Kino-Legende Ufa

Die Traumfabrik in Babelsberg feiert ihren 100. Geburtstag

Ikone des frühen deutschen Films: Die damals 28-jährige Marlene Dietrich hat als Lola in „Der blaue Engel“ nicht nur ihrem Professor Unrath den Kopf verdreht.

Foto: Murnau-Stiftung

Ikone des frühen deutschen Films: Die damals 28-jährige Marlene Dietrich hat als Lola in „Der blaue Engel“ nicht nur ihrem Professor Unrath den Kopf verdreht. Foto: Murnau-Stiftung

Potsdam.   Die Ufa ist eine der ältesten Unterhaltungsmarken der Welt – in diesem Jahr begeht das geschichtsträchtige Unternehmen seinen runden Geburtstag.

Im Rückblick hat wohl kaum ein deutscher Film die Kinogeschichte gründlicher aufgemöbelt als der ­Science-Fiction-Klassiker „Metropolis“. Abzusehen war das zunächst nicht: Zum Zeitpunkt seines Erscheinens im Jahr 1927 stellte sich das Megaprojekt mit seinen bizarr ausufernden Produktionskosten für die Filmproduktionsfirma Ufa als Riesenflop heraus.

Zukunftsvision ihrer Zeit voraus

Nach seiner Premiere im legendären Ufa-Palast lief der Film lediglich in einem einzigen Berliner Kino und auch in den USA wirkte die fünf Millionen Reichsmark teure Geschichte einer futuristischen Großstadt, in der ein erbitterter Klassenkampf tobt, wie Gift an den Kinokassen.

Dabei hatte Regisseur Fritz Lang sein Herzblut in das Projekt gesteckt – das nun auch noch den Spott der Kritiker auf sich zog. Das Spektakel war ihnen zu bombastisch, abgedreht und sentimental. Es steht wohl kein anderer Film sinnbildlicher für die Ambitionen der Ufa als „Metropolis“. Ein Film, der sich als erster Zukunftstechnologien wie Cyborgs und Bildtelefone ausdachte.

Erst Flop, dann Erfolgsgeschichte

Das inbrünstige Buh von damals ist mittlerweile verklungen, „Metropolis“ gilt als eines der Meisterwerke der Filmgeschichte. Und es sollte nicht das einzige Werk der Ufa bleiben, das bis heute nachwirkt. Zur weiteren Erfolgsgeschichte des Unternehmens zählen unter anderem die Verfilmungen „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich, Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust“ und Fritz Langs „Dr. Mabuse“.

Das Kino der Ufa gelangte in der Weimarer Zeit auf den Höhepunkt seiner Wirkmacht, was sich auch an den Kinokassen bemerkbar machte. Im fernen Hollywood blieb das nicht unbeobachtet. Und so ist es kein Zufall, dass es deutsche Kinogrößen wie Ernst Lubitsch oder Friedrich Wilhelm Murnau schon früh an die amerikanische Westküste zog.

Es hatte eine Weile gedauert, bis sich die Ufa ihren Ruf in der Filmwelt erarbeitet hatte. Los ging es im Jahr 1917 mit der Gründung der Universum-Film AG (UFA). Damals bestand der Zweck der Filmproduktionsfirma ausschließlich in Propagandaarbeit. Abgeschaut hatten sich die Deutschen das bei den Engländern, die es geschickt verstanden, das Manipulationspotenzial des gerade erst so richtig aufkommenden Mediums Film auszunutzen. Die Pläne des deutschen Generalstabs, vor allem die von Erich Ludendorff, gingen noch weiter: Ihnen schwebte eine vom Staat gesteuerte Filmproduktion vor – das Massenmedium Kino sollte gänzlich nationalen Interessen gehorchen.

Glanzzeit Weimarer Republik

Doch gelang es der deutschen Propagandamaschine nicht, die Wirkung beim Publikum vollständig zu kontrollieren. Und so kam im Kino der Ufa der Höhepunkt der Weimarer Kultur zum Ausdruck – durch Künstler wie den Regisseur Fritz Lang, die Drehbuch­autorin Thea von Harbou oder den Kameramann Karl Freund. Dass dieses Kino noch heute so unheimlich nah wirkt, liegt auch an der Unmittelbarkeit, mit der die Filmschaffenden auf die gesellschaftlichen Entwicklungen reagierten: Individua­lisierung, angespannte Arbeitsmärkte, technologischer Fortschritt und die Wirkung von Massenmedien greift nicht nur Fritz Lang auf – und es sind Themen, die bis heute nicht an Brisanz verloren haben.

Fest im Griff der Reichsfilmkammer

Die wohl einflussreichste und spannendste Phase der deutschen Filmgeschichte sollte nicht allzu lange dauern. Jäh unterbrochen wurde der Einfluss der Ufa durch die Machtüber­name der Nationalsozialisten. Dies hatte sich bereits in der Zeit von „Metropolis“ angedeutet, als der ­hohe finanzielle Aufwand der Produktion und die ausbleibenden Gewinne die Ufa-Studios an den Rand des Ruins brachten. Die vom Bankrott bedrohte Firma wurde von politisch nationalistisch gesinnten Geldgebern übernommen. Im Jahr 1933 war die Ufa schließlich fest im Griff der Reichsfilmkammer unter Joseph Goebbels, sie wurde quasi verstaatlicht. In dieser Zeit entstand eine Vielzahl von Propaganda­filmen, während das NSDAP-Regime begann, jüdische Filmschaffende zu verfolgen. Die Ufa beugte sich diesem Druck und entließ reihenweise jüdische Regisseure, Schauspieler und Techniker. Dies war ein Schock, von dem sie sich so schnell nicht erholte.

Nach Kriegsende wurde der Konzern von den Alliierten zerschlagen, zunächst war jede weitere Film­produktion untersagt. Zu einer vollständigen Reprivatisierung kam es erst 1956. Routinierte Studioarbeiter wie der Regisseur Helmut Käutner arbeiteten unbeirrt weiter, stark kritisiert von einer Generation junger Filmemacher des Neuen Deutschen Films: Sie wollten endgültig mit „Opas Kino“ und dessen Verwurzelung im Nationalsozialismus auf­räumen.

Literaturverfilmungen und Fernsehen

Das heutige Gesicht der Ufa ist geprägt von der Übernahme durch den Bertelsmann-Konzern im Jahr 1964. Nach einer längeren Atempause, die sich der Konzern an der Filmfront gönnte, produziert das Unternehmen seit dem Jahr 2011 wieder verstärkt Stoffe für die große Leinwand. Populäre Literaturverfilmungen wie „Der Medicus“, „Dschungelkind“ und „Mängelexemplar“ zählen zu den Erfolgen der jüngeren Kino-Ufa.

Erfolgreich ist der Medienkonzern besonders an der Serienfront. Publikumserfolge wie „SOKO Leipzig“, „Deutschland 83“, „Ku’damm 56“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ sind Teil des Repertoires.

Der letzte Titel könnte dabei auch als Motto für die Traumfabrik von Babelsberg gelten – womit wir wieder bei den Künstlern der Ufa und dem „Metropolis“-Jahr 1927 wären. Friedrich Wilhelm Murnau drehte da seinen Film „Sunrise“ („Sonnenaufgang“). Nicht mehr in den Ufa-Studios, sondern an der Westküste der Vereinigten Staaten. Nicht nur er, auch viele andere Künstler träumten dort den Kinotraum der Weimarer Republik eine ganze Weile lang weiter. Der Ufa bleibt bis heute vor allem der Traum von sich selbst und ihren ganz großen Tagen.

>>>Ufa zwischen Krieg und Frieden

Ursula von Keitz leitet das Filmmuseum Potsdam und ist außerdem Professorin für Filmforschung und Filmbildung im Museum an der „Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf“. Chris Schinke sprach mit der Expertin für die Produktion von Ufa-Filmen über die vergangene und gegenwärtige Bedeutung des Filmunternehmens.

Frau von Keitz, welche Idee vom Kino entstand bei der Ufa und warum ist das bis heute so speziell?

