Lachen

Die Macht des Lachens – wie es die Menschen entwaffnet

Von Herzen lachen. Diese Art der Kommunikation versteht man auf der ganzen Welt.

Foto: getty

Von Herzen lachen. Diese Art der Kommunikation versteht man auf der ganzen Welt. Foto: getty

  Lachen schafft Nähe. Trotzdem wollte man es lange Zeit zähmen. Denn der lachende Mensch macht sich über Mächtige lustig – nicht nur an Karneval.

Das Zwerchfell liegt etwa in der Mitte des Körpers. Es markiert die Grenzlinie zwischen oben und unten, Kopf und Bauch, Verstand und Gefühl. Wer lacht, lässt es beben. Es flattert und zittert im unkontrollierten Rhythmus des Lachens. Und dabei passiert etwas Unerhörtes: Oben und unten geraten durcheinander, Kopf und Bauch, Denken und Fühlen kommen in gehörige Unordnung. Und das bleibt nicht ohne Folgen.

Warum um alles in der Welt lachen wir? Das Gesicht legt sich in Falten, die Nasenlöcher weiten sich, der Zygomaticus-Muskel zieht den Mund nach oben und sorgt für den typischen Gesichtsausdruck.

Der „Lachmuskel“ regt 15 Gesichtsmuskeln an, darunter die des Tränensacks, so dass wir gar Tränen lachen können. Das Lachen ist neben dem Weinen eine der elementarsten Gefühlsäußerungen, jeder Mensch auf der Erde versteht sie – sprachlos dient es der Kommunikation. Lachen schafft Nähe, stiftet Bindungen, steckt an.

Das wussten schon die Affen. Bereits vor über zehn Millionen Jahren sollen sie das Lachen gelernt haben. Sie lachen ganz ähnlich wie der Mensch, fanden Forscher heraus. Kitzelten sie die Tiere unter den Armen oder an den Fußsohlen stießen sie ganz ähnliche Kicher- und Keckerlaute aus wie wir. Je näher die Affen dem Menschen stehen, desto größer sind die Gemeinsamkeiten beim Lachen, ergaben Computeranalysen der Laute. Als sich die Entwicklung des Homo sapiens von der der Menschaffen vor etwa fünf Millionen Jahren trennte, war das Lachen also schon lange in der Welt.

Denken und Sprache setzen aus

Gelacht wird, wenn keine verbale Antwort nötig ist. Der Mensch reagiert tierisch, also nur mit dem Körper, zugleich setzen Denken und Sprache aus. Erst am Ende eines Lachanfalls erlangt der Mensch die Kontrolle über sich selbst zurück.

Die Kulturgeschichte des Menschen erzählt vom stetigen Versuch, das unbändige Lachen zu zähmen oder in geschützte Bereich zurückzudrängen. Damit sollten einerseits die Mächtigen vor dem Gelächter der Untertanen geschützt werden, zum anderen wurde so das Lachen selbst geschützt, das zu speziellen Anlässen oder nur an besonderen Orten stattfinden durfte. Deshalb geht mancher heute noch zum Lachen in den Keller.

Die umwälzenden Kräfte des Lachens

Der Kampf gegen das Lachen beginnt schon bei den alten Griechen. Platon hielt nur das Ernste für gut, das Lächerliche aber sei schlecht. Götter und Herrscher müssten sich fürchten vor den umwälzenden Kräften des Lachens, meinte er. Aristoteles sah das etwas anders, für ihn war Lachen harmlos, diente zur Entspannung, gehörte einfach zum Menschsein dazu.

Bekanntlich ist das zweite Buch der aristotelischen Poetik, in dem er sich vermutlich eingehender zum Lächerlichen geäußert hat, nicht überliefert. Umberto Eco hat dieses Thema in seinem Roman „Im Namen der Rose“ populär aufgearbeitet. Der gebildete Mönch Jorge von Burgos wird zum Mörder, um zu verhindern, dass das angeblich einzig erhaltene Buch des Aristoteles über den Nutzen der Komik bekannt wird. Der Hüter der Bibliothek wollte die Welt vor diesem Buch schützen. Nur die Angst könne die Menschen dazu bringen, ein gottgefälliges Leben zu führen.

Dem Christentum war das Lachen seit jeher suspekt. Ursprünglich war das Christentum keine Herrschaftsreligion, führt der Lachforscher Rainer Stollmann aus, sondern eine Religion der Mühseligen und Beladenen, die somit mehr mit Wehklagen denn mit Frohlocken zu tun hatte. In der christlichen Vorstellung galt die Welt als Jammertal, in der die körperliche Regung des Lachens verpönt war.

Wer lachte, galt als Zweifler. Lachen, das klang nach Übermut, Vergnügen, Genuss und – weit schlimmer – nach Lust und Ausschweifung. Nicht zufällig spricht man vom „Heidenspaß“. Hinzu kommt: In der Bibel steht nichts von einem lachenden Christus. Folglich sollten auch die Christen das Lachen lassen. Es sei Teufelswerk.

Die Sprengkraft des Lachens

In der Kulturgeschichte des Menschen scheint der Bauer das Lachen für sich gepachtet zu haben, stellte der Kulturwissenschaftler Michail Bachtin (1895-1975) einst fest. Lachkultur sei nicht höfische, nicht adlige Kultur, nicht die der Mächtigen, sondern Volkskultur – und diese sei grundsätzlich karnevalistisch. Spätestens hier erhält das Lachen Sprengkraft.

Es wird politisch, es wird antireligiös, es wird anti-rational – es wird überhaupt gefährlich. Die karnevalistische Kultur, erklärt Bachtin, unterscheide sie von repräsentativer. Sie stellt jene mit Humor infrage, gehorcht anderen Regeln und verweigert sich Herrschaft und Hierarchie. Dem Adel hingegen galt das Lachen als unfein und hässlich.

Der Siegeszug des Witzes

Das Lachen ist ein Bote des Aufruhrs, denn der lachende Mensch ist einer, der vor Autoritäten nicht kuscht, der sich über die Mächtigen lustig macht, der Wahrheiten nicht einfach gelten lässt und Hierarchien infrage stellt. Mit der Aufklärung begann schließlich der Siegeszug des Witzes. Das aber ist etwas ganz anderes als das vulgäre, volltönende, unvernünftige Gelächter. Der Witz ist die intellektuelle Art des Lachens, der vernunftgezähmte Humor. Wer lacht, hat verstanden.

Freude entzieht sich ihrem Wesen nach jeder Kontrolle. Trifft sie auf Macht, erstirbt das Lachen – oder entlarvt die Mächtigen. Charlie Chaplin brachte es fertig, dass man über den „Großen Diktator“ lachen konnte. Nicht, weil er den Führer lächerlich machte, sondern weil Chaplin das Lachen aufklärerisch einsetzte. Das ist der Sinn einer jeden guten Pointe: Lachend geht uns ein Licht auf.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik