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Ein Journalist in Krisenregionen – die Angst spürt er später

Willi Germund im Jahr 2015 nach einem Gespräch mit Gouverneur Mohammad Atta in der nordafghanischen Stadt Mazar-i-sharif.

Foto: Germund

Willi Germund im Jahr 2015 nach einem Gespräch mit Gouverneur Mohammad Atta in der nordafghanischen Stadt Mazar-i-sharif. Foto: Germund

Bangkok.   Korrespondent Willi Germund bereist Krisenregionen, um zu schreiben, wie es vor Ort wirklich ist. Dafür bringt er auch sein Leben in Gefahr.

Willi Germund hat sich eigene Grundregeln gestellt: Nie ein Taxi nehmen! Nie in einem Wagen unterwegs sein, dessen Fahrer er nicht gut kennt! Und nie die gleichen Wege nehmen! Willi Germund ist Korrespondent unserer Zeitung und berichtet auch aus Krisenregionen. „Ich versuche auf diese Art so unberechenbar, unkalkulierbar wie möglich zu sein, um das Entführungs- und Anschlagsrisiko auf mich persönlich zu minimieren.“

Tsunami-Katastrophe in Thailand

Die Regeln, die der 62-Jährige befolgt, gelten für Afghanistan. Germund passt sein Verhalten an – je nach Land und Krise. Er berichtet aus Süd- und Südostasien. „Das sind etwa 15 Länder, ein Drittel der Menschheit, weil Indien dabei ist. Die Region erstreckt sich von Afghanistan bis zu den Philippinen“, sagt Germund, der in Bangkok lebt.

Er hat 2004 über die Folgen des Tsunamis in Thailand und in Indonesien berichtet, der rund um den Indischen Ozean 250 000 Tote gefordert hat. Und auch nach Japan ist Germund gereist, als dort 2011 ein Erdbeben die Nuklearkatastrophe von Fukushima ausgelöst hat. „Weil sich damals niemand traute – wegen der atomaren Gefahren.“

Ein großes Sicherheitsbedürfnis scheint Willi Germund nicht zu haben. Spürt er niemals Angst? „Ich bin jetzt seit 35 Jahren im Ausland und habe mich durch mehrere Konfliktgebiete geschlagen, da kommt man schon in Situationen, wo man im Anschluss sagt: ,Verdammt, da hab ich aber Schwein gehabt.’“

Aber die Angst spüre er erst immer anschließend. Vor einem Einsatz würde sie ihn nur blockieren. „Und wenn gerade etwas schiefgeht, dann haben sie gar keine Zeit, nervös zu sein, Angst zu haben. Weil sie damit beschäftigt sind, sich zu schützen.“

Schießerei an der Straßensperre

Wie vor etwa zwei Jahren in der Nähe von Kundus. Die Taliban hatten die Region eingenommen. Als Germund an einer Straßensperre mit Polizisten redete, begann plötzlich eine Schießerei. „Wir waren uns nicht sicher, ob sie auf uns zielten.“ Aber er wusste, was er zu tun hatte: Sofort weglaufen, von der Straße, eine sichere Ecke suchen. Er hat Glück gehabt. . . Grundsätzlich glaubt Germund schon, Situationen einschätzen zu können. Aber: „Man muss immer damit rechnen, dass man zur falschen Zeit am falschen Ort ist.“

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“, die sich weltweit für Pressefreiheit einsetzt, spricht von mindestens 74 Medienschaffenden, die 2016 wegen ihrer Arbeit getötet worden sind. In den vergangenen zehn Jahren waren es insgesamt mindestens 695 professionelle Journalisten. Die gefährlichsten Länder 2016 waren Syrien, Afghanistan, Mexiko, der Irak und der Jemen. Germund hat großen Respekt vor den Kollegen vor Ort: „Das Risiko, das man als Auslandskorrespondent eingehen muss, ist geringer als das, was die lokalen Kollegen eingehen. Wenn einer wütend oder sauer ist, müssen sie damit rechnen, dass der später versucht, Rache zu nehmen.“

