Alleinsein

Einen Menschen betrauern und trotzdem Weihnachten feiern

Florian, Franziska und Cavian (v.l.) haben für ihre verstorbenen Mamas Weihnachtsbäume gebastelt und geschmückt – in deren Lieblingsfarben.

Foto: Kai Kitschenberg

Florian, Franziska und Cavian (v.l.) haben für ihre verstorbenen Mamas Weihnachtsbäume gebastelt und geschmückt – in deren Lieblingsfarben. Foto: Kai Kitschenberg

Gelsenkirchen.   Wenn gerade am Heiligen Abend ein geliebter Mensch gestorben ist, werden die künftigen Feiertage nie wieder so, wie sie einmal waren.

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„Ohne dich“, sagt das Schaf auf dem Adventskalender, „ist Weihnachten doof.“ Es findet auch „Engel doof“ und „Plätzchen doof“ und „Geschenke doof“. Anna will keine Geschenke mehr, seit Weihnachten vor zwei Jahren ihre Schwester starb. „Ich habe keine besonderen Wünsche mehr.“ Nichts kann sie mehr „so glücklich machen“ wie damals Vanessa, diese lebensfrohe 13-Jährige: wie sie sang und wie sie tanzte! „Es ist viel stiller geworden bei uns.“

Franziska weiß genau, dass sie einen Schminkkoffer bekam zu Heiligabend 2013, dem Tag, an dem die Mama starb. Florian erinnert sich auch, an das Lego, mit dem er beim Opa spielte, und: „Einen Schoko-Nikolaus!“

Bescherung war trotzdem

Es war trotzdem Bescherung, auch bei Cavian, Melvin und Luann; die Kinder sollten ihr Weihnachten haben, obwohl ihre Mutter mittags tot in Cavians Bett gelegen hatte. „Sie hatte grüne Punkte im Gesicht“, das weiß sein zehnjähriger Bruder noch, obwohl es fünf Jahre her ist. Oder sechs? „Mit diesem Weihnachten schon sieben“, sagt Cavian, 12.

Annas Schwester hatte einen allergischen Schock. „Meine Mama einen Herzinfarkt“, sagt Luann, die acht ist und das nur vom Hörensagen weiß. „Sie wollte noch schnell saubermachen“, sagt Melvin, „dann ging es ihr schlecht.“ Katharina, Mutter der Zwillinge Franziska und Florian, heute acht, schob ihre Übelkeit auf ein Sektchen am Vorabend.

Ihr Mann Bernd erinnert sich noch an den Heilig-Morgen: wie er schimpfte, weil die Lichterkette verknotet war. Kurz danach brach Katharina zusammen. Später sagten die Ärzte, sie habe einen Hirntumor gehabt. „Weihnachten“, sagt Bernd, „hat nicht stattgefunden.“

Wenn der Mittelpunkt der Familie fehlt

Und heute? Kann man überhaupt noch feiern, wenn der Familie ihr Mittelpunkt fehlt? Weihnachten ohne Mama? Das Fest ohne Vanessa? Gestorben, ausgerechnet an diesem Datum? „Ich hätte lieber einen anderen Tag gehabt“, sagt Cavian. „Wir hatten ja noch was vor.“

Für Melvin ist der Tag „egal, es ist trotzdem traurig“. Anna, 18, und ihre Eltern sehen das so: „Eigentlich schön, dass es so ein ruhiger Tag ist. An dem wir alle zusammen sind. An diesem Tag werden wir immer frei haben und Zeit, gemeinsam an Vanessa zu denken.“

Familien-Trauerbegleitung in Gelsenkirchen

Sie haben schon oft darüber nachgedacht, weil andere Menschen fragen und weil sie viel darüber reden in den Trauergruppen von „Lavia“, der Familien-Trauerbegleitung in Gelsenkirchen. „In solchen Familien“, sagt dort die Leiterin Mechthild Schroeter-Rupieper, „erlebe ich in der Weihnachtszeit keine Hektik mehr.“ Das kann etwas Schönes sein, andersherum sagt Anna: „Überall ist Vorfreude. Gerade, weil es ein Familienfest ist, weiß ich, dass es für mich immer traurig sein wird.“

