Internet

Einsam und aggressiv – Schuld sind die digitalen Medien

Voll vernetzt und trotzdem sehr allein: Online-Kontakte bleiben oft oberflächlich und unverbindlich.

Voll vernetzt und trotzdem sehr allein: Online-Kontakte bleiben oft oberflächlich und unverbindlich.

Foto: Elsa Wehmeier

Essen.   Droht massenhafte Vereinsamung durch digitale Medien? Zukunftsforscher Horst Opaschowski fürchtet, dass wir in Depression und Demenz versinken.

Jeden Monat wird uns ein sensationelles neues Smartphone angepriesen. Alle paar Tage rast der digitale Wandel einen Hauch schneller voran. In jeder Stunde sind die Menschen noch ein bisschen dichter miteinander vernetzt als zuvor. Aber macht uns das auch nur ein Quäntchen glücklicher? Stärkt es unsere Beziehungen zueinander? Macht es uns zu ausgeglichenen Menschen? Für Zukunftsforscher Horst Opaschowski (78) entwickelt es sich genau in die entgegengesetzte Richtung, sein Befund malt ein düsteres Bild von unserer Zukunft: Die digitalen Medien machen einsam und aggressiv. Er prophezeit sogar: „Sozialer Zusammenhalt wird das große Defizit der Zukunft sein.“

Kurzzeit-Konzentrations-Kinder

In seinem Buch „Wissen, was wird“ nimmt er Thesen wieder auf, die er teils seit mehr als 20 Jahren verfolgt – und die er heute bestätigt und in Zukunft noch verschlimmert sieht. So sprach er schon 1999 von den „Kurzzeit-Konzentrations-Kindern“, eine These, die nicht erst seit dem Aufkommen von MTV mit seiner Musikclip-Unterhaltung aufgekommen ist. Und in Zeiten von twitterkurzen Kommentaren und Netzmemes zumindest anscheinend Bestätigung erfährt. „Meine Prognose vor zwanzig Jahren: ,Das Kind wird zum Scanner!‘ Inzwischen ist es soweit. In den Schulen ist nachweisbar: Die Kinder überfliegen Texte diagonal, nehmen Gehörtes und Gelesenes immer öfter nur bruchstückhaft wahr, können sich weniger konzentrieren und langen Geschichten kaum mehr zuhören. Auch in persönlichen Gesprächen geht die Geduld zum Zuhören zunehmend verloren“, so Opaschowski.

Der Medienstress wird zur Sinnesüberreizung

Damals sagte er voraus, dass „Zuhörer“ ein neuer Zukunftsberuf werden könnte – was dann doch etwas übertrieben war. Der wachsende Mangel an Zuhörfähigkeit habe aber weitreichende Folgen: „Er geht mit geringerer Gesprächsbereitschaft einher. Jugendliche kommunizieren heute schon mehr mit Medien als mit Menschen. Zwischenmenschliche Beziehungen drohen auf der Strecke zu bleiben.“

Der Dauerbeschuss mit Informationen und audiovisuellen Sensationen führt zu einer pausenlosen Überforderung. Opaschowski: „Der Medienstress wird zur Sinnesüberreizung. Die innere Unruhe, die daraus resultiert, wird abreagiert: Aus Nervosität wird Aggressivität, die dann zur neuen Normalität erklärt wird. Ein Teufelskreis.“ Jugendliche werden laut Opaschowski immer aggressiver. Eine These, die sich durch die Kriminalstatistik kaum erhärten lässt. Aber zumindest für den Umgangston im Netz scheint diese Schlussfolgerung zuzutreffen: Hasskommentare, die sich millionenfach im Netz finden und auf verbale Enthemmung schließen lassen, färben auf das reale Leben ab: Der Umgangston wird rauer.

Netzkontakte verdrängen Freunde

Dass heute Netzkontakte die echten Freundschaftsbeziehungen zu ersetzen drohen, dass manche Menschen ihre Facebook-Freunde mit echten Freunden verwechseln, trägt dazu bei, dass immer mehr Menschen keine tiefergehenden Beziehungen mehr aufbauen können. „Die Kontakte im Netz bleiben oberflächlich und können persönliche Beziehungen nicht ersetzen“, ist eine der Thesen, die Opaschowski durch seine Untersuchungen untermauert sieht. Er zieht Zahlen heran: Zwischen 2000 und 2016 hat sich das Surfen im Internet von 8 auf 76 Prozent fast verzehnfacht, gleichzeitig seien in diesem Zeitraum Unternehmungen mit Freunden von 39 auf 17 Prozent gesunken, also mehr als halbiert. Das Netz frisst Zeit, „und es bleibt immer weniger Zeit für die intensive Pflege der Freundschaftskontakte“, so der Experte.

Eine Großstadt voll Hundertjähriger

Wer aber die echten Freundschaften nicht pflegt, sondern auf oberflächliche Kurzkontakte aus dem Netz baut, wird auch in schwierigen Lebenssituationen feststellen, dass auf diese Weise keine Verlässlichkeit entsteht. Vielleicht hilft es, sich zu fragen: „Wer von meinen Facebook-Freunden wird vorbeikommen, wenn ich im Krankenhaus liege? Oder wer von ihnen kommt zu meiner Beerdigung?“

Opaschowski sieht auch für eine Gesellschaft mit steigender Lebenserwartung Probleme am Horizont heraufziehen: „Immer mehr Menschen leben in Zukunft allein, aber immer weniger Menschen können allein leben. Im Jahr 2050 können Sie in Deutschland eine ganze Großstadt mit Hundertjährigen füllen, denn jeder Zweite, der heute geboren wird, ist in hundert Jahren noch am Leben.“

Als Gegenmittel taugt Selbsthilfe

Er beschwört die Vision eines Landes, in dem es immer mehr Alte mit immer weniger Beziehungen zueinander gibt. „Die größte Altersarmut wird in Zukunft die Kontaktarmut sein. Ärzte werden Kontaktgelegenheiten verschreiben müssen, damit die massenhafte Vereinsamung nicht in Depression oder Demenz endet oder wie in England ein eigenes Einsamkeitsministerium geschaffen werden muss.“ Er plädiert dafür, heute schon ein neues Zeitalter „der lebenswerten Gemeinsamkeit“ vorzubereiten.

Gerade die junge Generation könne der Massenvereinsamung entgegenwirken, indem sie zur Selbsthilfe greift. Sie könnte lernen, selbst regelmäßig eine „digitale Diät“ einzulegen und so zu einer „neuen Einfachheit“ zu finden. Opaschowski sagt: „Die Friday-for-Future-Bewegung zeigt doch, wie schnell ein Umdenken stattfinden kann. Digitalisierung wird erst dann ein sozialer Fortschritt sein, wenn sie zum Wohlergehen der Menschen beiträgt und das Leben auch besser macht. Immer besser statt immer mehr: Das muss digitale Zukunftsrealität werden.“

  • Horst Opaschowski: Wissen, was wird – Eine kleine Geschichte der Zukunft Deutschlands, Patmos,
    280 Seiten, 24 €

>>>Horst Opaschowski: Digital seit Anbeginn

Horst Opaschowski hat als Experte für Zukunftsfragen bereits mehrere Bundeskanzler beraten, von Willy Brandt bis Angela Merkel. Er war Professor für Erziehungswissenschaften in Hamburg. Seit 2014 führt er das Opaschowski Institut für Zukunftsforschung.

Er begleitet die gesellschaftliche Entwicklung seit Anfang der 70er-Jahre und untersucht dabei seit Anbeginn die Auswirkungen digitaler Technik auf unser Leben.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben