Karriere

Einfach mal den Stecker ziehen: Ein Bruch in der Bio tut gut

Harter Schnitt: Ein Ausstieg aus der Business-Tretmühle kann auch von Vorteil sein – wenigstens für die seelische Verfassung.

Harter Schnitt: Ein Ausstieg aus der Business-Tretmühle kann auch von Vorteil sein – wenigstens für die seelische Verfassung.

Foto: Corbis / (c) Justin Paget/Corbis

Essen.  Die Midlife-Crisis zur Midlife-Chance machen: Drei Top-Performer aus der Region erzählen ihre Ausstiegs-Geschichte. Was der Mediziner dazu sagt.

Midlife-Crisis, die kennt jeder. Aber nicht nur Ratgeber wissen um die Krise als Chance und den Tiefpunkt als Wendepunkt. Es gibt sie also auch, die „Midlife-Chancen“. Führungskräfte aus der Region, die einen Schnitt machen und auf neuen Wegen wandeln, mal selbst verordnet, mal durch gewisse Zwänge, erzählen hier ihre Geschichte. Warum sie hohe Positionen, noch höhere Bezüge und überhaupt ihre Reputation aufs Spiel setzen. Und mitten im Leben einfach nochmal ganz von vorne anfangen.

„Zum Schluss war ich vom Erfolgswahn getrieben“

Helge Achenbach ist als „der Mann, der Aldi betrogen hat“ bekannt. Der frühere Kunsthändler, der im Knast landete, verkörpert die Geschichte von Aufstieg und Fall – nach seiner Haftentlassung im Juni 2018 lebt und arbeitet der 67-Jährige auf einer alten Hofanlage für „Kultur ohne Grenzen“.

„Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich einen dankbaren, heiteren Mann, der achtsam am Existenzminimum lebt – und dabei sehr glücklich ist. Meine Story ist weit weg und wird doch auf ewig mit mir in Verbindung gebracht werden. Aber meine Jahre der Maßlosigkeit sind vorbei. Dieses Leben hätte heute keinen Reiz mehr für mich, es wirkt krank und absurd. Ich habe mich damals darauf eingelassen und bin gierig geworden, wollte immer mehr, habe illegales Handeln schön geredet. Damit habe ich einen großen Fehler gemacht, meine Existenz und meine Familie zerstört. Ich sage aus meinem neu gewonnen Bewusstsein heraus, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient hat. Ich habe viel über Begriffe wie Sühne und Buße nachgedacht. Auch aus einer christlichen Betrachtungsweise heraus erbitte ich Vergebung. Ich möchte sinnvolle Arbeit tun, womit ich übrigens an die Wurzeln meines Berufs zurückkehre. Ich habe tatsächlich als Berufsstarter im Strafvollzug als Sozialarbeiter gearbeitet. Als junger Mann war ich aber unstet, ein Straßenköter. Ich hatte von zu Hause keine funktionierende Werteskala vermittelt bekommen. Das war fatal. Ich war süchtig nach Anerkennung und riesig stolz, als ein Arzt mir ein erstes Bild abgekauft hatte. Gleichzeitig hat eine Verrohung der Gesellschaft stattgefunden, in der ich mich bewegt habe. Zuerst war ich nur sprachlos, dass ein 80.000-Euro-Bild plötzlich vier Millionen Euro wert sein konnte. Doch dann hat es mich verhext. Und ich habe mitgespielt, meinen Citroen Kombi gegen einen repräsentativen Bugatti eingetauscht. Zum Schluss war ich vom Erfolgswahn getrieben. Ich weiß nicht, ob ich den Stecker selbst gezogen hätte. Aber es ist gut, dass ich mal richtig auf die Fresse gekriegt habe.“

„Keine Lust mehr auf die Fremdbestimmtheit“

Monika Schürholz war Geschäftsführerin von Ogilvy Deutschland, einer weltweit wirkenden Werbeagentur, und dort als Strategiechefin u.a. für die globalen Markenetats verantwortlich. Im März 2019 gründete die 53-Jährige in Düsseldorf die Unternehmensberatung MIIICX, wo die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz und Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften „zum perfekten Kundenerlebnis“ verschmolzen werden sollen.

„Gewiss war das ein Traumjob. Aber auch das ist nur ein Titel und ich war nur ein Rädchen im System. Ich war auf dem besten Weg, nur noch zu funktionieren und schlimmer noch, eine unzufriedene nörgelnde Person zu werden. Ich hatte keine Lust mehr auf Fremdbestimmtheit. Ich hatte Karriere gemacht, Anerkennung und Erfolgspunkte gesammelt und Freunde in aller Welt gefunden – jedoch oft ohne die Muße, diese Freundschaften auch zu pflegen, oder mich über meinen Erfolg zu freuen. Und da wusste ich: Du musst etwas ändern. Das ist der Moment, wo Bauch und Kopf sagen: Dann tue das jetzt auch! Du kannst nur gewinnen: Schlimmer als möglicherweise eine Fehlentscheidung verdauen zu müssen, wäre es doch, sich später vorwerfen zu müssen: Hättest du doch bloß mal… Ganz im Sinne meiner Überzeugung ,liebe es, ändere es oder verlasse es’ habe ich den Schritt in die Selbstbestimmung gewagt. Ich bleibe dem Thema Strategie treu und konzentriere mich auf die Wurzeln des Ganzen. Auf den, der im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen sollte: den Menschen. Ich möchte unser Wissen auch gerne für soziale, gesellschaftlich relevante und humanitäre Kampagnen nutzen, etwa fürs Blutspenden. Ich glaube fest an unsere Idee. Wenn man von etwas begeistert ist, dann stellt sich der Erfolg auch ein. Meine Energie, Frische und Leidenschaft sind zurück. Wir nutzen ein Coworking-Büro, spannend! Man ist flexibel, offen, modern, neugierig. Statussymbole verlieren an Wichtigkeit. Das ist das, wie sich gelebte Freiheit anfühlt. Und so klein wie wir sind, ein ,Betriebsrad’ haben wir auch schon.“

