Schule

Experten warnen: Das Tablet ersetzt nicht die Handschrift

Manche Schüler drücken den Stift zu stark aufs Papier, dann kann die Hand beim Schreiben schnell wehtun.

Manche Schüler drücken den Stift zu stark aufs Papier, dann kann die Hand beim Schreiben schnell wehtun.

Foto: dpa Picture-Alliance / Felix Heyder

Essen.   Kinder lernen durch das Schreiben mit der Hand mehr als nur das Notieren. Doch immer mehr Schüler haben Schwächen. Wie man Hindernisse ausräumt.

„Was soll das heißen?“ Maries Mutter zeigt auf das Gekrakel ihrer Tochter. Sie kann nicht erkennen, was Marie geschrieben hat. Ihr Bruder Ben malt die Buchstaben zwar sehr deutlich auf Papier, aber nach wenigen Minuten stöhnt er: „Meine Hand tut mir weh.“ Seit Jahrhunderten schreiben die Menschen mit der Hand. Doch heute beobachten Lehrer an Grundschulen, dass es Kindern schwerfällt. Dabei lernen sie mit der Handschrift wesentlich mehr, als bloß Notizen zu machen.

„Neurowissenschaftliche Studien belegen, dass beim Handschreiben zwölf Hirnareale aktiv sind und mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke zusammenarbeiten“, sagt Marianela Diaz Meyer, Leiterin des Schreibmotorik Instituts in Heroldsberg. „Wenn wir vom Handschreiben sprechen, denken wir meistens an die Schrift. Dabei sind die Bewegungen, die zur Schrift führen, das Entscheidende – die sogenannte Schreibmotorik.“

Das Schreiben mit der Hand hinterlässt Spuren im Gehirn

Menschen merken sich Zusammenhänge besser, wenn sie ihre Notizen nicht in den Computer tippen, sondern mit der Hand aufschreiben. Die Ärztin und Schreibtherapeutin Silke Heimes (50) erklärt: „Beim Schreiben bewege ich meine Finger in komplexen Bewegungen, jeder Buchstabe erfordert ein anderes Bewegungsmuster. Bei der Tastatur hingegen müssen die Finger immer nur hoch und runter, hoch und runter.“ Die anspruchsvollen Bewegungsmuster beim Schreiben mit der Hand hinterließen eine Spur im Gehirn. Und das fördere die Fähigkeit, sich Dinge besser zu merken.

„In der Pädagogik gibt es den Spruch: ,Lernen mit Kopf, Herz und Hand.’ Das heißt: Wenn man etwas ergreift, dann begreift man es auch eher“, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). „Wer mit der Hand schreibt, muss viel genauer planen, was er schreiben will. Das führt letztendlich dazu, so zeigen auch wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Kinder lernen zu schlussfolgern, logisch zu denken.“

Viele Kinder können keine 30 Minuten lang schreiben

Der 66-Jährige hat selbst an Schulen in Dortmund und im Sauerland gelehrt. Von Kollegen weiß er, dass Kinder heute weniger in der Lage sind, konzentriert an einem Stück zu schreiben. Dies ist auch ein Ergebnis einer bundesweiten Lehrerumfrage 2015, so Diaz Meyer: „Es ist alarmierend, dass zwei Drittel der Kinder in den weiterführenden Schulen nicht 30 Minuten und länger schreiben können.“

Das Schreibmotorik-Institut startet nun zusammen mit dem Verband eine neue Umfrage unter Lehrern. Sie wollen so herausfinden, welche Schwachstellen Kinder beim Schreibenlernen haben und welche motorischen Defizite sie zeigen. Wobei schon jetzt feststeht, dass die Schwierigkeiten bereits im Kindergartenalter beginnen: Kinder, die heute in die Schule kommen, können sich oft nicht mehr die Schnürsenkel binden, weil es Klettverschlüsse gibt. Ihnen fällt es schwer, eine Jacke zuzuknöpfen, weil ihr Anorak Druckknöpfe hat. Und warum sollten sie noch einen Faden einfädeln, wenn heute keine Socke mehr gestopft wird? Auch das sind kleine Übungen, die die Fingerfertigkeit trainieren.

Urlaubsgruß: eine Whatsapp statt eine Postkarte

„Die Kinder sind gar nicht mehr gefordert“, sagt Beckmann. Früher wollten kleine Kinder ihren Namen schreiben und haben die Buchstaben aus der Zeitung abgemalt. Heute möchten sie ein Smartphone besitzen und darüber einen Smiley verschicken – wie die Erwachsenen. „Im Elternhaus spielt das Thema Handschreiben immer weniger eine Rolle. Die Kinder sehen, dass die Eltern eine Sprachnachricht schicken oder ganz schnell in das Smartphone tippen, anstatt etwas zu schreiben“, so Beckmann. Immer weniger verschicken Postkarten oder schreiben Einkaufszettel.

