Erziehung

Du bist sooo peinlich – Warum sich Kinder für Eltern schämen

Am liebsten unsichtbar werden . . . Wenn Eltern peinlich sind, wollen die Kinder manchmal im Boden versinken.

Foto: Reto Klar

Am liebsten unsichtbar werden . . . Wenn Eltern peinlich sind, wollen die Kinder manchmal im Boden versinken. Foto: Reto Klar

Essen.   Eines Tages fühlen sich zwar die Eltern immer noch jung, doch die Kinder schämen sich für sie. Woher kommt das? Und wie begegnet man dem?

Eine Mutter in den Vierzigern, in Lammfellmantel und Stöckelschuhen, wirft sich in der Feinkostabteilung des Kaufhauses zu Boden. Sie trommelt mit den Fäusten gegen einen Schrank, der mit Kaviardosen gefüllt ist, und schreit: „Will nicht, will nicht – nein, NEEEIIIIN!“ Ihre zehnjährige Tochter steht daneben und muss starr vor Schreck mit ansehen, wie die Mutter zum Kleinkind mutiert. Am liebsten würde sie sich in Luft auflösen.

Was war passiert? Nichts Großes. Eine banale Diskussion an der Fischtheke. Der Fisch, den der Angestellte auf die Waage wuchtete, war der Mutter zu wenig frisch. Wortreich erklärte sie ihm die Kriterien für frischen Fisch, dieser da würde nichts davon erfüllen. Mutter und Tochter zogen ohne Fisch ab. Eine kleine Bemerkung der Tochter, etwas wie – „Das war jetzt aber nicht notwendig, ist mir peinlich, wenn du so laut bist“ – lässt die Mutter explodieren: „Willst du wissen, was wirklich peinlich ist? Du mit drei Jahren bei deinen Trotzanfällen!“ Und schon lag die Mutter am Boden und schleuderte theatralisch ihre Schuhe von sich.

Keine schöne Erinnerung für die Tochter. Aber die Erziehung in den 1980er-Jahren war eben auch häufig geprägt von den Idealen der Achtundsechziger: Ist doch egal, was die Spießer im Kaufhaus denken. Lass dein Gefühl raus, sei spontan und provoziere! Dass das Erlebnis für die Tochter vielleicht traumatisch sein könnte, daran dachte die Mutter in diesem Moment nicht. Und die Peinlichkeitsschwelle ist ja auch individuell verschieden. Was sich für die Mutter unkonventionell und herzerfrischend spontan anfühlte, war für die Tochter seelische Qual. Wahrscheinlich hatte sich die Mutter Jahre vorher für ihre eigenen, spießigen Eltern geschämt. Die Tochter sollte ihren Einsatz gefälligst würdigen.

Ist das eigene Verhalten völlig daneben, harmlos oder lustig?

Heute sind Eltern vorsichtiger, wenn es um die Gefühle ihrer Kinder geht. Vor allem, wenn sie die Bücher des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul schätzen. Der sagt bei jeder Gelegenheit: „Nehmt die Botschaften des Kindes ernst!“ Klingt einfach, aber hilft wenig, wenn man die Botschaft nicht versteht. Warum sind Kindern Situationen peinlich, die Eltern oft als harmlos oder gar lustig empfinden?

Mir zum Beispiel ist es schon wieder passiert. Mitten in diesem Text über peinliche Eltern, ich hätte eigentlich vorgewarnt sein müssen, wurde ich zur peinlichen Mutter.

Und das kam so: Freunde erkundigen sich beim Aperitif nach dem, was die Kinder jetzt so an Musik hören. Das Neueste, weiß ich zu berichten, sind diese Lochis. Sie haben angeblich eine Million Youtube-Fans, das beeindruckt den Achtjährigen und die Fünfjährige dackelt hinterher. Weil die Situation recht ausgelassen ist, übertreibe ich ein wenig, ziehe über Youtube und die Lochis her, zwei pubertäre Jungs, Zwillinge, die auf cool machen und recht derbe bis vulgär bekannte Songs parodieren.

