Das besondere Museum

Ein Ort, an dem die Kunst von Anatol lebendig bleibt

Ein Hort der Kunst von Anatol Herzfeld: Der Dachboden zeigt viele seiner Bilder und Skulpturen.

Ein Hort der Kunst von Anatol Herzfeld: Der Dachboden zeigt viele seiner Bilder und Skulpturen.

Foto: Kai Kitschenberg

Moers.   Das Seewerk Moers hat dem im Mai verstorbenen Künstler Anatol ein eigenes Museum gewidmet – an seiner letzten Wirk- und Schaffensstätte.

Das Seewerk ist einer dieser Orte, an dem die Kunst förmlich in der Luft liegt. Und der Grund dafür ist nicht etwa, dass hier viele Jahre lang der Weinbrand durch die Destillen der ehemaligen Dujardin-Brennerei gluckerte und in Fässern ruhte. Heute stößt man auf Kunstwerke, wohin man nur schaut, wohin man auch stolpert!

Sehr viele von ihnen stammen von Anatol Herzfeld, dem Beuys-Schüler und -Weggefährten, dem Bildhauer und Fluxus-Künstler. Er hat in den letzten zehn Jahren seines Lebens, bevor er im Mai dieses Jahres im Alter von 88 Jahren verstarb, im Seewerk gearbeitet – zuvor hatte er sein Atelier viele Jahre auf der Museumsinsel Hombroich in Neuss.

Mehr mit als bloße Sympathie

Wenn man nun Angelika Petri und Frank Merks (beide 62), die beiden Macher des Seewerks, über Anatol reden hört, dann schwingt bei dem Ehepaar mehr mit als bloße Sympathie, es sind Freundschaft und Verehrung. Anatol war für lange Zeit fester Teil ihres Lebens. „Was ich beim Anatol bemerkenswert finde: Dass er ein unwahrscheinliches Gespür für Menschen hatte. Und dass er das Leid, das er im Fernsehen gesehen hat, wie etwa beim Massaker am Platz des Himmlischen Friedens in Peking, verarbeitet hat“, erzählt Angelika Petri. Ausgerechnet dies ist eine Arbeit, die man nicht im gerade frisch eingerichteten Anatol-Museum sehen kann. Jedoch herrscht an anderen Werken aus der Hand des in Ostpreußen geborenen Künstlers kein Mangel. Extra für diesen Ort schuf er das „Inselparlament“, eine Variation seiner Skulpturen-Installation „Das Parlament“. Ein ganzer ausgebauter Dachboden präsentiert die Werke von Anatol – hier ruhen auf einem Tisch noch ein Hut und eine Weste des Künstlers, gleich neben dem Kondolenzbuch.

Zu jeder der Arbeiten eine Geschichte

Für jene, die an Anatols Kunst interessiert sind, ist es ein wahrer Segen, auf Angelika Petri und Frank Merks zu treffen. Denn sie können zu jeder der Arbeiten eine Geschichte erzählen – und zwar nicht nur zur künstlerischen Intention vieler Werke, sondern auch zur Entstehung. Kein Wunder, schließlich waren die beiden an den späten Werken zumeist mit beteiligt. So schufen Anatol und Frank Merks gemeinsam vor drei Jahren die Skulptur „Der Bergmann“ in Neukirchen-Vluyn.

Der Dachstuhl ist ein Hort von Anatols Kunst, in zahlreichen Variationen finden sich hier die Kreuze des sehr gläubigen Künstlers, viele der Sätze, die er mit Kreide auf den Boden gemalt hat, sollen möglichst für immer konserviert werden. Das alte Atelier in der „Anton-Hütte“ am See dient als Büro und Archiv, im „grünen Salon“ sind Aktionen und Schaffen mit Fotos und Abbildungen von Skizzen dokumentiert.

Mit Beuys und dem Hasen

„Der Anatol war ein Macher“, sagt Frank Merks. Er hat einen ganzen Schatz von Anatols Skizzen mit ehemals geplanten Werken. Und wer weiß, vielleicht wird Merks ja noch Ideen realisieren, etwa die mit Beuys und dem Hasen, einer Skulptur, die Beuys überlebensgroß zeigt, den Hasen, den er hinter sich herzieht, allerdings noch viel größer. Denn manchmal ist es ja so, da überragt das Werk die Existenz des Künstlers.

  • Anatol-Museum im Seewerk, Silberseeweg 1 A, Moers. Besichtigung nach Anmeldung: 02841/886878, info@das-seewerk.de

>>>Das liebste Ausstellungsstück: „Apokalypse 78“

Anatol hat die Apokalypse nach Moers an den Silbersee gebracht! Und da ist sie gut aufgehoben, viel besser als in Düsseldorf. Fragt man Angelika Petri nach ihrem Lieblingsstück von Anatol, kommt sie automatisch auf die „Apokalypse 78“ zu sprechen, eine Hütte aus Kruppstahl. Das Kunstwerk, einst fürs Wallraf-Richartz-Museum in Köln geschaffen, stand lange Zeit in Düsseldorf-Lörick – und vermüllte. Bis 2013 Anatol, Frank Merks und Angelika Petri das Werk, das eine Zeit lang als Atelier für Anatol gedient hatte, entrümpelten und abholten.

Als die Hütte damals gerettet wurde, malte Anatol gleich jenen Satz mit Goldfarbe nach, der da nur noch schemenhaft zu lesen war: „Es wird eine Freude sein, danach einen Menschen zu treffen.“ Ein Spruch, den Anatol als aus der Bibel stammend bezeichnete – der sich dort nur nicht so findet. Aber er könnte stichhaltig aus der „Offenbarung des Johannes“ abgeleitet sein.

Im Inneren der ansehnlich oxidierten Hütte sind in Stahl die Profile der vier Arbeiter verewigt, die damals bei Krupp an der Fertigstellung beteiligt waren.

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