Weihnachten

Engel - Wie die himmlischen Boten die Menschen beflügeln

Küssende Engel in der Kirche St. Johann Baptist in Dortmund-Brechten: Diese beiden pausbäckigen Köpfe stammen schätzungsweise von 1710, sie zieren die Kanzel.

Küssende Engel in der Kirche St. Johann Baptist in Dortmund-Brechten: Diese beiden pausbäckigen Köpfe stammen schätzungsweise von 1710, sie zieren die Kanzel.

Foto: Fabian Strauch

Ruhrgebiet.  Engel werden immer beliebter, weil sie menschlich sind und trotzdem über der Erde schweben. Das sehen Vertreter der christlichen Kirchen durchaus kritisch.

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Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? (Lukas 1, 26-29)

Sie stecken in der Hosentasche als Glücksbringer und zieren Tigel mit Gesichtscreme. Sie halten Kerzen in den Händen und strahlen von Kaffeetassen. Sie baumeln am Rückspiegel des Autos ebenso wie am Christbaum. Eigentlich sollten sie für den Menschen meist unsichtbar sein, doch wo man heute auch hinschaut, sieht man sie: Engel. Und es werden immer mehr. Woher kommen sie, wie bekamen sie ihre Flügel – und was macht die Faszination aus, die von ihnen ausgeht? Einerseits sind sie aus der Bibel und aus vielen Gotteshäusern nicht wegzudenken, andererseits sehen Vertreter der christlichen Kirchen die wachsende Begeisterung für die geflügelten Wesen kritisch.

Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. (Lukas 1, 30-31)

So wie Gabriel Maria die Geburt Jesu verkündet, finden sich viele Stellen in der Bibel, bei der Engel den Menschen eine Botschaft von Gott überbringen. Schon das Wort „Engel“ deutet auf ihre Funktion hin. Es stammt aus dem Griechischen: „angelos“ – und bedeutet: „Bote“ oder „Abgesandter“.

Denn Gott tritt nicht persönlich in Erscheinung. Er ist für die Menschen nicht greifbar, wie es auch die zehn Gebote vorsehen: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen“. „Du sollst nicht und du kannst nicht“, erklärt Dr. Herbert Fendrich das Gottesbild der Christen. „Du kannst dich nicht festlegen auf eine bestimmte Gestalt oder eine festgelegte Metapher“, sagt der Bischöfliche Beauftragte für Kirche und Kunst des Bistums Essen. Die Engel jedoch kommen dem Menschen näher. Sie überwinden die Distanz zu Gott und schlagen eine Brücke zwischen Himmel und Erde. Fendrich: „Sie tauchen in der Bibel immer da auf, wo Menschen Erfahrungen mit Gott machen.“

Er ringt mit einem Mann bis zur Morgenröte

Dabei werden sie nicht stets „Engel“ genannt: Die biblische Geschichte über Jakob, der seinen Bruder Esau hintergeht, führt Jakob schließlich ans Ufer des Flusses Jabbok, wo er mit einem Mann bis zur Morgenröte ringt. Jakob lässt ihn nicht gehen, solange er ihn nicht gesegnet hat. Wer ist dieser Unbekannte, der seinen Namen nicht preisgibt? „In der ganzen Geschichte kommt das Wort Engel nicht vor“, sagt Fendrich. Trotzdem wird der Kampf Jakobs mit dem Göttlichen immer wieder so gezeigt, dass er mit einem geflügelten Wesen ringt: bei Rembrandt ebenso wie bei Marc Chagall.

Ein Schutzengel von der Geburt bis zum Tod 

Häufig erscheinen Engel auch auf der Erde, um Menschen zu beschützen. „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ (Psalm 91,12). Insbesondere in der katholischen Tradition glauben die Menschen, dass sie von der Geburt bis zum Tod von einem Engel beschützt werden. Da ein Engel anscheinend nicht ausreicht, werden heute Schutzengel verschenkt. Meist sind sie so klein, dass man sie fest in der Hand halten oder in der Tasche verschwinden lassen kann. Oder sie werden in den Wagen gehängt – als Wegbegleiter bei 180 Sachen über die Autobahn.