Au weia, denn genau in dem Augenblick schleicht mein Sohn um die Ecke und verzieht sich schnell, zu schnell. Als ich nach ihm schaue, ist er ganz aufgelöst. „Mama, ich will nicht, dass du über solche Sachen redest, das ist mir peinlich. Sag denen, dass ich die Lochis gar nicht mag. Ich will nicht, dass sie denken, ich sei peinlich.“ Es tut mir so leid, dass ich ihn in diese Lage gebracht habe. Er wollte gut dastehen vor unseren Freunden, mit seinem Können in Schach glänzen.

Nun traut er sich nicht mehr aus seinem Zimmer. Ich versuche ihn zu trösten: „Hey, du findest die Lochis gut, ich nicht, aber das wusstest du doch schon vorher. Ist doch ganz normal, dass Kinder manchmal einen anderen Geschmack haben als ihre Eltern.“ Aber offensichtlich ist er noch nicht in der Phase, in der er genau das gut findet, was Eltern für doof halten. Er kontert mit einem sehr rührenden Satz: „Ich finde alles gut, was ihr gut findet.“ Hier gäbe es eigentlich Diskussionsbedarf, aber es ist nicht der richtige Moment.

Für das Gefühl der Scham braucht es Selbsterkenntnis

So sehr ich mich auch bemühe, das Kind ist untröstlich. Und ich sehe mich mit zwei groben Erziehungsfehlern konfrontiert: erstens den Musikgeschmack des Kindes lächerlich und zweitens – noch schlimmer – es zum Gegenstand des Gesprächs gemacht zu haben, obwohl ich damit rechnen musste, dass es mithört. Zum Glück für mich sagt Jesper Juul auch, dass sogar die besten Eltern 20 Fehler pro Tag machen. Aber was ist eigentlich Peinlichkeit? Und warum ist gerade die Eltern-Kind-Beziehung so anfällig dafür?

Ein Kleinkind kennt zunächst nur Grundgefühle wie Freude, Wut oder Angst. Das sind Gefühle, die ohne Selbstreflexion auskommen. Darin unterscheiden sie sich von Scham oder Peinlichkeit, denn dafür braucht es Selbsterkenntnis.

Ein Indikator dafür, dass ein Kind auf dem Weg ist, diese zu entwickeln, ist die Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen. Vorher sieht das Kleinkind im Spiegelbild ein anderes Kind. Es klatscht mit der Hand dagegen, weil es das Kind berühren will. Der sogenannte „Spiegeltest“ zeigt auf, ob es schon Ich-Bewusstsein entwickelt hat: Man malt dem Kind einen roten Punkt auf die Nase. – und mit 15 bis 24 Monaten wird es versuchen, sich an die Nase zu greifen und den Punkt wegzuwischen: Es entdeckt im Spiegelbild das eigene Ich.

In den folgenden Monaten entwickelt sich die Selbsterkenntnis, die etwas komplexer als reines Ich-Bewusstsein ist, weil sie die Beziehung zum Außen reflektiert. Das Kind lernt verstehen, dass etwas nur in der eigenen Wahrnehmung so ist, die anderen könnten es anders sehen. Erste Anzeichen für Selbsterkenntnis sind auch Symptome von Peinlichkeit oder Scham.

Vor dem Spiegel bittet man das Kind zu tanzen oder zu singen. Schon bei Zweijährigen kann man hier in den Bewegungen und Gesten Peinlichkeitsmerkmale feststellen: ein verschämtes Nach-unten- oder Zur-Seite-Blicken, nervöses Treten mit den Füßen, fahrige Arme und Hände. Der so daher gesagte Satz, Kindern sei nichts peinlich, stimmt also nur für sehr kleine Kinder. Sobald sie das eigene Ich und dessen Wirkung auf andere entdecken, kommt das Peinlichkeitsgefühl.

Symptome der Peinlichkeit sind von außen erkennbar

Die äußeren Symptome für Peinlichkeit sind klar: Der Blick wandert zur Seite, nach unten – meist von einem verlegenen Lächeln begleitet. Wir tendieren dazu, uns kleiner zu machen, versuchen mit den Händen das Gesicht zu bedecken, kratzen uns, kneten die Finger. Der Körper krümmt sich, im Gesicht laufen wir hochrot an und selbst die Sprache haben wir nicht mehr im Griff. Nervöses Gestammel ist die Folge. Versuche, das Gefühl zu verbergen, verkehren sich ins Gegenteil.