Bis spät am Abend schreibt er die Artikel

Auf die Frage, was das Extremste an seinem Beruf sei, spricht Willi Germund jedoch nicht von der Lebensgefahr, der er sich aussetzt. „Es ist besonders extrem, wie dieser Job ins Privatleben eingreift.“ Da der Zeitunterschied so groß ist. Wenn in Deutschland die Menschen um 9 Uhr im Büro sind, zeigt bei ihm der Zeiger bereits auf 15 Uhr. So muss er noch bis spät am Abend für Zeitungen in Deutschland schreiben. Für Freunde und Familie sei das nicht immer leicht zu verstehen.

Germund nennt sich selbst „Eigenbrötler“. Er hat zwar zum Beispiel in Afghanistan einen lokalen Mitarbeiter, der ihm hilft, Kontakte aufzubauen, aber die meiste Zeit bewegt er sich auf eigene Faust. Fühlt er sich nicht manchmal allein? „Man gewöhnt sich daran.“

Wenn er heute Redaktionen in Deutschland besucht, hält er es nach ein paar Tagen mit Treffen und Konferenzen nicht mehr aus. „Ich bin nicht mehr integrierbar“, sagt der Mann aus Bergheim lachend, bei dem der rheinische Dialekt noch leicht zu hören ist. Beim Kölner Stadtanzeiger hat er einst als freier Mitarbeiter angefangen, bevor er den Rucksack packte und zunächst nach Nicaragua auswanderte.

„Wenn man diese Neugierde hat und die Fähigkeit und den Willen, herumzureisen, gibt’s nichts Spannenderes“, lobt er seinen abwechslungsreichen Beruf. Und fügt sogleich hinzu, dass er ihn nicht zum Selbstzweck macht. Ihm ist ein Journalismus wichtig, der nicht nur mit Telefon und Internet arbeitet. „Man muss hingehen und mit den Leuten direkt reden.“ Soziale Medien wie Twitter können so etwas nicht ersetzen, betont Germund.

Und dann fliegt sein Artikel aus der Zeitung

Wenn er Ungeheuerliches erfährt, ein Thema erkennt, bietet er den Redaktionen in Deutschland dazu einen Artikel an. In seinem Verteiler stehen rund zehn Zeitungs-Gruppen. Wenn er ein „Ja!“ als Antwort bekommt, schreibt er los. „Und dann fliegt man aus der Zeitung, weil so ein depperter Politiker in Berlin etwas gesagt hat und ein Nachrichtenredakteur meint, das sei wichtiger“, ärgert sich Willi Germund. „Es gibt nichts Frustrierenderes als das. Aber das ist der Beruf, damit muss man leben.“

Er wünscht sich, dass die deutschen Medien Indonesien mehr Aufmerksamkeit schenken: „Es ist eine Vorzeigedemokratie und das Land mit den meisten muslimischen Einwohnern der Welt. Was in Indonesien in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren passiert, ist ganz wichtig für Südostasien und die islamische Welt.“

In den brennenden Ruinen hörte er die Menschen

Auf die Frage, welche Schicksalsschläge ihn im Laufe der Arbeitsjahre besonders berührt haben, denkt er sofort an Erdbeben. Da würde nicht nur die Erde wackeln. Da gebe es Ruinen, die brennen. „Wenn sie wissen, da sind Leute drin und die hören sie, und sie wissen, da kommen sie nicht ran – das ist ganz brutal.“

Und dann hat Willi Germund Chirurgen gesehen, die in Zelten Gliedmaßen amputieren mussten. Und in Kriegsgebieten Menschen, die einen Splitter im Auge und zertrümmerte Beine hatten, die monatelang komplizierte Operationen und schmerzhafte Behandlung über sich ergehen lassen mussten. „Das grenzt an Folter!“

Wie geht er mit solchen Erlebnissen um? Wie hat er gelernt, damit zu leben? „Man härtet ab“, sagt Willi Germund nachdenklich. Aber das seien Bilder, die sich für immer einprägen.

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