„Da ist wieder so eine Weggabelung erreicht“

Udo Kröger war im Vorstand und persönlich haftender Gesellschafter der Privatbank Merck-Finck in Essen. Der 48-Jährige gab den Top-Posten auf, träumte vom Leben als Hotelier und stieg schließlich nach einer Auszeit doch wieder ins Bankengeschäft ein. Im Vorstand der Frankfurter Bankgesellschaft soll er seit April 2018 das NRW-Geschäft antreiben.

„Während meines Breaks hätten meine Frau und ich uns alles vorstellen können, insbesondere nach Südtirol auszuwandern. Ein Hotel zu gründen, was schon immer der Traum meiner Frau war. So bin ich mit meiner Frau erst mal viel gereist, wir haben viele schöne Dinge gemacht, wir tanzen und wandern gerne, lernen italienisch, treffen Freunde und lieben gutes Essen. Aber wir haben nach einigen Monaten gemerkt, dass mich das Bankengeschäft doch noch viel zu stark reizt und meine Geschichte in dieser Branche noch nicht zu Ende erzählt ist, weil ich diesen Beruf immer noch extrem spannend fand und finde. Ich war mit Leib und Seele bei diesem Bankhaus, die Arbeit war mir eine Herzensangelegenheit. Dann kam ein Strategiewechsel. Neue Rahmenbedingungen, neue Köpfe – letztlich bin ich für alles dankbar, was solche Schlüsselmomente in meinem Leben ausgelöst und mich in diesem Fall dazu gebracht hat, die Kündigung auszusprechen. Ohne Angebot in der Hinterhand. Ich habe gemerkt: Da ist wieder so eine Weggabelung erreicht und ich muss abbiegen. Da bin ich kein Zweifler. Zumindest von Angesicht zu Angesicht habe ich sehr viel Zustimmung und Respekt für mein Handeln erfahren. Nun habe ich auch aus der luxuriösen Situation heraus gekündigt, mir die auferlegte Auszeit auch finanziell leisten zu können. Über einen Kontakt bin ich dann nach Monaten auf die Frankfurter Bankgesellschaft gekommen und finde hier Prinzipien vor, die mit meinen deckungsgleich sind. Es geht um Menschlichkeit, Qualität, Transparenz. Das kommt mir alles sehr entgegen. Wissen Sie, Menschen wenden sich immer wieder Menschen zu. Damit kann ich gut leben und arbeiten.“

Das sagt der Mediziner: „Eigentlich ist es gar nicht so schwer, es sich gutgehen zu lassen“

Prof. Dr. med. Gustav Dobos („Das gestresste Herz“) leitet die Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Uniklinikum Essen, ist Lehrstuhlinhaber der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungsprofessur und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde. Der 64-Jährige gratuliert den hier Porträtierten:

„Sie haben berufliche Entscheidungen getroffen und sind dabei ihrem Herzen gefolgt. Das war aus medizinischer Sicht absolut richtig. Eigentlich ist es gar nicht so schwer, es sich gut gehen zu lassen. Der Körper sendet die wichtigsten Signale, die man dafür benötigt. Aber den meisten von uns fehlt einfach die Zeit, sich um unsere Bedürfnisse zu kümmern. Wir müssen funktionieren, in Schule und Familie, am Arbeitsplatz oder in der Pflege unserer Angehörigen. Rund um die Uhr – und selbst in der wenigen Freizeit sind wir mit einer Vielzahl von Optionen konfrontiert. Die Qual der Wahl – sie verursacht Stress. Stress hat, wenn er nicht abgebaut wird, wesentlichen Anteil an fast allen Erkrankungen – allen voran den Herzkreislaufleiden. Menschen, die sich gestresst fühlen, erleiden häufiger Infarkte als andere. Am gefährlichsten sind Wut und Ärger. Sich solche Risikofaktoren bewusst zu machen, ist Teil von Prävention und Therapie. Oft können wir einzelnen Stressfaktoren, zum Beispiel am Arbeitsplatz, nicht aus dem Weg gehen. Aber zu lernen, die entspannenden Momente unseres Lebens wahrzunehmen, wieder schätzen zu lernen und gezielt einzusetzen, das kann uns schützen. Meine Lieblingsdefinition für all das hat einst ein Patient geliefert: ,Was ich in der Naturheilkunde erfahren habe, ist eine Therapie für eine dickere Haut.’“

Mutmach-Lektüre

Nochmal von vorn anfangen! Midlife-Crisis, die kennt jeder. Aber nicht nur Ratgeber wissen um die Krise als Chance und den Tiefpunkt als Wendepunkt. Es gibt sie also auch: die „Midlife-Chancen – Führungskräfte auf neuen Wegen“, eine Mutmach-Lektüre für Menschen um die Lebensmitte, von Matthias Compes, Stefan Wiesenberg und Birgit Wilms, erschienen im Klartext-Verlag (14,95 €).

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