Und warum das Ganze? Weil das Selbstbild den Vorstellungen oder vermeintlichen Vorstellungen der Gesellschaft nicht mehr gerecht wird. Peinlichkeit ist also kein Gefühl, das einfach in uns ist, sondern eins, das erst entsteht, wenn andere uns beobachten. Das Kind kann stundenlang vor dem Spiegel posieren, peinlich wird es erst, wenn ein Elternteil dazukommt, Kritik übt, lobt oder einfach nur zuschaut. Dann fällt das Kind schnell aus seiner Rolle. Das macht den Kern von Peinlichkeit aus. Einfacher wird das Ganze sicher nicht dadurch, dass das Selbstbild eine ambivalente Struktur hat. Es schwankt zwischen dem Wunsch, selbst zu bestimmen, autonom zu sein – und dem Drang, Teil der Gemeinschaft zu sein.

Die Angst, ausgeschlossen und abgewiesen zu werden

Wenn mein Sohn also seinen eigenen Musikgeschmack entwickelt, folgt er diesem Wunsch nach Autonomie. Wenn ich dann aber seinen Geschmack lächerlich mache, wirkt das wie eine Drohung, aus der Familiengemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Er hat Angst, aus dem gemeinsamen Wertesystem herauszufallen. Denn die Familie wird zunächst vom Wertesystem und den sozialen Regeln der Eltern bestimmt.

Wenn alle Familienmitglieder auf die Toilette gehen, will das Kind auch nicht mehr in die Windel machen. Die Scham fängt mit körperlichen Phänomenen an. Wie auch die berühmte Nacktheit von Adam und Eva im Paradies. „Nachdem Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen, merkten sie, dass sie nackt waren und bedeckten ihre Blöße mit Feigenblättern“, steht im Alten Testament.

Unterschied zwischen Scham und Peinlichkeit

Aber im Unterschied zur Scham braucht die Peinlichkeit Zeugen. Das Kind schämt sich, wenn es in die Hosen macht. Peinlich wird es, wenn es von der Schwester erwischt wird. Und peinlich wurde es für meinen Sohn, weil ich ihn vor unseren Freunden lächerlich gemacht habe. Die Mutter hat also sein Wunsch-Selbstbild einfach eingestampft, er stand nackt da, alle lachten und kein Feigenblatt weit und breit.

Man muss sich erst einmal der Mechanismen bewusst werden, die dahinter stecken. „Bis etwa zum Alter von zehn Jahren glauben Kinder den Eltern ja alles“, erklärt Beate Kuhlmann. Die Diplom-Sozialpädagogin berät Familien im Raum Düsseldorf und Essen. Sie arbeitet außerdem für „familylab“, einem Netzwerk, das von Jesper Juul gegründet wurde.

„Wenn Kinder also in eine solche Situation geraten, ist das für sie eine Verletzung der Integrität. Das liegt daran, dass das Selbstwertgefühl sich in diesem Alter vor allem daraus entwickelt, welche Rückmeldungen sie von den wichtigsten Bezugspersonen bekommen.“ Und dazu gehören eben auch in erster Linie die Eltern. Wichtig sei es, dem Kind zu sagen, dass man es wirklich nicht verletzen wollte und dass es einem Leid tut.

Man kann ein Zeichen vereinbaren

Natürlich sollte man mit anderen grundsätzlich nicht über seine Kinder in deren Beisein reden, wenn man auch mit ihnen reden kann. Das bringt sie in eine unangenehme Situation, sie fühlen sich dann vielleicht wie ein Gegenstand aufs Abstellgleis gestellt. Man könnte ein Zeichen vereinbaren, mit dem das Kind signalisiert, dass ihm die Situation peinlich ist.

Die meisten Eltern heute halten sich ja für cooler als die vorhergehende Generation. Die Fernsehjournalistin und Autorin Amelie Fried ging sogar soweit, in einem „Cicero“-Artikel zu behaupten, heutige Kinder würden ihre Eltern nicht mehr peinlich finden, weil es den Generationenkonflikt nicht mehr gebe. „Offenbar ist es ihnen lieber, uns toll finden zu können, als uns blöd finden zu müssen“, schrieb sie. Umso mehr wundern sich Mütter, wenn ihnen plötzlich der Abschiedskuss verwehrt wird. Oder wenn ihre Kinder nicht vor der Schule, sondern um die Ecke verabschiedet werden wollen.

