Kuriose Heimatkunde

Echt jetzt?! Die letzten Rätsel des Reviers sind gelüftet

Fotomontage Bundesliga....Bereits vor dem Anpfiff des letzten Saisonspiels beim HSV wird Otto REHHAGEL die Meisterschale in Empfang nehmen koennen [ Rechtehinweis: picture-alliance / Sven Simon ]

Fotomontage Bundesliga....Bereits vor dem Anpfiff des letzten Saisonspiels beim HSV wird Otto REHHAGEL die Meisterschale in Empfang nehmen koennen [ Rechtehinweis: picture-alliance / Sven Simon ]

Essen.   „Die wirklich wahren Geheimnisse des Ruhrgebiets“ bieten in einem verblüffenden Buch Kurioses. Eine Auswahl für die nächste Pott-Party.

Unnützes Wissen oder Partyplauder-Stoff – das Buch „Echt jetzt?! Die wirklich wahren Geheimnisse des Ruhrgebiets“ (Klartext-Verlag/14,95 Euro) vom Pott-Sachverständigen Wolfgang Berke löst nun auch die letzten Rätsel des Reviers. Wir stellen einige der 50 Geschichten in Auszügen vor: verblüffend, schräg, tragisch!

Hätten Sie etwa gewusst, dass es unter Tage nicht nur schwarz vor der Hacke war, sondern sogar ein kleines Lichtspieltheater die Gemüter der Besucher zu erhellen vermochte – auf der siebten Sohle in Oberhausen.

Dass es in unserer rasanten Region, genauer auf der schon damals ehemaligen Zeche Alma in Gelsenkirchen zwischen Bulmke und Ückendorf, eine Art Avus gab: Wer erinnert sich noch an den Alma-Ring und Autorennen vor Tausenden Zuschauern in den Siebziger Jahren?

Wie aber ist das nochmal gewesen mit der Meisterschale? Die würde nicht nur mal wieder gut in den Pott passen, wo schließlich das Herz des Fußballs schlägt, sie stammt auch von hier – 1949 aus der gestalterischen Hand der Bochumer Goldschmiedin Elisabeth Treskow.

Und dann waren da noch die wirklich wahren Geschehnisse hinter dem Erfolgsroman „Essen Viehofer Platz“ von Autor Jürgen Lodemann: eine von den Nazis vereinnahmte Frau, die durch einen Dauerschwimmrekordversuch im Essener Baldeneysee verstorben ist ...

Doch lesen Sie selbst, bitteschön. Und staunen Sie!

Die Kommunistenkurve

Als die Sowjetunion sich Anfang der 1990er Jahre auflöste und keine Helden mehr brauchte, standen die alten Haudegen nicht mehr lange auf den Sockeln. Die steinernen Genossen wurden geschreddert und machten sich im Straßenbau nützlich, die metallenen wurden eingeschmolzen. Und weil in Lünen mit den ehemaligen Hüttenwerken Kayer einer der weltweit führenden Anbieter von „Verwertungslösungen für kupferhaltige Sekundärrohstoffe“ saß, landeten einige der werthaltigen Figuren ebendort.

Bei einer Betriebsbesichtigung entdeckte die damalige Lünener Bürgermeisterin Christina Dörr-Schmidt die gefallenen Sowjets und rettete sie vor dem Hitzetod. Seitdem stehen Wladimir Iljitsch Lenin, Anstas Mikojan und sieben weitere kupferhaltige Genossen im Horstmarer Loch, Teil eines Bergsenkungsgebietes in Lünen.

Dort waren sie 1996 Teil der Landesgartenschau – als „Altes, aus dem Neues gemacht wird“. Die Neunergruppe ohne Unterleibe (im Volksmund „Kommunistenkurve“) steht ganz am Rand des Parks und unterhalb der eigentlichen Grasnarbe. Ohne Sockel und Namensschild kaum zu finden und schlecht zu identifizieren. Aber immer noch so schneidig, entschlossen und zuversichtlich dreinblickend wie zu schlechten alten Zeiten.

Seepark Lünen (Parken: Scharnhorststr.), Lünen

Als in Gelsenkirchen die Reifen quietschten

Das Areal zwischen Gelsenkirchen-Bulmke und Ückendorf hat schon viel gesehen. Nördlich der Köln-Mindener Bahnlinie stand einst das Stahlwerk Schalker Verein. Südlich der Eisenbahnlinie lagen Zeche und Kokerei Alma. Geschichte. Was danach kam, ist teilweise auch wieder verschwunden oder von der Natur überwuchert.

Wie die Autorennstrecke: Nachdem die Zentralkokerei in den 1960er Jahren stillgelegt und demontiert wurde, bauten einige Motorsport-Verrückte auf einem Teil des Geländes eine ca. 750 Meter lange Kurvenstrecke für Altwagenrennen. RAG nannten sich die Betreiber. Nix mit Ruhrkohle, sondern Rheinländische Altwagen-Gemeinschaft. Vor allem in den siebziger Jahren lockten deren skurrile Rennveranstaltungen Tausende Zuschauer an. Schließlich ging es ordentlich zur Sache – Crashs inklusive. Obwohl sich die RAG bald in „Rheinländische Autorenn-Gemeinschaft“ aufwertete, war Mitte der 1980er Schluss mit der inzwischen als „Motodrom“ oder „Alma-Motodrom“ bezeichneten Rennstrecke. Der Lärmschutz und die Ruhe der Anwohner waren wichtiger geworden als der ganzjährige Motorsport-Gaudi.