Wobei sich Eltern fragen: Wenn wir nun einmal im digitalen Zeitalter angekommen sind, ist es dann nicht viel wichtiger für die Zukunft der Kinder, dass sie schon früh lernen, mit der Tastatur oder auf dem Tablet zu schreiben? In der Step-Studie soll es auch darum gehen, ob der Einsatz von Computern das Schreibenlernen mit der Hand beeinflusst. Dabei ginge es nicht darum, diese Techniken gegeneinander auszuspielen, betont Beckmann. Auch Diaz Meyer erklärt, dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, die unterschiedlichen Schreibtechniken miteinander zu kombinieren, etwa beim interaktiven Whiteboard sowie dem Tablet zusammen mit dem Stylus Pen.

Nicht schön, aber lesbar schreiben

Wichtig sei, dass Kinder das Handschreiben lernen. Eine Studie mit Erstklässlern habe 2017 gezeigt, „dass nur eine Stunde wöchentlich mit einer gezielten schreibmotorischen Förderung die Schreibkompetenzen nachweislich positiv beeinflusst“, so Diaz Meyer. Die Mutter von Marie könnte mit ihrer Tochter über die krakelige Schrift sprechen und wie wichtig die Lesbarkeit ist. Dabei geht es nicht ums Schönschreiben, betont Diaz Meyer. „Aber wie weit kann ich den Buchstaben verändern, so dass das A immer noch als A erkannt wird?“

Und Ben findet das Schreiben vielleicht deshalb so anstrengend, weil er mit dem Stift viel zu fest aufs Papier drückt. Auch hier könne man Kindern bewusst machen, wie leicht ein Stift ist und wie wenig Kraft wir brauchen, um damit zu schreiben. Manchmal hilft es auch, einen anderen Stift zu nehmen. „Leichter geht es mit weichen Minen und flüssiger Tinte.“

>> WER HAT BEI DER HANDSCHRIFT DEN BOGEN RAUS?

Im Laufe seines Lebens entwickelt ein Mensch seine eigene Handschrift. Bei dem einem ist das ,S’ geschwungen, beim anderen hat der Buchstabe einen Schnörkel. Doch nicht nur bei der individuellen Schrift gibt es Unterschiede. Auch die Formen der Buchstaben, die Kinder lernen, sind nicht in allen Schulen identisch.

Der Lehrplan in NRW gibt lediglich vor: „Ausgangsschrift für das Lesen und Schreiben ist die Druckschrift. Im Zuge der Verflüssigung des Schreibverlaufs und der individuellen Ausprägung der Schrift entwickeln alle Schülerinnen und Schüler aus der Druckschrift eine gut lesbare verbundene Handschrift.“ Doch welche Methode die richtige ist, darüber streiten sich die Experten. Müssen Kinder überhaupt noch eine neue Schreibschrift lernen, bei der jeder Buchstabe mit dem nächsten verbunden ist, nachdem sie bereits zuvor Druckbuchstaben geübt haben?

Der Grundschulverband NRW empfiehlt daher die „Grundschrift“, die der Druckschrift ähnelt. „Der große Unterschied ist, dass keine zweite Schrift dazukommt“, erklärt Lehrerin und Verbands-Mitglied Linda Kindler (34) aus Dortmund. Der Umweg über die zweite, verbundene Schrift, meist die „Vereinfachte Ausgangsschrift“ werde dadurch den Kindern erspart. „Kinder lernen, die Grundschrift immer flüssiger zu schreiben, sie können die Buchstaben miteinander verbinden, müssen es aber nicht.“

Schreiben mit Luftsprüngen

So machen sie etwa beim Wort ,eine’ wie viele Erwachsene nach dem ,ei’ einen Luftsprung und setzen beim ,ne’ wieder neu an. Wie sie dann die Buchstaben miteinander verbinden, ist ihnen überlassen. Kritiker bemängeln jedoch das Absetzen: Kinder würden bei dieser Silbentrennung nicht verstehen, wann ein Wort anfängt und aufhört.

Dem NRW-Schulministerium liegen keine Zahlen vor, wie viele Schulen welchen Schrifttyp bevorzugen. Auch der VBE-Verband lässt sich auf keine Methoden-Diskussion ein, so sagt der Bundesvorsitzende Udo Beckmann: „Wichtig ist, dass die Kinder überhaupt mit der Hand schreiben.“

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