Ganz so schnell ging es bei Tobias natürlich nicht, als er sich auf den Weg machte, um für seinen erblindeten Vater das Vermögen zu holen, das er einst bei einem Verwandten hinterlegt hatte. Aber auch er wird beschützt, von Rafael. Im „Buch Tobit“ im Alten Testament begleitet er ihn. Der Engel warnt Tobias nicht nur vor einem Fisch, der ihn verschlingen will. Er weist ihn auch auf die heilende Kräfte von Leber, Herz und Galle des Fisches hin, mit denen Tobias schließlich seine zukünftige Frau Sara von einem Dämonen befreien und seinen Vater wieder sehend machen kann. Der Leser dieser Verse weiß, dass es sich bei Rafael um einen himmlischen Gesandten handelt. Tobias und sein Vater Tobit jedoch nicht. Erst zum Schluss offenbart sich Rafael: „Ich bin Rafael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten.“ (Tobit 12,15)

Schaut man sich Gemälde von dieser biblischen Geschichte an, wird Rafael wiederum mit Flügeln gezeigt. So stellen sich Menschen seit jeher Engel vor: mit Flügeln auf dem Rücken. Zwei Flügeln. Doch im Buch Tobit steht nicht, dass Rafael Flügel hat. Nicht mal einen bringt er zum Schwingen.

Wie kommen die Engel nun zu ihren Flügeln? Müssen sie sich erst ihre Flügel verdienen, wie Clarence in dem Weihnachtsfilm „Ist das Leben nicht schön?“

Die Engel waren nicht die ersten geflügelten Wesen, die die Menschen kennenlernten. Bereits in der griechischen Mythologie gab es etwa Hermes mit seinen Flügelschuhen. Allerdings sind die Engel in der Bibel nicht so eigenständig wie der Götterbote, sie sind Ausführende von Gottes Willen. „Es ist alles Bildsprache, um die Bedeutung deutlich zu machen“, erklärt der Theologe Fendrich die Flügel. „Also zum Beispiel die Fallhöhe: Wer ganz oben war, ist nun ganz unten.“

Engel haben auch mehr als zwei Flügel 

Und wer sagt, dass Engel nur zwei Flügel haben? „Seraphim standen über ihm; ein jeglicher hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie.“ (Jesaja 6, 2) In der frühmittelalterlichen Einteilung in neun Chöre stehen Seraphim in der Hierarchie weit über den Erzengeln, die den Menschen die göttlichen Weisungen überbringen. Die wiederum sind über den Engeln angeordnet, die die Menschen umsorgen.

Ebenso ist nicht gesagt, ob sie – wie oft dargestellt – Jünglinge waren. „Auch Gott hat kein Geschlecht“, betont Fendrich. „Wir haben da in Deutschland ein grammatikalisches Problem.“ Sogleich zitiert er das Gedicht von Rudolf Otto Wiemer: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein, oft sind sie alt und hässlich und klein, die Engel.“

Vielleicht so klein wie der Barockengel. „Der Putto ist eine spezielle Form der Engelsdarstellung, und zwar eine, die auf die antike Darstellung des Cupido zurückgeht“, erklärt Fendrich. Besser bekannt ist dieses Engelchen als Amor oder Eros, der kleine geflügelte Liebesgott. Engel schrumpfen auf Kleinkindgröße.

Die Engel werden niedlich, pausbäckig und erfüllen das Kindchenschema. Bei dessen Anblick geht vielen Menschen das Herz auf.

177 Engeldarstellungen sollen die Evangelische Kirche in Essen-Werden schmücken. Dabei handelt es sich oft um „Kopfflügler“: Ihre Flügel tragen diese anmutigen, reinen Wesen am Kopf. „Die Flügel sind nicht zum Fliegen dar“, erklärt Pfarrer Karlheinz Peter, der Jahrzehnte lang in der Kirche predigte. „Die Flügel deuten an, dass es Engel sind, die Gefahren überwinden“, so der 82-Jährige. Diese Engel „sprechen die Menschen an.“

Die Menschen verbinden positive Eigenschaften mit den Engeln. Wobei Engel auch Urteile Gottes vollstrecken, warnen, klagen und strafen: „Und der Engel nahm das Räuchfaß und füllte es mit Feuer vom Altar und schüttete es auf die Erde. Und da geschahen Stimmen und Donner und Blitze und Erdbeben“ (Offenbarung 8, 5). Die himmlischen Heerscharen sind nicht immer liebreizend. Schon den Eingang des Paradieses bewachen furchteinflößende Engel – Cherubim – mit flammendem Schwert. Ganz zu schweigen von den „gefallenen Engeln“, die gesündigt haben.

