Wissenschaft

Forscher werden forscher beim Erläutern ihrer Ergebnisse

Der Professor der Experimentalphysik aus Krefeld: Achim Eickmeier.

Der Professor der Experimentalphysik aus Krefeld: Achim Eickmeier.

Foto: Kai Kitschenberg

Ruhrgebiet.   Wissenschaftler aus der Region entdecken die neue Lust am Erklären. Sie erfinden Formate, mit denen sie ihre Ergebnisse den Menschen nahebringen.

Wir wissen natürlich nicht in jedem Einzelfall, ob es für die vier Wissenschaftler ein großer Schritt war, am Abend des 21. Juni 2017 die Bochumer Szenekneipe „Tucholsky“ zu betreten. Für die Ruhr-Universität war es auf jeden Fall einer: Sie bot eine Art Lehrveranstaltung an in einer Umgebung, die eigentlich geprägt war von Bier und Wein und lauter Unterhaltung. Das Thema konnte – im weitesten Sinne – populärer nicht sein: „Donald Trump und die Welt.“

Da saßen sie dann, der Politologe, der Psychologe, der Historiker und die Medienwissenschaftlerin, jeweils an einem eigenen Tisch, und hielten kurze Vorträge zum Thema. Anschließend Fragerunde, anschließend Tischwechsel. „Die Leute haben es geliebt. Sie hatten ihren Wissenschaftler für sich und konnten die eigenen Fragen stellen“, sagt eine, die dabei war. Was aussah wie ein Kennenlernspiel für aufgeschlossene Erwachsene – war es in einem gewissen Sinn tatsächlich: Kann man Wissenschaft vermitteln in der natürlichen Heimat der Stammtischparole?

Die Frage ist noch zu kurz gegriffen. Warum stehen plötzlich so viele Wissenschaftler im Ruhrgebiet auf Bühnen? Warum berechnet einer aus Dortmund für eine amüsierte Öffentlichkeit alle vier Jahre, ob Deutschland Fußball-Weltmeister wird? Redet eine andere in Essen im Kino über das Hollywood-Klischee vom irren Forscher? Geben in Deutschland ihre besten Exponate in ein Schiff, damit Kinder damit hantieren können? Schlagen sich im ganzen Revier die Nacht um die Ohren, naja, den späten Abend, damit die Leute ihnen im Labor über die Schulter gucken können? Die bringen doch auch Dreck rein! Nun, warum? Gibt es das: die neue Lust, zu erläutern?

„Wir haben eine Bringpflicht. Wir haben Geld der öffentlichen Hand“, sagt Barbara Kruse, die Dezernentin für Kommunikation der Ruhr-Universität Bochum. Hier sind sie ständig auf der Suche nach neuen Formaten, mit der Wissenschaft Leute zu erreichen, die eigentlich schreiend weglaufen würden, wenn sie, sagen wir, „Theoretische Physik“ hören.

Formate wie die Kneipengespräche. Vorträge von Wissenschaftlern über ihre Forschungsreisen. Ausstellungen der besten Fotos aus der Forschung. Und so weiter, und so fort. „Als das anfing, musste man ganz schön ziehen an den Wissenschaftlern. Die jungen Leute sind da viel aufgeschlossener“, sagt Kruse. Freilich gab es auch immer schon den Typ Hanns Hatt (69): Als Duftforscher hat er eigentlich zu tun mit verschärfter Molekularbiologie, kann seinen Stoff aber auch auf einem Jahrmarkt vermitteln.

Der Forscher im Film „Die Fliege“

Im Sommer 1957 kauften viele Leute den „Playboy“ wohl nur, weil darin die Horrorgeschichte „Die Fliege“ abgedruckt war. Daraus wurde ein Spielfilm, den die Medienwissenschaftlerin Petra Pansegrau kurz vor Weihnachten 2017 in Ausschnitten im Filmstudio „Glückauf“ in Essen zeigt: jene großen Szenen, in denen der Wissenschaftler André Delambre sich versehentlich mit einer Fliege gekreuzt hat. Nun sitzt der große Fliegenkopf auf seinem Hals und der kleine Menschenkopf auf der unglücklichen Fliege. Wie lustig ist das denn!