Für die Familienberaterin Beate Kuhlmann ist das ein ganz natürliches Verhalten von Kindern auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Kinder können nicht erwachsen werden, ohne die Eltern zu kränken. Wenn man das spürt, ist es an der Zeit, die Kinder loszulassen.

„Wenn ein Kind signalisiert, dass es bestimmte Dinge nun alleine kann, sollte man sich beglückwünschen, dass man als Elternteil alles richtig gemacht hat. Und nicht verletzt reagieren.“ Wobei hier auch der Ton die Musik macht. Wenn das Anliegen beleidigend oder aggressiv vorgetragen wird, können Eltern auch – möglichst ohne Vorwurf – sagen, dass hier eine Grenze überschritten wurde und sie sich verletzt fühlen. „Damit rechnen Jugendliche häufig nicht. Sie halten es oft nicht für möglich, dass ihre Eltern verletzlich sind.“

Auch Eltern müssen lernen, Abschied zu nehmen

In der Pubertät wird das Thema Peinlichkeit akut und fokussiert sich mit Vorliebe auf die Eltern. Da gibt es den Vater, der nicht im selben Straßenbahnabteil fahren darf wie seine Tochter, weil diese Angst hat, mit ihm von Freunden gesehen zu werden. Alles an ihm sei peinlich, sagt sie. Aber besonders peinlich sei es, wenn sich der Vater in Unterhaltungen mit ihren Freunden einmische. Damit ist sie nicht die einzige. Und die Eltern verstehen die Welt nicht mehr: Da will man nett sein, Interesse und Anteilnahme zeigen – und dann das.

Auch hier gilt wieder, sich der Mechanismen klar zu werden, die dahinterstecken. Der Ablösungsprozess schreitet voran. Es ist eine intensive Phase der Selbstfindung und der Suche nach einem eigenen Raum. Die Meinung der Eltern wird zweitrangig; wichtiger ist, was die Freunde denken. Mehr noch: Die Eltern werden nun zu Zeugen all der Peinlichkeiten aus der Kindheit, die man doch gerade mit viel Aufwand hinter sich gelassen hat. Und sie könnten diese Peinlichkeiten jederzeit ausspucken – vor Freunden! Klar, dass man da angespannt ist, wenn das Selbstbild in Gefahr ist.

Auch Kinder brauchen ihre Freiräume

Deswegen gilt: Freiräume gewähren. „Es gibt nichts wichtigeres für Jugendliche, als wenn sich die Eltern wieder um ihr Leben und ihre Partnerschaft kümmern“, sagt Beate Kuhlmann. Denn dann könnten die Jugendlichen sich entspannen. Was aber keinesfalls bedeutet, dass ihnen die Eltern in solchen Momenten völlig egal seien.

Viele Jugendliche würden in Gesprächen betonen, dass es ihnen wichtig sei, was ihre Eltern denken – ob es nun die erste Verliebtheit, ihre Schulleistungen oder eigene Zukunftsplanungen betrifft. Auch, wenn sie daraus ganz eigene Schlüsse ziehen und vielleicht sogar entgegensetzt handeln. „Sie brauchen die Eltern nicht mehr als Erzieher, aber doch immer noch als enorm wichtige Begleiter beim Erwachsenwerden“, bringt Kuhlmann diese Zwischenhaltung auf den Punkt.

Bei Machtkämpfen nicht mitmachen

Hart wird es, wenn man sein Auto um die Ecke parken muss, weil es dem Kind zu schrottig ist. Natürlich sollte man sich auch hier fragen, warum es einem dabei vielleicht nicht gut geht. „An diesem Punkt würde ich als Elternteil sagen: Es tut mir leid für Dich, dass Dir das peinlich ist, das muss sehr unangenehm für Dich sein. Aber ich werde hier weiter parken.“ Wichtig ist, hier nicht in Machtkämpfe einzusteigen, sondern Verständnis zu zeigen und sich gleichzeitig vom Verhalten des Jugendlichen abzugrenzen.

Das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern ist nun einmal ständigen Veränderungen unterworfen. Und das wahrscheinlich auch ein Leben lang. „Aus Erziehung wird Beziehung“ – so lautet ein Buchtitel von Jesper Juul. Gerade in der Pubertät, wo Erziehung eigentlich abgeschlossen sein sollte, ist dieser Satz wichtig.

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