Wer auf Spurensuche geht, wird fündig: Die Rennstrecke ist, zwar gut verborgen im dichten Buschwerk, noch in voller Länge erhalten. Asphaltiert, mit einigen Leitplankenresten und Reifenstapeln zeugt sie von der kurzen Motorsportvergangenheit in Gelsenkirchen.

Zuweg über Almastr./Mockernstr., Gelsenkirchen

Filme gucken auf der siebten Sohle

Wo heute das Centro steht, stand einst die Zeche Oberhausen. Schon Anfang der 1930er-Jahre wurde sie nicht mehr gebraucht und zu einer Werksausstellung.

Das Besondere: Die Besucher konnten mit einem Förderkorb mehr als 600 Meter in die Tiefe auf die siebte Sohle fahren. Neben Transportbändern und Schüttelrutschen sah man dort auch Filme über das Unternehmen – in einem „Unterwelt“-Kino.

Während des Kriegs diente das Bergwerk als Lager. Anfang der 1950er wurde das Besucherbergwerk neu eröffnet. Wiederum mit Werksfilmen in der Tiefe. Ein einziges Mal war Filmkunst zu Gast: 1955 liefen im Rahmen der Kurzfilmtage Beiträge unter Tage. 1959 war dann Schluss. Die Zeche wurde endgültig abgewickelt.

Essener Str. 259, Oberhausen

Die Schwimm-Tragödie im Baldeneysee

Ältere Essener nennen einen kleinen Abschnitt am Südufer des Baldeneysees „Ruth-Litzig-Bucht“. Eine schlagzeilenträchtige Tragödie steht hinter dem Namen: 1933, kurz nach Einweihung des Sees, sollte dort ein „Event“ stattfinden, das die 19-jährige Ruth Litzig weltweit bekannt machen und die Ideologie der Nazis verbreiten sollte. Es endete in einer Katastrophe. Unter den Augen Tausender Zuschauer schwamm die Hernerin in den Tod.

Die Kaufmannstochter hatte 1932 einen Rekord im Dauerschwimmen aufgestellt. Länger als 70 Stunden war sie im Rhein-Herne-Kanal. Nun sollten es 100 Stunden werden. Am Freitagmorgen des 18. August stieg Litzig ins Wasser. Es wurde Samstag, es wurde Sonntag. Das angepeilte Ziel war noch in weiter Ferne, als sie nach 79 Stunden am Sonntagabend völlig entkräftet aus dem Wasser gehoben wurde. 40 Stunden kämpften die Ärzte im Krankenhaus um ihr Leben – sie starb an Herzversagen.

Baldeneysee, Hardenbergufer (nahe Harnscheidts Höfe), Essen

Die erste Einkaufsmall steht heute leer - in Herne

Nach diesem städtebaulichen Kleinod würde sich manch gestandene Altstadt die Finger lecken. Wenn sie es denn könnte. Und wenn sie überhaupt von diesen gerade mal 100 Metern Nostalgie Kenntnis hätte. Denn außerhalb von Wanne-Eickel (jetzt Herne) kennt die Mozartstraße ja niemand. Geplant und gebaut wurde dieses achsensymmetrische Gebäudeensemble Anfang des 20. Jahrhunderts. Als Kaiserpassage zwischen Hauptstraße und Kaisergarten, mit einem Glasdach drüber und feinen Geschäften links und rechts. Okay, das Glasdach musste nach wenigen Jahren wieder abgebaut werden. Zu viel Ruß und Taubenscheiße in Wanne-Eickel.

Der Kaiser dankte ab, Park und Passage wurden bürgerlich, die Straße überstand den Bombenkrieg zwar, wurde aber zur bedeutungslosen Seitenstraße und gammelte vor sich hin. Leerstand breitete sich aus. Dabei könnte hier, 250 Meter Luftlinie vom Mondpalast, ein Schmuckstück liegen, mit Straßencafés, kleinen Läden, Ateliers und Kneipen. Wenn diese Mozartstraße in München läge. Aber sie liegt in Wanne-Eickel. Jetzt Herne.

Mozartstraße, Herne

Kriegs-Brause made in Essen

1929 war die Cola auf ihrem weltweiten Siegeszug auch im Deutschen Reich angekommen. Die Zen­trale für Produktion, Abfüllung und Vertrieb baute man in Essen.

1940 wurden kriegsbedingt die Rohstoffe für die Cola-Produktion knapp. Max Keith, damals Geschäftsführer der Coca-Cola GmbH in Essen, bat seinen Chef-Chemiker, eine Alternative zu entwickeln. Er sollte auf Rohstoffe zurückgreifen, die auch zu Kriegszeiten vorrätig waren: die Geburtsstunde der Fanta. Ab 1942 gab es in Deutschland keine Cola mehr – schon gar keine vom Feind aus Amerika. Also nuckelten die Deutschen eine Mischung aus Molke und Apfelfruchtfleisch, ihren Orangengeschmack bekam die Fanta erst später. Inzwischen gibt es sie in einem Dutzend Geschmacksrichtungen in über 200 Ländern.

Ehemaliger Coca-Cola-Sitz in Essen: Alexanderpark (heutiger Sitz in Berlin)

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