Katharinas Familie hatte Angst davor. Das erste Weihnachten ohne Mama, „da haben wir uns“, sagt der Witwer Bernd, „in andere Hände begeben“. Das zweite stemmte er allein, kochte ein Festmenü: „Ich habe mich überschlagen“, aber die Kinder erwarteten das gar nicht. Das dritte Weihnachtsfest geht er fast unbefangen an: „Es ist nicht schlimm“, sagt der Vater von Franziska und Florian. „Es wird nicht finster.“

Er wird zum Friedhof gehen, vielleicht kommen die Kinder mit, vielleicht lieber nicht: „Es ist nicht ihr Ort, noch nicht.“ Bernd kann seinen Zwillingen „die Mama nicht herbeizaubern“, und doch ist es so: dass die drei sich auf Weihnachten freuen. Auf die Geschenke!, ruft Franziska, die sogar schon weiß, was sie bekommt. Nur Plätzchen backen sie nicht mehr zuhause, das konnte die Mama toll. „Das machen wir nur noch in der Schule.“ Trotzdem wird Franziska naschen, mit einem klitzekleinen schlechten Gewissen: „Die Mama“, ahnt die Achtjährige, „findet auf keinen Fall gut, dass wir von Papa so viel Süßigkeiten kriegen.“

In diesem Jahr kriegt die Mama sogar ein Geschenk, wie die Mutter von Luann, Melvin und Cavian auch und die Schwester von Anna: Sie basteln Tannenbäume aus Holz bei „Lavia“, schmücken sie mit Kerzen, orange und grün, „Mamas Lieblingsfarben“! „Das würde ihr gefallen“, sagt Bernd. Cavian versucht von unten, eine Christbaumkugel anzukleben, Franzi malt Briefchen: „Hallo Mama“, sie klemmt sie mit Sternen fest. Sie sollen die Bäume auf ihre Gräber stellen, vielleicht hängt noch jemand etwas daran. „Da stehen sowieso immer Kerzen“, sagt Florian, „die uns nicht gehören.“

Ein Zweig aus dem geschmückten Weihnachtsbaum kommt auf das Grab

Manchmal, sagt Schroeter-Rupieper, werden Sachen vom Friedhof geklaut, „aber ich denke immer, derjenige, der dort liegt, hat es ja trotzdem bekommen“. Sie werden auch echte Tanne zum Grab bringen, viele Familien bei „Lavia“ machen das: schneiden einen geschmückten Zweig aus ihrem Baum, der eine sichtbare Lücke hinterlässt, und tragen ihn zum Friedhof. Am liebsten sind sie dann unter sich. Trauernde Kinder mögen es nicht, dass andere Leute lieber das Thema wechseln: „Ganz schlimm“ finden sie, „wenn die tun, als wär’ nichts gewesen.“

Die Trauer aber, weiß Mechthild Schroeter-Rupieper, wird eher größer mit der Zeit. Weil immer deutlicher wird, was fehlt. Die Geschwister Cavian, Melvin und Luann kamen zu ihr, weil sie so wütend waren: „Super-sauer“ wurden sie, wenn wer ihr Spielzeug kaputt machte. „Erst die Familie, dann auch noch das Lego“, sagt die Trauerbegleiterin.

Anna fragt sich manchmal, wie ihre Schwester damit umgegangen wäre, wenn umgekehrt sie gestorben wäre: „Hätte sie ihre Unbeschwertheit verloren?“ Es ist anders gekommen, und nun singt zuhause in Bochum keiner mehr. Vanessa hat immer gesungen, am liebsten aus „Starlight Express“: In dem Musical war sie gerade gewesen, bevor sie so plötzlich ins Krankenhaus kam. Sie haben zuhause in diesem Jahr alles mit Sternen geschmückt, weiße Sterne: „Starlight“.