Engel – Seelentröster und Werbefigur 

Was jedoch alle Engel eint: Sie beflügeln die Fantasie. Fendrich kritisiert: „Das Thema ist in die falschen Hände gefallen: Esoterik, Kommerz, Werbung.“ Ob Versicherung oder Pannendienst: Alle bedienen sich der Engel und ihrer positiven Eigenschaften. Und so gibt es auch mehr und mehr Menschen, die sich von Gott abwenden und nur an Engel glauben.

Ein berühmtes Beispiel ist Sarah Connor. Die Pop-Sängerin sagte kürzlich in einem Fernsehinterview, dass sie an Engel glaube: Sie habe etwas Höheres gefunden, „zu dem ich auch spreche, was ich rufe, bei dem ich mich auch bedanke. Ich nenne es: meine Engel.“

„Es gibt ein großes Bedürfnis nach solchen Wesen, die irgendwie menschlich sind, aber doch über der Erde schweben“, sagt Andreas Duderstedt, Sprecher der Evangelische Kirche von Westfalen. Und der katholische Theologe Thomas Ruster von der Technischen Uni Dortmund erklärte in einem Interview: „Menschen brauchen heute mehr denn je einen Gegenpol zur nüchternen Alltagswelt, zur sozialen Kälte in unserer Gesellschaft. Doch kaum jemand traut sich, zu seinen spirituellen Bedürfnissen und Sehnsüchten zu stehen.“ Ruster will sogar eine eigene „Engelsreligion“ ausgemacht haben, bei der es um die Erfüllung von Bedürfnissen geht.

„Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass die Engel heutzutage wieder in Mode gekommen sind, ist meines Erachtens eine deutliche Unterscheidung zwischen Gott und Engel notwendig“, betont Claudia Frank, Pfarrerin der Evangelische Gemeinde Altenbochum-Laer, Und führt weiter aus: „Der christliche Glaube – der protestantische wie der katholische – lehnt eine religiöse Verehrung oder Anbetung von Engeln ab.“ Glauben könne man nur an Gott.

Einen Grund für den Engelboom sieht Fendrich in dem geringeren Vertrauen in die „irdische Mannschaft“, in die Kirchen. Auch wollten Menschen sich Gott verfügbar machen. „Aber wir können ihn nicht zwingen“, sagt der 62-Jährige. „Wir können niederknien und schreien, aber so funktioniert das nicht. Gott ist immer für Überraschungen gut.“

Außerdem: „Wer von Engeln redet, redet vom Wirken Gottes“, so Fendrich. Wer sage, er sei einem Engel begegnet, meine, dass er Gott begegnet sei. Denn die Engel sind seine Boten.

Doch selbst Menschen, die nicht an Engel glauben und nicht an Gott, die Weihnachten als Familienfest begreifen, als eine schöne Tradition, drücken ihre Freude schon mal mit einem ganz bestimmten Satz aus, wenn ihnen ein Mensch mit einer unerwartet herzlichen Geste begegnet: „Du bist ein Engel!“

Ein Schutzengel als Geschenk

Und wenn sie als Dankeschön „ihrem Engel“ wiederum einen kleinen Schutzengel aus Stein oder Silber überreichen, dann würden das Soziologen und Psychologen als ein Geschenk deuten, als ein Zeichen der Wertschätzung, das das Band zwischen diesen beiden Menschen noch stärkt: Ich bin dir dankbar und ich denke an dich.

Was würde nun ein Engel zu dem Aufsehen sagen, das um ihn gemacht wird? Über die Ängste und Hoffnungen, die die Menschen mit ihm verbinden? Vielleicht würde er (oder sie?), wie so oft, die gottgewollten, tröstenden Worte aussprechen: „Fürchtet euch nicht!“

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2, 8-14)

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