Wertschätzung

Wertschätzung, Respekt, Anerkennung: Ein Muss in jedem Job

Wertschätzung und Anerkennung zugleich: Serena Williams (li.) gratuliert Angelique Kerber aufrichtig zum Wimbledon-Sieg 2018.

Wertschätzung und Anerkennung zugleich: Serena Williams (li.) gratuliert Angelique Kerber aufrichtig zum Wimbledon-Sieg 2018.

Foto: Simon M Bruty/Getty Images

Dorsten.   Wer anderen Wertschätzung schenkt, profitiert selbst davon. Dörthe Huth, Expertin aus Dorsten, sieht in vielen Unternehmen enorme Defizite.

Es wird vielen Menschen wie ein Klischee längst vergangener Arbeitszeitalter erscheinen, aber vereinzelt trifft man ihn noch: den stets schlechtgelaunten Vorgesetzten, der griesgrämig hinter dem Schreibtisch kauert, den Mitarbeitern seine Aufträge diktiert und eigentlich nie mit dem zufrieden ist, was diese letztlich abliefern – selbst wenn es genau seinen Vorgaben entspricht. Oder: Den selbstverliebten Chef, der alles besser selbst machen könnte, wenn die Zeit nur ausreichte, und der die Mitarbeiter wissen lässt, dass sie nur durch seine Gnade an ihrem Arbeitsplatz geduldet sind. Es müssen solche Typen gewesen sein, die die Dorstenerin Dörthe Huth (50) dazu gebracht haben, sich näher mit dem Thema „Wertschätzung“ auseinanderzusetzen. Huth arbeitet als Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie und wurde von Klienten immer wieder auf Probleme durch mangelnde Wertschätzung aufmerksam gemacht. „Wertschätzung bereichert das Zusammenleben mit anderen Menschen auf allen Gebieten. Wertschätzendes Verhalten ist eng mit Wohlwollen, Freundlichkeit, Anerkennung und Respekt verbunden“, erklärt sie. Wobei viele dieser Begriffe oft bedeutungsgleich angesehen werden. Sind sie aber nicht.

Wertschätzung unterscheidet sich von Anerkennung

So gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen Wertschätzung und Anerkennung. „Ich kann einem Menschen Wertschätzung entgegenbringen, ohne dass er zuvor irgendeine Leistung erbracht hat. Die Anerkennung hingegen ist immer auf eine Leistung bezogen. Die Wertschätzung ist eine Haltung, die sich dadurch zeigt, dass ich grundsätzlich wohlwollend auf andere Menschen reagiere, dass ich respektvoll mit ihnen umgehe“, erklärt sie. Es kommt also eher auf die innere Einstellung an. „Ich merke es mir immer so: Es ist wichtig, dass ich die Werte eines anderen schätze.“

Man kann Wertschätzung überall im Leben antreffen, etwa auf dem Sportplatz, wenn die Kontrahenten sich vor dem Spiel die Hand reichen – also zu einem Zeitpunkt, zu dem noch keiner der beiden etwas geleistet hat. Nach einem Match, etwa wie beim Handschlag zwischen Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber und ihrer Final-Gegnerin Serena Williams, spielt auch Wertschätzung eine Rolle, jedoch vermischt mit Anerkennung für die Leistung.

Sein eigenes Menschenbild unter die Lupe nehmen

In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern sollte Wertschätzung der Normalfall sein, das Kind sollte sich ohne Vorbehalte angenommen fühlen. „Es geht aber häufig mehr um Anerkennung: Hast du das gemacht? Und jenes? Dann ist‘s ja gut! Die Wertschätzung, das Kind also als Ganzes zu sehen auch mit seinen Fehlern, das machen wir vielleicht ein bisschen selten. Und wenn die Schulzeit beginnt, ist es ja grundsätzlich vorbei mit wertschätzendem Verhalten der Eltern gegenüber den Kindern“, sagt Dörthe Huth.

Zurück an den Arbeitsplatz. Um wertschätzendes Verhalten zu erlernen, sollte man zunächst sein eigenes Menschenbild unter die Lupe nehmen. Man sollte sich Fragen stellen wie: „Erwarten Sie Gutes oder weniger Gutes von Ihren Mitmenschen? Sind sie eher vertrauensvoll oder eher misstrauisch? Sind Menschen Ihrer Meinung nach eher faul oder eher fleißig?“

Wertschätzung über die innere Haltung

Wer anderen positiv gegenübersteht, dem wird man nach den Gesetzmäßigkeiten der Empathie auch grundsätzlich positiver entgegentreten. Auf diese Weise können beide Seiten profitieren, eine „Win-Win-Situation“.

