Mode mit Botschaft

„Einfach T-Shirt anziehen – und schon bist du Aktivist!“

Sascha Ivan, Erfinder und Geschäftsführer von Tellavision. Die Hilfsorganisation und das Modelabel für Menschenrechte lässt Kinder zu Designer werden.

Sascha Ivan, Erfinder und Geschäftsführer von Tellavision. Die Hilfsorganisation und das Modelabel für Menschenrechte lässt Kinder zu Designer werden.

Foto: Andreas Buck / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Für Sascha Ivan sind Shirts mehr als Klamotten. Die Jugendlichen sind beim Duisburger Label für Menschenrechte „Tellavision“ selbst die Designer.

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Alles fing mit einem Pferd mir viereckigen Beinen an, einem fliegenden Haus, einem lachenden Herz – und was die Nichten seiner Freundin noch so alles auf ein weißes Shirt gekritzelt haben. Fremde sprachen Sascha Ivan auf die lustigen Motive an. Da dachte der Duisburger: „Es wäre doch cool, wenn du nicht nur Geschichten von deutschen Nichten erzählen könntest.“ Seitdem nutzt er Shirts, um vergessenen Kindern eine Stimme zu geben.

„Tellavision“ heißt sein mittlerweile zehnjähriges Label. Das hat nichts mit Fernsehen zu tun, sondern mit „Tell a vision“ – Erzähle deine Vision. Auf einem farbenfrohen Shirt steht unter einer gelben Giraffe etwa „We are one“ – Wir sind eins. Das wünscht sich Amani Mosha, ein Jugendlicher in Afrika. „Plant trees and keep them alive“ – Pflanzt Bäume und erhaltet sie am Leben – steht unter einer in die Luft gereckten Faust, auf der Manohar Mangala Madhe Blätter gezeichnet hat. Der 13-Jährige aus Indien will damit ein Zeichen gegen die Abholzung von Wäldern setzen, die das Klima schützen und Tieren eine Heimat geben. „Das sind schlaue Aussagen“, sagt Sascha Ivan. „Das ist sehr ergreifend.“

Die Wünsche der Kinder

Seine erste, selbst bezahlte Reise führte den heute 38-Jährigen nach Afrika, nach Tansania in ein „Albino-Center“. Dem Aberglauben zufolge haben diese Menschen glücksbringende Kräfte. Deshalb werden sie immer wieder verfolgt und ermordet, weil Heiler mit deren Körperteilen Zaubertränke brauen wollen. Die Jugendlichen, die in diesem Center betreut werden, sollen dort mehr Bildung und so auch Selbstbewusstsein erfahren. Sascha Ivan, der früher als Mediengestalter bei einer Werbeagentur gearbeitet hat, lud sie ein, mit ihm zu zeichnen. Und so malten und schrieben sie auf, was sie bewegt, was sie sich wünschen. „Es kommen Sachen dabei heraus, die man nicht annähernd planen kann.“

Wie etwa der schlichte Schriftzug „Fight Patriarchy“ mit dem Chennajammei Dhodasidha aus Indien fordert: „Die Unterdrückung von Frauen muss aufhören. Wir brauchen mehr Gleichberechtigung.“ Sie und andere junge Frauen sind in einer Spinnerei in der Nähe von Mumbai massiv ausgebeutet worden, so Ivan. Das seien sklavenähnliche Zustände gewesen. Die Frauen wurden teils auf dem Gelände eingesperrt. „100 Mädchen mussten sich eine Toilette teilen.“

Die ungewöhnlichsten Motive lässt Sascha Ivan auf T-Shirts und Hoodies drucken. Stolz seien die Jugendlichen, wenn er ihnen das Ergebnis zeige und sie erfahren, dass sie nun Designer sind. Etwa 5 Euro jedes verkauften Kleidungsstücks fließt zurück in das jeweilige Projekt, das vor Ort eine Hilfsorganisation betreut. In Indien kauft man damit zum Beispiel Nähmaschinen. „Dann können sich die Mädchen selbstständig machen.“

Fair und bio

Ivan lässt die Motive in Leipzig auf Rohlinge von Stanley/Stella drucken. Das ist eine mehrfach zertifizierte Firma, die Textilien in Bio-Qualität und unter fairen Bedingungen herstellen lässt und von der Fair Wear Foundation geprüft wird. Auch die verwendeten Siebdruckfarben seien ökologisch. Ein Shirt – bisher hat Sascha Ivan rund 1500 verkauft – kostet 34,95 Euro, ein Hoodie zurzeit 39,95 Euro. Im Onlineshop steht zu jedem Kleidungsstück, welcher junge Designer am Werk war und im Rahmen welchen Projekts es entstanden ist.

Zwei Jahre lang hatte Sascha Ivan auch einen Laden am Dellplatz in Duisburg. In der „Oase“ verkaufte er bis Mitte 2017 nicht nur seine eigenen Shirts, sondern auch andere faire und Bio-Klamotten. Heute arbeitet er in der Erwachsenenbildung, sieht Tellavision als nützliches Hobby, mit dem er sich für eine gerechtere Welt einsetzt. „Ich muss damit nicht Geld verdienen“, so Sascha Ivan. Das ist für ihn eine Erleichterung, zumal die Kleidung stets Mittel zum Zweck war. „Wir haben uns immer mehr als Hilfsorganisation gesehen als ein reines Modelabel.“

Heute denkt Sascha Ivan, dass er nicht immer „über den großen Teich“ fliegen muss, um die Leute wachzurütteln. „Auch hier gibt es Kinderarmut, Misshandlungen.“ Und für die Integration von Flüchtlingskindern müsste man ebenfalls mehr tun. Kleidung mit dem richtigen Motiv könnte da wieder den Anstoß geben. „T-Shirt anziehen – und schon bist du ein Aktivist.“

Mein Stylingtipp

„Bleibt bitte außergewöhnlich“, sagt Sascha Ivan, der kein Freund von Trends ist. „Passt Euch nicht an“, lautet sein Stylingtipp. Stattdessen sollte man mehr Individualität wagen. „Ich mag es, wenn die Leute den Mut haben, eigene Dinge zu kreieren.“ Dabei ginge es nicht darum, immer mehr Klamotten anzuhäufen. „Wir dürfen nicht noch mehr verbrauchen.“ Es gebe Millionen von Menschen allein in Indien, die in den Mittelstand wollten. Dabei sei die Natur bereits heute am Ende.

Mein Lieblingsteil

Die schwarzen Schnürschuhe würde Sascha Ivan niemals hergeben. Der 38-Jährige hat sie vor etwa neun Jahren auf einem Secondhand-Markt in Brasilien entdeckt. Sie sind nicht nur „superbequem und robust“, so der Duisburger. „Ich kann sie auch zu vielen Sachen anziehen.“ Er mag Dinge, die handgemacht sind. „Sie erfahren dann eine ganz andere Wertschätzung.“ Und wenn sie wie seine Schuhe auch noch recycelt sind, trägt er sie umso lieber: „Die Sohlen sind aus alten Lkw-Reifen.“

Das ist ein Artikel aus der besonderen Serie „Aus dem Nähkästchen“ in der Digitalen Sonntagszeitung – jetzt gratis und unverbindlich testlesen. Hier geht’s zum Angebot: GENAU MEIN SONNTAG

Onlineshop: tellavision-clothing.com

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