Karneval

Enkelin aus Dortmund erbt Amt und Orden vom jecken Großvater

Nina Beckmann im Dortmunder Kinderkarneval.

Foto: Ralf Rottmann

Nina Beckmann im Dortmunder Kinderkarneval. Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Nina Beckmann ist „Präsident“ eines Karnevalsvereins. Jünger ist kein Amtskollege in Dortmund. Warum die 29-Jährige gern das jecke Amt übernimmt.

Diese Frau war schon als Baby jeck. Anzunehmen, dass sie nichts davon wusste, sie lag noch in Windeln, kannte nicht Karneval noch Kamelle und ahnte auch nicht, was es heißt, eine Närrin in Dortmund zu sein. Aber Nina Beckmann „hatte keine Wahl“ und findet das wunderbar: Sie wurde hineingeboren in dritter Generation in einen Karnevalsverein. Und ist heute seine Präsidentin.

Es ist vieles ungewöhnlich an dieser Geschichte, doch dann steht da Nina Beckmann, Clownsmütze auf dem Kopf, rote und blaue Herzchen auf den Wangen, Fellstiefel an den Füßen – und ist ganz normal. Weil sie ihre Entwicklung ganz normal findet: „Ich kenn’s nicht anders.“ Der Karneval war schon da, bevor sie denken konnte, und das Amt, bevor sie noch recht darüber nachdenken konnte. Sie war ja schon zweite Vorsitzende bei „So fast as Düörp’m“, sie leitete die Tanzgarde des Vereins aus dem närrischen Jahr 1911, da war sie gerade 14.

Den Orden gar er ihr auf dem Sterbebett

Doch dann starb ihr Großvater: der Mann, der 30 Jahre lang die Geschicke der Jecken geführt hatte, der Mann, der „nichts anderes hatte als Karneval“, der Mann, den man kannte über den „Bund Ruhrkarneval“ hinaus, Bernd Kneer. Auf dem Sterbebett legte er seiner Enkelin den schweren, steinbesetzten Präsidentenorden in die Hand: „Kümmer’ dich um meinen Verein.“ Die junge Frau hat noch heute feuchte Augen, wenn sie davon erzählt: „Das war sehr emotional.“

Nina Beckmann war 26, jemand musste übernehmen, „und für den kompletten Verein war klar: Das war ich“. So wurde sie Präsidentin, die jüngste in der Stadt und immer noch eine von nur zweien: „Die Frauenquote“, sagt sie, „ist im Karneval sehr, sehr gering.“ Sie kennt das ja selbst noch so von ihrer Mutter: Die Frauen kassieren, backen, nähen Kostüme, die Männer repräsentieren.

Gerade zum Beispiel ist Kindersitzung in Dortmund; an der Theke steht Heike Beckmann, die zweite Kassiererin, und gießt Fanta in die Gläser, auf der Bühne dankt Alexander Beckmann-Olschowka für die „Darbietungen“ der Narrenzünfte „Blau-Weiß“, „Blau-Gold“ und „Blau-Rot“ – er ist der Sitzungspräsident.

Mit 88 Jahren ist Lotti die Vereinsälteste

Es gibt bei „So fast as Düörp’m“ noch andere wie die Beckmanns, zu denen auch Norman gehört, der „Organisationsleiter C“. Die Meiers zum Beispiel, mit Olaf (Organisationsleiter B), Karina (Gardebetreuerin), Lotti vor allem, mit 88 Jahren Vereinsälteste. Zeugwartin ist die und bekommt unter Tränen der Rührung an diesem Tag den Orden des Kinderkarnevalsprinzen umgehängt. Lottis Enkelin tanzt in der Garde. „Wir sind eine große Karnevalsfamilie“, sagt Nina Beckmann, und das ist es, was ihr gefällt.

Der Zusammenhalt, dass alle mitmachen und jeder jedem hilft. Den Düsseldorfer Karneval, nun ja, das fand sie mal „interessant“, aber „die Ruhrpottmenschen sind anders“. Was stimmt, aber sind die auch ordentlich jeck? „Im derben Ruhrgebiet so eine Geselligkeit zu haben“, findet Nina Beckmann, „ist besonders viel wert.“ Weil hier auch im Karneval „alles erkämpft und erarbeitet wird“. Man könne sich in ihrem Dortmunder Verein „aufeinander verlassen“.

Demokratie im Karnevalsverein

Zwar hat die gelernte Krankenkassen-Betriebswirtin ihm etwas junges Leben einhauchen müssen. Nach über 100 Jahren hatte die Truppe, nun, „eigene Strukturen“, und über vielem stand ein gewisses „So muss es gemacht werden“. Nina Beckmann also führte so etwas wie „Demokratie“ unter den 35 aktiven Mitgliedern ein und statt der schwarzen Blusen einen „pfiffigen Schal“ in den Vereinsfarben Rot und Blau.

Ihre Tanzgarde lässt sie zur Erkennungsmelodie der „Sesamstraße“ einziehen. Sie selbst trägt zur offiziellen Sitzung natürlich auf dem Kopf ein „seriöses Schiffchen“ und die wichtigsten Orden. Den vom Opa, die anderen 150 eher nicht. „Wenn ich die alle umhängen würde, könnte ich mich nicht mehr bewegen.“

Bis Rosenmontag hat Nina Beckmann nun noch „Stress, aber positiven“. Danach zwei, drei Wochen Urlaub vom Karneval, bevor sie das neue Sessionsmotto sucht. Zum „krönenden Abschluss meiner Karriere“, also vermutlich irgendwann in sehr ferner Zukunft, hat die Präsidentin einen Traum: „Einmal Karnevalsprinzessin sein.“ Den Prinzen dazu hat sie zuhause. Nur, leider, ist der kein Jeck.

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