Gesundheit

Erste Ruhrgebiets-Nesteldecke für Menschen mit Demenz

Es gibt viel zu entdecken: Das Fell ist weicher als das Grubentuch, unter dem Aufnäher versteckt sich eine Kugel – „Glück auf!“ – die neue Nesteldecke im Ruhrgebiets-Design für Menschen mit Demenz.

Es gibt viel zu entdecken: Das Fell ist weicher als das Grubentuch, unter dem Aufnäher versteckt sich eine Kugel – „Glück auf!“ – die neue Nesteldecke im Ruhrgebiets-Design für Menschen mit Demenz.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Für Menschen mit Demenz und unruhigen Händen fertigt Jessica Prumbaum aus Mülheim Nesteldecken. Neu im Angebot: eine Ruhrgebiets-Nesteldecke.

Wohin mit den Händen? Die eine zupft in einer Tour an einer Haarsträhne, der andere fummelt an seiner Strickjacke herum, und wieder eine andere Frau öffnet mitten bei einer Autofahrt die Beifahrertür… Die Hände von vielen Demenzkranken wollen nicht ruhig im Schoß liegen, sie wollen greifen und streichen und ziehen und zupfen. „Auf jeden Fall brauchen ihre Hände Beschäftigung“, schreibt eine Angehörige einer Frau mit Demenz im Internet. „Sie nimmt alles auseinander und hat unheimliche Kräfte. Die Brille hat sie auch schon fast verknotet.“ Das war, bevor die Frau eine Nesteldecke bekam.

Eine bitte was? Wenn Jessica Prumbaum Menschen erzählt, was sie herstellt, ziehen diese häufig die Augenbrauen hoch. Dabei erklärt der Name schon ziemlich gut, was man mit solch einer Decke machen kann: nesteln. Die Hände streichen über die Patchworkdecke, spüren die Rillen des Cords, ertasten die Perle, die sich unter einem glatten Stoff versteckt. Und dann ziehen die Finger den Reißverschluss einer Tasche auf und wieder zu. Seit über fünf Jahren stellt Jessica Prumbaum diese Fühldecken her. Ganz neu im Sortiment: eine Ruhrgebiets-Nesteldecke, mit Förderturm oder Schlägel und Eisen.

Eigentlich ist die 51-Jährige Betriebswirtin, aber als Mutter von drei Kindern hat sie ihren Beruf nicht wirklich ausüben können. Dann brachte ihr eines Tages eine Freundin einen Artikel über Nesteldecken mit, die die Ergotherapeutin Gudrun Schaade aus Hamburg erfunden hat, und Jessica Prumbaum dachte: Das probiere ich aus!

Sie näht seit der Kindheit

Sie näht seit ihrer Kindheit in Essen. „Zunächst Berge an Kleidung, dann Karnevalskostüme für die Kinder.“ Später stellte sie Patchworkdecken her. Wenn man heute vor ihrem Haus in Mülheim steht, wird man mit einer fröhlichen gelb-roten Patchworkdecke auf einer Hollywoodschaukel begrüßt. Auch die farbenfrohen Nesteldecken stellt sie aus quadratisch geschnittenen Stoffstücken zusammen.

In ihrem Nähzimmer stapeln sich Kisten. Grün, Rot, Blau – die Stofffarbe steht auf dem jeweiligen Karton, darin liegen die Stoffquadrate. Die Textilien bekommt sie etwa nach Wohnungsauflösungen, auch auf Flohmärkten wird sie fündig.

Jessica Prumbaum achtet darauf, dass die Stoffe unterschiedlich sind, hart oder weich, glatt oder geribbelt – das fühlt sich unter den Fingerspitzen anders an. Auch flauschiges Fell hat sie schon verarbeitet. Echtes oder Kunstfell, je nach dem, welchen Stoffrest sie gerade da hat. Aber sie achtet darauf, dass das unterstützende Therapiemittel bei 40 Grad gewaschen werden kann. Extra-Anfertigungen für die 60-Grad-Wäsche seien auch möglich.

An einer Leine an einer Wand ihres Nähzimmers hängen Dutzende Krawatten. Den festen Stoff vernäht sie ebenfalls gerne, samt eines Holzrings, den man über das Schlipsstück hin- und herschieben kann. Weitere Kisten hat sie gefüllt mit Perlen oder Knöpfen oder Bändern, auch dicke Haarbänder sind dabei. Karabinerhaken bringt sie manchmal an den Decken an, die lassen sich öffnen und schließen. Oder mit einem Foto von den Liebsten in einer Plastikhülle ergänzen.

Sie kauft nicht nur Stoffe, sondern auch oft im Baumarkt ein

„Ich bin ein guter Kunde vom Baumarkt“, sagt Jessica Prumbaum schmunzelnd. So sind in ihrem Zimmer graue Isolierungsrohre aus Schaumstoff, die sie zu Ringen zerschneidet und im Stoff versteckt. Sie lassen sich wunderbar zusammendrücken. An anderer Stelle sind Holzdübel oder die Plastikglieder von Absperrketten eingenäht. Fliesenkreuze, Kabelbinder, Muttern – auch die lassen sich ertasten.