Pansegrau wird Delambre einordnen beim Hollywood-Klischee des irren Wissenschaftlers, Untergruppe: die ungewollt zum Opfer ihrer eigenen Forschung werden. Zwei weitere Stereotype arbeitet sie noch heraus an diesem amüsanten Abend: den Abenteurer à la Indiana Jones und den Liebenswerten, aber Lebensuntüchtigen wie Doc Emmett Brown aus „Zurück in die Zukunft“. Prinzipiell hat dieser Typus auszusehen wie Albert Einstein! „Meist mit sehr abstrusen Dingen befasst, ein bisschen verwirrt und verpeilt“, sagt Pansegrau. Am Ende: großer Beifall. „Heute betreiben mehr Wissenschaftler die Kommunikation ihrer Forschung, da sie im wesentlichen öffentlich finanziert wird“, sagt sie später.

Die Leute wollen mehr wissen

Ist es also nur das? Ein Gefühl oder Druck, sich rechtfertigen zu müssen? Professor Ute Schneider sieht das teilweise auch so, betont aber andere Aspekte. „Es ist eine Anforderung der Gesellschaft, dass die Leute mehr wissen wollen und wissen können. Und es gibt bei uns das Bedürfnis und die Aufgabe, unsere Erkenntnisse zu popularisieren und bekannt zu machen“, sagt die Essener Historikerin und kommissarische Leiterin des „Kulturwissenschaftlichen Instituts“ der drei Ruhrgebiets-Universitäten.

Schneider erinnert daran, dass „Wissenschaftler sich immer an ein breites Publikum gewandt haben. Der Historiker Theodor Mommsen hat an Reiseführern mitgeschrieben und für seine ,Römische Geschichte’ den Nobelpreis für Literatur bekommen.“ Freilich hat sich die Kommunikation der Hochschulen geändert, so gab es jüngst die Nachricht, einen wärmedämmenden Beton entwickelt zu haben. „Vor 20 Jahren wäre das in einer Fachzeitschrift der Bauwirtschaft abgehandelt worden. Heute macht die Uni selbst daraus eine große Meldung, in der alles erklärt wird“, sagt Schneider.

Einsicht, Experiment, Erkenntnis

Auch mit dem alten Namen „Jenny“ hätte die „MS Wissenschaft“ mühelos ins Hafenviertel gepasst. Jetzt, 2013, liegt sie in Dortmund und hat 105 Meter Einsicht, Experiment und Erkenntnis an Bord, Exponate und Experimente aus diversen deutschsprachigen Hochschulen, und Bildungsbürger bringen ihr lieben Kleinen vorbei, auf das sie sich ausprobieren.

Die Wissenschaftsorganisationen wollen mit dem Schiff „Wissenschaft und Gesellschaft stärker miteinander ins Gespräch bringen“, aber vielleicht bringt es der anwesende Physikprofessor Metin Tolan aus Dortmund doch prägnanter auf den Punkt: „Viele denken, Forschung sei heute so speziell, dass man nicht mitreden könne. Aber hier werden Fakten vermittelt, und auf der Basis von Fakten ist Mitreden wichtig in einer demokratischen Gesellschaft.“

Naturwissenschaften nicht zu ernst nehmen

Ein bisschen meint man da, Tolan habe die Fake-News-Debatte aufkommen gespürt; Tolan, der übrigens selbst zur wachsenden Szene der populären Professoren gehört und launige Vorträge hält über die Physik bei James Bond oder im Titanic-Film. Sein Krefelder Kollege Achim Eickmeier, der auf der Bühne mühelos beweist, dass der Weihnachtsmann 822,6 Kinder pro Sekunde besucht, erklärt sein Tun so: „Wenn man die Naturwissenschaften zu ernst nimmt, ist das genau das Abschreckende.“

Man müsse sie „so spannend machen, dass die Leute sich damit auseinandersetzen“. Ihm dient der Mut zum Populären auch dazu, Nachwuchsmangel der Naturwissenschaften zu bekämpfen. Eickmeier kann auch beweisen, dass der Schlitten des Weihnachtsmanns beladen 410 400 Tonnen wiegt – „ohne den Weihnachtsmann, der als stark übergewichtig beschrieben wird“.

