Schlösser

Ein alter Familiensitz meistert den Sprung in die Jetztzeit

Von Wasser umspielt: Schloss Wissen (l.) mit Kapelle (M.) und einem Teil der Vorburg (r.).

Foto: Kai Kitschenberg

Von Wasser umspielt: Schloss Wissen (l.) mit Kapelle (M.) und einem Teil der Vorburg (r.). Foto: Kai Kitschenberg

Weeze.   Schloss Wissen hat trotz bewegter Baugeschichte klassischen Charakter und modernes Gesicht vereint. Seit 555 Jahren Familiensitz der von Loës.

In jenem Jahr, als die Vorfahren von Raphaël Freiherr von Loë auf Schloss Wissen einzogen, wurde einem Zehnjährigen namens Christoph Kolumbus in Genua ein kleines Brüderchen geboren. Bis zur Entdeckung Amerikas freilich dauerte es da noch mehr als 30 Jahre, also eine ganze Generation. „Schloss Wissen ist Stammsitz der Familie seit 1461. Wenn wir amerikanische und kanadische Gäste haben, erzähle ich das gelegentlich. Das sind für die ja unvorstellbare Zeiten“, sagt von Loë mit einem sympathischen Understatement und fügt an, dass 555 Jahre ja im Vergleich zu anderen Familien, die es auf über 800 Jahre brächten, doch vergleichsweise bescheiden seien.

Schloss Wissen selbst ist sogar noch älter, mindestens 90 Jahre, ursprünglich im Besitz der Familie van der Straeten, die jedoch ausstarb. So konnte einst Johann van den Loe, in Marl beheimatet, das Schloss Wissen erwerben als Mitgift für seinen Sohn Wessel, der Lysbeth van Beerenbroek heiratete – und so als Westfale in ein Niederrheinisches Adelsgeschlecht einheiratete. Man sieht: Wenn man wollte, könnte man den Stammbaum derer von Loë in Marl noch weiter zurückverfolgen.

„Ein Hektar denkmalgeschützter Dachfläche“

Doch springen wir in die Gegenwart. Raphaël von Loë, ältestes von sechs Geschwistern, zog 1999 nach Schloss Wissen. Das Leben auf dem Schloss, besonders auf einem so großen, ist nicht jedermanns Sache. Und der Freiherr war bereits über 40, als er den Familiensitz von seinen Eltern übernahm, „ein Hektar denkmalgeschützter Dachfläche“. Die Eltern hatten das Haupthaus und die Vorburg schon in einen guten Zustand versetzt: Zwischen 1969 und 1973 hatten sie in Abstimmung mit dem Denkmalschutz das Schloss massiv umgebaut und den Erfordernissen der Zeit und ihres eigenen Lebens angepasst, etwa durch die Trennung der Säle von den privaten Wohnbereichen. Dazu gehörte aber auch, dass sie eineinhalb Flügel des Haupthauses abreißen ließen, um das Gebäude und den Innenhof zur Vorburg hin zu öffnen. Dadurch wurde aus dem ehemals finsteren Innenhof, in den wegen der hohen Mauern von allen Seiten kaum Licht dringen konnte, ein heller Platz. Eineinhalb Flügel, das klingt nach einem radikalen Eingriff in die historische Substanz, aber: „Dem Denkmalschutz war natürlich klar: Es gibt einen historischen Kern des Schlosses, alles andere waren spätere Anbauten, die sich zum Teil auch behinderten. Im Prinzip aber wäre jede Fassung des Schlosses in sich denkmalgeschützt“, so von Loë.

Eine französische Entgleisung

Selbst jene französische Entgleisung, zu der Franz Karl Freiherr von Loë und seine in Belgien geborene Ehefrau Alexandrine, Gräfin von Horrion, Ende des 18. Jahrhunderts das Schloss umbauen ließen. Türme und Erker wurden zurückgebaut, stattdessen ein französischer Herrenhausstil übergestülpt – eine Kuriosität am Niederrhein.

Fast 100 Jahre blieb Wissen so, bis es wieder im neogotischen Stil umgebaut wurde: Die Türme bekamen ihre Spitzen zurück, Wissen sah wieder so aus, als ob es an den Niederrhein gehörte. „Die Fassade erzählt diese Geschichten“, sagt Raphaël von Loë und deutet auf unterschiedliche Gesteinsfärbungen etwa am „Dicken Turm“, in dem sich auch noch das historische Verlies befindet. Etwa zur Zeit dieses Umbaus wurde auch, als katholische Machtdemonstration im Kulturkampf gegen die Preußen, die heutige Schlosskapelle errichtet, die zwischenzeitlich abzusacken drohte – und nun durch eine umfassende Sanierung und Restauration stabil und in historischem Glanz erstrahlt.

Marode Mühle wurde modernes Hotel

Das war eines der großen Projekte des aktuellen Schlossherrn. Noch augenfälliger sind seine Verdienste jedoch vor dem Schloss, denn zu dem gehört eine historische Mühle, die mindestens aus dem 14. Jahrhundert stammt – und die „Gesindesiedlung“, die „Boye“ genannt wurde. Beides war 1999 in einem äußerst gefährdeten Zustand. „Im Grunde galt es damals, die Mühle zu retten“, sagt von Loë. Und durch eine glückliche Fügung kam Wissen ins Programm „Culture & Castles“, ein grenzüberschreitendes Euregio-Projekt. Aus den einst maroden Bauten wurde ein außergewöhnliches Hotel: An die Mühle wurde in moderner Glaspavillon angebaut – sie dient als Rezeption, Frühstücks- und Tagungsraum. Aus den Gesindehäuschen wurden hübsche 18 Gästezimmer, eigentlich kleine Haushälften. Das wohl schönste von ihnen befindet sich in einem alten Trafotürmchen – und bietet einen fantastischen Ausblick aufs das alte Nierstal.

Moderne Zeiten in historischen Mauern

So fügen sich 555 Jahre Familiengeschichte und eine moderne Schlossnutzung: Die Vorburg ist vermietet, unter anderem an einen großen Blumenzüchter, eine Priester-Gemeinschaft und eine Künstlerin. In den prächtigen Sälen tagt man und feiert Feste. Und dann wohnt auch noch die Familie im Schloss, zumindest teilweise. Bis eines Tages die nächste Generation der von Loës Schloss Wissen übernimmt. Sorgen um Nachwuchs bestehen eher nicht: Raphaël von Loë und seine Frau Nicola von Kessel haben sechs Kinder.

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