Ich muss mich in die Leute hineinversetzen: Woran haben sie Spaß?“, erzählt Jessica Prumbaum. „Es geht nicht darum, etwas zurückzubringen, was der Mensch mal konnte, sondern dass er sich in dem Augenblick erfreut, wenn er an einer Perle dreht.“ Für Pfleger seien die Nesteldecken ebenfalls eine Erleichterung. Da sie die Menschen mit Demenz so besser waschen und cremen können, während sie die dicken Fäden auf der Nesteldecke ordnen.

Wobei die Reaktion auf die Decken unterschiedlich seien, so Jessica Prumbaum. Die einen werden dadurch ruhig, die anderen fangen an zu erzählen. Vielleicht von der Zeit unter Tage, wenn sie über das Grubentuch auf der neuen Ruhrgebietsmotivdecke (39 €) streichen oder die Kugel spüren, die sich unter dem Aufnäher verbirgt mit der Aufschrift: Glück auf!

Jessica Prumbaum fertigt große Decken an, die man sich über die Knie legen kann, und kleinere, die aber auch noch größer sind als zwei Tischsets zusammen (69 € / 37 €). Sie stellt Kissen her und eine Art Läufer mit Taschen zum Karten-Hineinstecken, der auch für Patienten mit Hand-Problemen interessant sei, etwa bei Arthrose oder nach einem Schlaganfall.

„Cindy“ und „Bert“ nennt sie Modelle ihres Nestelmuffs (39 €), an dem man außen nesteln kann und sich im Inneren die Hände wärmt. „Viele alte Leute haben kalte Hände“, so Jessica Prumbaum, daher würde der Muff auch im Sommer gekauft. Die Decken sind auf der Unterseite ebenfalls aus flauschig-warmen Fleece.

Decken für Senioren, nicht für Kinder

„Ohne diese Decke kann er nicht einschlafen, er liebt sie über alles“, beschreibt eine Kundin auf Jessica Prumbaums Internetseite die Wirkung bei ihrem Mann, der demenzkrank ist. An manchen Decken hängen Kuscheltiere: Robbe, Hase, Maus. Aber Prumbaum betont: „Ich mache keine Kinderdecken.“ Sie zeigt keine kindlichen Motive und vernäht kein Knisterpapier, an dem sich Babys erfreuen. „Die meisten in dem Alter hören ja schlechter.“

Jede Decke ist ein Einzelstück. Zudem berücksichtigt Jessica Prumbaum individuelle Wünsche, stickt einen Namen ein, macht aus der Decke eine Schürze. Oder ein Kunde gibt ihr einen Stoff, den der Mensch mit Demenz besonders mochte, eine Bluse oder Bettwäsche. Er wird Teil der Decke. Auch für Fußballbegeisterte hat sie schon genäht, Decken mal in Blau-Weiß, mal in Schwarz-Gelb, mit Fransen vom Fanschal und einem kleinen Fußball. „Einen weichen, den man in der Hand schön drücken kann.“

nesteldecke.de

Drei Fragen an: Nadja Busch (40), Ergotherapeutin und Autorin des Buchs „Handmotorik“

1 Sie haben in einem Pflegeheim für Demenzkranke Nesteldecken getestet, wie waren die Reaktionen der Bewohner?

Durchweg positiv. Je nach Persönlichkeit beruhigte oder aktivierte die Decke den demenzkranken Menschen. Einige Bewohner begannen sogar wieder zu erzählen und schilderten, wie das Nähen einst wesentlicher Bestandteil ihres Lebens gewesen war.

2 Waren die Nesteldecken auch für die pflegenden Personen eine Hilfe?

Ja, denn vorher haben die Bewohner sich oft mit dem Zweckentfremden anderer Gegenstände beschäftigt, wie das Reiben an der Tischdecke und dem Umherschieben von Möbeln. Durch die Maßnahme gab es mehr Ruhe und somit weniger (Aufräum-)Arbeiten.

3 Über „Handmotorik“ in der Altenpflege haben Sie ein Buch geschrieben (Verlag an der Ruhr, 152 S., 17,99 €). Warum ist es so wichtig, dass Menschen im Alter ihre Hände beweglich halten?

Die Hände sind der Schlüssel zur Welt. Ohne sie können wir nur schwer kommunizieren, uns selbst versorgen und viele Hobbys nicht mehr ausüben. Haben Sie schon mal versucht, Ihren Kaffee oder Tee zu trinken, ohne die Hände zu gebrauchen? Ich glaube, das erklärt die Bedeutung der Hände in unserem Leben. Der alte Grundsatz „Wer rastet, der rostet“ ist heute immer noch aktuell.

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