Aber ist diese Erkenntnis auch in den Unternehmen für den Umgang mit ihren Mitarbeitern angekommen? „In vielen Firmen wird heute oft von Wertschätzung gesprochen. Aber die innere Haltung stimmt damit oft nicht überein, sie ist nicht wirklich wertschätzend“, so Huth.

Einen kleinen Lichtblick sieht die Dorstenerin gerade in großen Unternehmen. Weil dort heute viel Wert auf die Soft Skills gelegt wird, auch das Thema Achtsamkeit liegt sehr im Trend. „Sie schulen gerade Führungskräfte, denn die sollen als Vorbild fungieren, so dass es auch auf Mitarbeiterebene besser funktioniert mit der Kommunikation.“

Kommunikation ist der Schlüssel zur Wertschätzung

Apropos Kommunikation, die ist natürlich der Schlüssel für einen wertschätzenden Umgang miteinander. Idealerweise schafft man zunächst eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre auch dadurch, dass man sich Zeit füreinander nimmt. Und Huth rät zu einer achtsamen Sprache, in der positive und motivierende Begriffe verwendet werden.

Negatives muss dabei nicht ausgeklammert sein, jedoch sollte man, sobald die Probleme auf dem Tisch liegen, immer überlegen, was alle Seiten zur Lösung beitragen können. Ein gemeinsames Ziel sollte gefunden und der Weg dahin festgelegt werden.

Ein Selbstgespräch kann helfen, sich wertzuschätzen

Um anderen Menschen wertschätzend gegenübertreten zu können, sollte man zunächst bei sich selbst anfangen. Viele Menschen ordnen ihre eigenen Bedürfnisse dem Streben nach der Anerkennung durch andere unter – was kein gutes Zeichen für das Selbstwertgefühl ist. Das jedoch sollte man aber haben. Dazu gehört für Huth „die eigene Meinung vertreten, auch mal Nein zu sagen und sich abzugrenzen, die eigenen Kräfte dosiert einzusetzen und die eigenen Grenzen zu respektieren“.

Hier kann ein „gutes Selbstgespräch“ helfen. Die Menschen führen ja ständig einen inneren Dialog. Wenn der von Wertschätzung geprägt ist, lassen sich positive Effekte erzielen. Was ein bisschen nach Autosuggestion klingt – aber beim Betrachten des Gegenbeispiels wird vielleicht deutlich: Ein negativer Umgang mit sich selbst, etwa durch Selbstbeschimpfungen und innere Maßregelungen, hat noch bei niemandem Gutes bewirkt. Was Huth in folgendem Ratschlag zusammenfasst: „Wir sollten immer wieder in die Selbstwertschätzung zurückfinden.“ Nur so kann ein wertschätzendes Miteinander gelingen.

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Warum in der Politik so oft aggressives und abschätziges Verhalten dominiert

Gerade im politischen Alltag wird immer wieder das Gegenteil eines wertschätzenden Umgangs miteinander vor Augen geführt: Kontrahenten, die teils sogar im selben Lager stehen (Beispiel: Seehofer, der Merkel abkanzelt), stechen eher durch abwertendes Verhalten heraus. Derjenige, der solches Verhalten zum Prinzip erhoben hat, ist US-Präsident Donald Trump, der Freunde wie Feinde herabwürdigt und trotzdem Erfolge feiert.

Dörthe Huth: „Die Frage ist ja: Wie wollen wir Erfolg messen? Ich finde natürlich nicht gut, was Trump macht, aber es gibt offenbar genug Leute, die das beklatschen. Die finden gerade gut, dass er bewertet, dass er einfache Strukturen vorgibt, wie man zu denken hat. Dass er klare Feindbilder aufbaut und sagt: Wer ist Freund und wer ist Feind – das finden viele Leute ja gerade authentisch und toll. Nur: Wenn man das abwertend und zynisch meint, wenn es herablassend ist so wie bei Trump, dann hat das mit Wertschätzung natürlich nichts mehr zu tun.“ Wahrscheinlich gibt es nur wenige Menschen, die sich mit einem solchen Arbeitsklima arrangieren können.

Dennoch weiß Huth auch um die Kraft, die in Provokationen steckt, wie Trump sie ständig in die Welt setzt. „Ich glaube nicht, dass Provokation automatisch der Wertschätzung entgegensteht. Denn wenn wir uns weiter entwickeln möchten, dann geht das manchmal gut durch eine Provokation. Solang man immer nur mit Gleichgesinnten übereinstimmt, kommt man aus diesem Kreislauf nicht wieder raus. Wenn aber jemand anders denkt und uns so zur Auseinandersetzung anregt, ist eher eine Weiterentwicklung möglich.“

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