Sie haben die Deko gelassen

Nur in Vanessas Zimmer ist bis heute Weihnachten 2014. Sie haben die Deko gelassen, „sie wollte, dass ihr Zimmer schöner ist als meins“, sagt Anna. Auch der Adventskalender ist noch da, den die große Schwester der kleinen gebastelt hat.

Die letzten drei Türchen hat Vanessa nicht mehr öffnen können. Neulich hat Anna eine Schneekugel gesehen, sie hat sie gekauft. „Ich hätte ihr die so gern geschenkt.“ Aber jetzt weiß Anna nicht, wohin damit. Soll sie sie einpacken, ihr auf die Fensterbank stellen, ein Weihnachtsgeschenk für jemanden, der nicht mehr da ist? „Sie hätte sich darüber gefreut.“

Anna selbst wünscht sich nichts mehr. Und doch freut sie sich, wenn jemand an sie denkt. Manche Eltern sagen, ihr Kind sei ein Geschenk gewesen. 13 Jahre mit Vanessa, ein Geschenk. „Aber eigentlich“, sagt Anna, „waren es ja nur 13 Jahre.“

Interview: Erinnerungen müssen nicht wehmütig sein 

Sich selbst und anderen Gutes tun: Das kann über Trauer und Einsamkeit am Familienfest hinweghelfen, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper. Die 52-Jährige leitet in Gelsenkirchen „Lavia“, das Institut für Familien-Trauerbegleitung. Bei ihr treffen sich Kinder, Jugendliche und verwitwete Eltern, um gemeinsam trauern zu lernen.

Viele Menschen fürchten sich vor dem Fest, weil ihnen jemand fehlt, mit dem sie feiern können, mit dem sie sonst gefeiert haben. Was könnten sie tun gegen dieses traurige Gefühl?

Es ist ja normal, dass Menschen sich einsam fühlen, wenn alle anderen zum Fest der Familie zusammenkommen. Da wird ihnen bewusst, dass jemand fehlt. Gerade im Alter auch dadurch, dass weniger Postkarten kommen, dass man selbst weniger Karten schreibt.

Trotzdem schenkt ihnen das Fest etwas: die Zeit, darüber nachzudenken, Zeit, Kerzen anzuzünden. Man darf sich auch „Kerzentage“ gönnen, an denen man in die Traurigkeit eintaucht; das kommt im Alltag viel zu kurz. Indem ich an sie denke, komme ich den Menschen, die nicht mehr da sind, nah.

Man sollte nicht versuchen, solche einsamen Zeiten „rumzukriegen“, ohne traurig zu sein. Es ist aber auch wichtig, bewusst aus dieser Trauer wieder herauszugehen und etwas Schönes für sich zu tun.

Was könnte das sein?

Man sollte darauf achten, dass man sich selbst etwas gönnt. Den Tisch liebevoll decken, etwas Nettes kochen, sich hübsch anziehen, zu sich selbst gut sein. Das sollte man sich wert sein. Wenn sich alles wertlos anfühlt, verliert es noch mehr den Sinn.

Manche mögen lieber gar nicht mehr feiern, sind froh, wenn Weihnachten vorbei ist.

Stellen Sie sich vor, jemand ist gestorben, und Sie verzichten auf alles, Sie haben auch keinen Baum, weil Sie denken: wofür denn noch? Dann fehlt zu Weihnachten nicht nur dieser Mensch, es fehlt auch der Baum, das Drumherum, das zum Fest immer dazugehört hat – das macht das Fehlen noch größer.

Gehen Sie dorthin, wo Gemeinschaft ist, gehen Sie spazieren und tun Sie vielleicht, was Sie als Kind schon getan haben: Lichterketten zählen, Tannenbäume. . . Erinnerungen müssen nicht wehmütig machen, sie können uns auch zum Lächeln bringen. Und tun Sie vielleicht anderen etwas Gutes. Viele Menschen wissen nach einem Trauerfall nicht mehr, wohin mit ihrer Liebe. Geben Sie sie jemandem, der Freude daran hat, das ändert auch Ihre innere Haltung.

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