Friedhof

Friedhöfe sind auch Orte der Erinnerung und des Lebens

Zur Ruhe kommen und sich besinnen: Orte wie der Südfriedhof in Essen können nicht nur besucht werden, um zu trauern.

Foto: Kai Kitschenberg

Zur Ruhe kommen und sich besinnen: Orte wie der Südfriedhof in Essen können nicht nur besucht werden, um zu trauern. Foto: Kai Kitschenberg

Essen.   Friedhöfe sind Orte, die uns keine Furcht einjagen müssen. Denn Friedhöfe sind auch Orte der Erinnerung, der Besinnung und des In-uns-Gehens.

Die Mauern ragen hoch auf. Hinter ihnen herrscht plötzlich Ruhe. Ruhe vor dem Lärm der Stadt, Ruhe vor all den Gedanken, die mich immerzu umtreiben. Nein, keine Stille. Und auch kein Stillstand. Ich höre den Gesang der Vögel. Ich sehe Menschen, die entlang der Wege gehen. Die, die sich hinunter bücken, um etwas einzupflanzen oder andere, die das gießen, was dort noch blüht. Wieder andere zünden Kerzen an. Im November sind es ganz besonders viele. Der November ist der Monat des Gedenkens. Allerheiligen, Allerseelen und Totensonntag. Ein Monat, in dem es dunkel wird. Und kalt.

Friedhöfe haben trotzdem ganzjährig Saison. Weil es Orte sind, die wir seit der Kindheit kennen. Und die uns, gerade deshalb, keine Furcht einjagen müssen. Es sind Orte, wo wir mit der Oma den Opa besucht haben und die Eichhörnchen mit Nüssen gefüttert. Später, viel später, haben wir eigene Besuche gemacht. Bei Freunden, die von uns gegangen sind. Ohne uns je verlassen zu haben. Friedhöfe sind Orte der Erinnerung. Und zugleich sind Friedhöfe Orte der Besinnung und des In-uns-Gehens. Umgeben von Natur und im guten Gefühl, sehr lebendig zu sein.

„Was ich an Friedhöfen so unglaublich attraktiv finde: Sie konfrontieren uns, anhand der Grabsteine, auf denen man Namen, Lebensdauer und manchmal auch den Beruf nachlesen kann, sehr konkret mit dem Tod – aber das ist überhaupt nicht bedrohlich“, sagt Jula Elene Well. Die Akademische Rätin lehrt und forscht am Institut für Religion und Gesellschaft der evangelisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Uni Bochum. „Anders als in Krimis oder Sendungen wie ,Autopsie’ erscheint der Tod durch den Ort gezähmt und gebändigt“, sagt die promovierte Seelsorgerin und Pfarrerin, „er ist ein Teil des Lebens. Friedhöfe stellen Echofragen: Wie alt werde ich wohl werden?“

Friedhöfe können Mut machen

Als unsere zukünftigen Orte flüsterten sie zwar permanent das „memento mori“ – das „Erinnere dich daran, dass du sterblich bist“ – „aber das ist nicht etwas, was mich niederdrückt, sondern, im Gegenteil, etwas, das auch meine Lebendigkeit einfordert: Wie werde ich gelebt haben?“ Friedhöfe, so die 37-jährige, könnten durchaus auch Mut machen: „Es wird zwar gestorben, aber die Welt dreht sich weiter. Die Spatzen singen noch, und die Blumen blühen. Der Friedhof ist ein Ort, der an unserer Seele baut: Ich gehe den Weg, den schon vor mir Menschen gegangen sind und den nach mir Menschen gehen werden.“

Friedhöfe, so die Theologin, bilden insofern unsere Gesellschaft ab – „Wir alle haben irgendeine Beziehung zum Friedhof und hier gelten die gleichen Regeln wie in unserer Gesellschaft“ – aber sie haben darüber hinaus eine Funktion, die sie als „Seelenhygiene“ bezeichnet: „Sie dienen dem psychischen Wohlbefinden. Indem sie das Alltägliche aushebeln. Auf Friedhöfen gibt es keine Autos und keine Reklame. Man ändert die Gangart und dämpft die Stimme. Friedhöfe sind andere Orte im Normalen.“

Die Bedeutung eines Marktplatzes

Dass Friedhöfe „schaurige Orte“ seien, so die Wissenschaftlerin, habe erst die Horrorliteratur des 18. Jahrhunderts populär gemacht: „Hier wurden sie als gruselig inszeniert, als Spektakel in der Nacht, zur Geisterstunde, pünktlich zum Glockenschlag.“ In früheren Zeiten waren sie Mittelpunkte des Lebens am Tage: „Um die Kirchen herum angesiedelt, kam ihnen eher die Bedeutung eines Markt- und Messeplatzes zu. Da wurde gehandelt, diskutiert, gegessen und getrunken. Das änderte sich mit der Einführung der Bürgermeisterämter, die dann zu den zentralen Anlaufstellen wurden.“ Heute sei ihre Bedeutung erneut im Wandel begriffen.

„In dem Moment, als es in den 1990er-Jahren mit den anonymen Bestattungen vermehrt losging, waren sie nicht länger selbstverständlich die Orte, wo man mit der Familie hingeht und das Grab der Oma pflegt“, sagt sie, „knapp 20 Jahre lang herrschte die Sorge, dass irgendwann überhaupt keine Friedhöfe mehr im herkömmlichen Sinne existieren würden. Sondern nur noch irgendwelche großen Wiesenflächen, wo man dann sagen konnte: ,Hier liegt mein Toter.’“

Auch ökonomische Gründe hätten dem Vorschub geleistet, Beerdigungen pragmatischer zu sehen. Inzwischen gibt es eine Gegenbewegung: „Familien feiern Geburtstage eines Verstorbenen auf dem Friedhof oder sogar gemeinsam mit ihr oder ihm Silvester.“ Die Erinnerungsnähe habe wieder zugenommen.

Führungen von Vogel-Kennern

In den letzten Jahren gibt es immer mehr Veranstaltungen, die diese Orte in ihrer Viel-Dimensionalität zeigen. Künstler, Musiker und Schauspieler setzen alte Friedhöfe neu in Szene, es finden Führungen statt, Ornithologen stellen Vögel vor.

Well hat in Unna an diesen Bestrebungen mitgewirkt und Vorträge gehalten: „Wir wollen mit den Menschen ins Gespräch kommen und zeigen, dass Friedhöfe lebendige Orte sind.“ Das Reich der Toten muss man nicht fürchten. Tore zum Friedhof sind Tore zu einer anderen Welt. Aber auch Tore zu unserer eigenen Seele.

Weil sie die Wichtigkeit dieser Tore kennt, ist Well Mitglied im Friedhofsausschuss der evangelischen Gemeinde Dellwig in Fröndenberg: „Unser Friedhof ist so alt und so schön und man merkt – die Menschen hängen dran.“ Um das Gestrige für die Zukunft zu bewahren, werden dort die alten Grabsteine, deren Zeit abgelaufen ist, bewahrt und auf einem Rasenstück ausgelegt. Und auch in Sachen neuzeitlicher Begräbniskultur tut sich etwas: „Das Individuelle wird wieder wichtiger. Die Porträts auf Grabsteinen kehren zurück.“

Zudem habe in der mobilen modernen Gesellschaft etwas Bestand: „Die Mutter will dort begraben werden, wo sie gelebt hat. Nicht dort, wohin der Sohn, aufgrund beruflicher Veränderungen, gezogen ist.“ Als Orte der Erinnerung bleiben Friedhöfe insofern nicht nur unersetzlich, sondern auch unverwechselbar.

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