Die Ufa ist in ihren Anfängen ein Kind des Krieges. Gegründet wurde sie 1917 als Antwort auf die englische Kriegspropaganda, die sich sehr gut darauf verstand, das Kino für ihre Zwecke zu benutzen. Von ihrer ursprünglichen Ausrichtung entwickelt sich die Ufa aber zunächst weg: 1919 ist nämlich Ernst Lubitschs Historienfilm „Madame DuBarry“ ein derartiger Publikumserfolg, dass sich eine Fülle neuer Produktionsmöglichkeiten ergibt. Das verstärkt sich, als die Ufa mit der Produktionsfirma Decla die größten Filmkünstler ins Haus holt: Stars wie Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang oder auch eine Thea von Harbou als Drehbuchautorin. Der wesentliche künstlerische Kern der Weimarer Repu­blik findet in der Ufa seinen Ausdruck.

Wie aber geht die Ufa mit ihrer eigenen Propagandageschichte um? Vor allem ihre Rolle im Dritten Reich ist ja ausgesprochen problematisch.

Wir müssen zwischen einer Friedens-Ufa und einer Kriegs-Ufa unterscheiden. Einer Ufa, die davon geprägt ist, eine demokratische Filmkultur zu etablieren, und einer, die von den historischen Einschnitten 1927 und vor allem 1933 geprägt ist. In diese Phase fallen die Propagandafilme der sogenannten „Kampfzeit“, dazu zählt auch der vom Reichspropagandaleiter Goebbels geschätzte „Hitlerjunge Quex“. Man darf aber nicht vergessen, dass viele Weimarer Themen und Erzählweisen fließend weitergeführt werden. Dazu zählen viele Komödien und Melodramen. Das betrifft aber auch die Stars dieser Zeit, auch wenn die Ufa auf politischen Druck hin 1933 jüdische Filmschaffende entlassen hat.

War der Erfolg der Ufa denn durchgehend groß?

Bezeichnend ist, dass die Ufa in der gesamten Zeit des Dritten Reiches an die großen Erfolge der Weimarer Repu­blik anzuknüpfen versucht. Sie erreicht insgesamt nicht mehr das künstlerische Niveau dieser Zeit. Erfolgreich ist die Ufa während des Krieges vor allem noch, weil sie in den besetzten Ländern neue Absatzgebiete hat.

Welches Verhältnis hat die Ufa zum Hollywoodkino und was passierte mit der Filmproduktion während der Alliiertenbesatzung?

Die Liga, mit der sich die Ufa messen wollte, war immer das Hollywood­kino. Sie war die einzige Firma, die ihm von den 1930er-Jahren bis in die 1940er die Stirn bieten konnte. Von der Verfolgung jüdischer Filmschaffender und ihrer Abwanderung nach Frankreich, England und Hollywood hat sie sich allerdings nie wieder erholt. 1945 findet mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges schließlich auch die Zerschlagung der Ufa statt. Damit endet auch eine Ära der Ufa, die man deutlich von ihrer heutigen Rolle als Fernsehproduktionsfirma und Bertelsmann-Tochter unterscheiden muss.

Welche Filme der Ufa gefallen Ihnen denn persönlich besonders?

Das ist eine ganz schwierige Frage – es sind nämlich so viele. Ich finde natürlich nach wie vor „Metropolis“ von Fritz Lang toll. Mich faszinieren aber auch Filme, die der Ufa den Weg gebahnt haben, wie „Phantom“ und „Faust“ von Friedrich Wilhelm Murnau oder „Zur Chronik von Gries­huus“ von Arthur von Gerlach aus dem Jahr 1925. Besonders mag ich die Ufa-Produktionen der Stummfilmzeit, aber auch die frühen Ton­filme sind grandios: ein intelligentes Drehbuch nach dem anderen und immer unheimlich pfiffig.

Wie fühlt es sich denn heute an, in unmittelbarer Nähe zu dieser historischen Filmstätte zu arbeiten?

Immer wenn ich auf dem Weg in die Filmuni bin, gehe ich durch das Studio. Es ringt mir großen Respekt ab, wenn ich überlege, wer da alles schon durchgegangen ist. Auch wenn ich an die heutigen Regisseure denke: Steven Spielberg etwa oder Quentin Tarantino, der hier „Inglourious Basterds“ gedreht hat. Das ist schon toll.

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