehr widersprüchliche Wesen. Wenn sie individuell sind, wollen sie Gemeinschaft.

Kann dadurch eine Art Konkurrenzdruck zwischen Klassen oder Schulen entstehen?

Wettbewerbe hat man schon immer veranstaltet. In der Natur des Menschen liegt es, mit anderen zu konkurrieren. Das zeigt sich in unterschiedlichen Formen. Und im Wettbewerb gibt es nun mal auch Druck und Stress.

Hat der Abiball-Trend auch Auswirkungen in anderen Bereichen?

Service-Unternehmen haben dieses Thema mittlerweile auch für sich entdeckt und sich der Abibälle angenommen. Das Umfeld profitiert von dem Trend mit. Es gibt allerdings immer noch Platz nach oben. In den USA werden auch Haustiergeburtstage groß gefeiert.

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