Wissen im Mitnahme-Format

Die Dasa, die „Arbeitswelt Ausstellung“ in Dortmund, krempelt just in diesen Tagen ihre Veranstaltungen um. Aus dem „Denker-Donnerstag“ wird der „Science Pub“: kein Vortrag eines Einzelnen von vorne herab mehr, sondern die Diskussion dreier Fachleute mit einbezogenem Publikum im Rund. Wichtige Themen sollen näher an der Lebenswelt der Gäste erklärt werden. Grundsätzlich aber sagt die Dasa-Sprecherin Monika Röttgen: „Die Medienwelt fordert mehr und mehr ein Erklären im Sendung-mit-der-Maus-Stil. Die Zunahme an portionierter Wissensaufbereitung hat durch die Digitalisierung und die Mitnahme von Wissen im handlichen Smartphone-Format deutlich zugenommen.“

Wer als Wissenschaftler auf der Bühne der Frage nachgeht, ob eine Liebesnacht die Raumkrümmung beeinflusst, darf auf allergrößtes Interesse hoffen. Ebenso der Physiker, der die Weisheit „Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln“ auf die Probe stellt. Es geht um „Science Slams“, um Rednerwettbewerbe. Aber das ist eine weitere Geschichte zu demselben Thema.

>> SCIENE SLAM: ERKLÄREN WIE LARA CROFT

Ihr Thema sind Ausgrabungen gewesen, aber auf der Bühne sagt die Archäologin Sabine Hornung lieber: „Ein Quantum Erde“. Da steht sie dann, angezogen wie Lara Croft, dazu Pistole in der Rechten, und erzählt, wie sie und ihr Team Römer in Hermeskeil nachwiesen. Nämlich auf der Basis allgemeiner Lebenserfahrung: „Wo viele Kerle sind, ist viel Alkohol.“ Die gesuchten Scherben von Weinamphoren fanden sich prompt ein. Römische. Heureka!

Das war auf der Deutschen Science-Slam-Meisterschaft 2015 in Dortmund. Überwiegend junge Forscher treten bei diesen Wettbewerben mit ebenso neckischen wie befristeten Vorträgen gegeneinander an, und das Publikum entscheidet, wer gewinnt. „Wir haben nicht das Gefühl, dass sich das Format zurückentwickelt, im Gegenteil“, sagt Sven Gettys heute, Veranstalter und Kommunikationstrainer aus Dortmund. Inzwischen gebe es in jeder deutschen Stadt mit einer Hochschule auch Science Slams. Ein akademisches Massenphänomen: mit weiteren zehn Terminen in Deutschland nur in den nächsten sechs Wochen.

Vorträge, Blogs, Podcasts

Für Gettys sind die Slams neben dem Wettbewerb der Universitäten untereinander ein Grund dafür, dass Wissenschaftskommunikation „einen ganz anderen Stellenwert bekommen hat. Noch vor zehn Jahren war die verständliche Pressemitteilung das Maß der Dinge.“ Und heute? Vorträge, Blogs, Podcasts, Facebook, Snapchat.

„Nutzt alle Medien und Kanäle, die euch zur Verfügung stehen . . . Erzählt Geschichten. Schmückt sie. Macht sie sexy. Macht sie interessant. Macht sie verständlich“, heißt es in einem Aufruf zum ,Forum Wissenschaftskommunikation’ Ende 2017 in Braunschweig: „Erst dann kann Wissenschaft (...) ihre ganze aufklärerische Kraft entfalten und das gefühlte Chaos aus Ignoranz und Lügen wieder etwas in Ordnung bringen. Lasst uns, im Namen des aufgeklärten Humanismus, die besseren Geschichten erzählen.“ Und so kommt es dann, dass ein Vortrag über, nun ach, Fluor in Kontrastmitteln so beginnt: „Fluor ist der Hannibal Lecter unter den Molekülen.“ So beginnen gute Geschichten . . .

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik