Lebensglück

Die Lebenslust einer 107-Jährigen – eine Enkelin erzählt

2017: Oma Maria (107, l.) an Oma Mias (r.) 100. Geburtstag. Enkelin Anja hat viel Freude mitihren beiden Omas.

Foto: privat

2017: Oma Maria (107, l.) an Oma Mias (r.) 100. Geburtstag. Enkelin Anja hat viel Freude mitihren beiden Omas. Foto: privat

Essen, Bottrop.   Anja Fritzsche hat zwei sehr alte Omas und nun ein vergnügliches Buch übers Zusammenleben geschrieben: „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige“.

Sie hat zwei Omas. Insofern noch nichts Außergewöhnliches. Erstaunlich wird es aber, wenn Anja Fritzsche ins Spiel bringt, wie alt ihre Oma Maria ist: Maria Fritzsche wurde 1909 geboren, die Essenerin, die heute in Süddeutschland lebt, wird bald 108 Jahre alt. Die Dialoge mit ihr hat die Designerin und Autorin Anja Fritzsche aufgeschrieben: „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige“ heißt das Buch voller witziger Dialoge, die die Lebenslust wecken. Und der Clou: Anja Fritzsche hat eine zweite Oma, die stammt aus Bottrop – und ist auch schon 100. Georg Howahl sprach mit der Enkelin über das Geheimnis langer Lebensfreude.

Frau Fritzsche, wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Oma mit ihrem Alter etwas Besonderes ist?

Am Anfang war es mir nicht so bewusst, man wird ja alt mit ihr, das ist ja was Selbstverständliches. Aber als die Leute gesagt haben: „Ich habe noch nie so einen alten Menschen gesehen“, da wurde mir klar: Okay, jetzt langsam wird’s was Besonderes.

Die Dialoge mit Ihrer Oma sind meist sehr lustig. Ist Ihre Oma damit einverstanden?

Ich hab’ ihr aus dem Buch mal vorgelesen und sie fragte mich: „Von welcher lustigen Oma sprichst du da eigentlich?“ Oma, ich rede von dir!

Wie weit darf man sich über seine Oma lustig machen? Gab es Momente, in denen Sie Ihre Oma auch schützen mussten?

Ja, die gab’s. Das Buch begann ja damit, dass ich mit meiner Oma auf Facebook gegangen bin und ihre Erlebnisse und Sprüche dort veröffentlicht habe. Es gibt aber schon Momente, in denen ich gesagt habe: Bis hierhin und nicht weiter. Ich möchte schon eine Grenze wahren. Ich möchte meine Oma eben nicht vorführen. Es geht darum, dass man ein bisschen Positives hinausträgt und zeigt: Man kann mit 107 noch Freude am Leben haben, wenn man will.

102 Jahre: Oma Maria: „Jochen, wie sieht es nur in deinem Zimmer aus? Du könntest auch mal wieder aufräumen!“ Anja: „Haha, herrlich! Papa, wie ist das so, wenn einen die 102-jährige Mama zurechtweist?“ Papa: „Ich komme mir vor, als wäre ich wieder zehn!“ Oma Maria: „Dann ist ja gut. Das hält dich jung!“

Wie reagieren die Leser auf Facebook auf Ihre Oma-Geschichten?

Die Leute schreiben mir oft: Ich bin schon 70 und dachte, ich wäre alt. Aber wenn ich Ihre Oma sehe, fühle ich mich ja noch total jung. Da hat man dann vielleicht noch einiges vor sich. Man kann sich ja nicht aussuchen, wann man stirbt. Das kommt halt irgendwann.

Spielt der Gedanke an den Tod eine große Rolle in Ihrem Leben?

Wir reden in der Familie sehr offen darüber. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass mit 107 der Tod jeden Tag vor der Türe stehen kann. Wir leben sehr im Hier und Jetzt.

Ihre Oma hat viel mitgemacht, mit 102 bekam sie eine neue Herzklappe, mit 103 hatte sie einen Oberschenkelhalsbruch. Und hat sich berappelt. Wie geht’s ihr derzeit?

Sie erholt sich von einem Unfall. Der Fahrer hinter uns hat einfach geschlafen, er ist voll auf unser Auto gefahren. Oma hat sich dabei die Rippen angeknackst und das Brustbein geprellt. Es ist traurig, dass sie derzeit nicht mehr laufen kann. Oma ist sehr ungeduldig, das macht es schwer für sie. Eine ganze Zeit lang stand es nicht gut um sie.

Aber Sie erholt sich wieder?

Als es ihr schlecht ging, hat sie irgendwann gesagt, es möchten alle mal zusammenkommen, sie möchte jetzt gehen. Aber wie immer bei meiner Oma: Als alle da waren mit Jubel-Trubel, hat sie uns nur mitgeteilt: Sie möchte jetzt versuchen aufzustehen. Und sie möchte einen Kuchen. Wir sind da vom Glauben abgefallen.

Sie haben zwei enorm alte Omas, was ist ihrer Meinung nach das Geheimnis für ein solch hohes Alter?

Das Geheimnis ist die aufopferungsvolle Liebe meiner Eltern. Dass man gute Gene hat, gehört sicherlich alles mit dazu. Aber man muss Unterstützung haben, wenn man am Leben teilhaben möchte – und man kann in dem Alter ja nicht mehr alles von selbst.

104 Jahre: Omas Kanal zum linken Augennerv ist durch eine Thrombose in den Venen verstopft. Was zur Folge hat, dass sie auf einem Auge blind ist. Sie trägt es mit Fassung. Richtig lustig wird es, als wir abends vor dem Fernseher sitzen. Sie braucht ein wenig, bis sie die Fernbedienung richtig halten kann, schaltet ein und plötzlich ertönt: „Mit dem Zweiten sieht man besser.“ Oma Maria: „Wenn die wüssten …“ Und lacht.

Spielt auch die Ernährung eine Rolle? Man erhält den Eindruck, Ihre Oma ernährt sich in Maßen gesund ...

Das ist eben dieses Maßvolle in vielerlei Hinsicht. Meine Oma verzichtet weder auf Alkohol noch auf Fleisch. Aber sie hat ihr Leben lang sehr viel selber gekocht. Und wir sind heutzutage ja eher etwas anderes gewohnt, viel Essen vom Imbiss, viel Essen mit Konservierungsstoffen. Ich bemerke übrigens auch, dass keine von meinen Omas Diabetes hat. Vielleicht liegt das auch daran, dass man vor dem Zweiten Weltkrieg nur sehr wenig Zucker im Essen hatte.

105. Geburtstag: Anja: „Gratulation zu 105 Jahren, Oma! Unglaublich! Jetzt muss ich es schon selber sagen. Was denkst du nur, ist dein Geheimnis?“ Oma Maria lacht schelmisch und sagt: „Anja-Spätzchen, Lachen ist die beste Medizin! Und nimm das Leben nicht zu ernst, es passiert doch eh, was passieren will.“

Beide Omas haben den Großteil ihres Leben im Ruhrgebiet verbracht. Macht das zäh?

Essen ist für meine Oma Maria die Heimat. Und es ist wie bei vielen Menschen im Alter: Die wollen immer dahin zurück, wo sie in ihrer Jugend waren. Wir sind in der Familie schon sehr pottisch. Die 100-jährige Oma Mia will gern zurück nach Bottrop. Sie ist da aufgewachsen, hat da immer gewohnt – und sie hatten die erste freie Tankstelle der Stadt. Vielleicht liegt’s an der Ruhr-Luft in ihrer Jugend und der bayerischen Luft im Alter.

Wann hat ihre Oma Maria eigentlich Geburtstag?

Am 19. Dezember wird sie 108. Ich bin mir auch sicher, dass wir den Geburtstag noch erleben werden. Also, bei mir oder Ihnen bin ich mir nicht so sicher, aber bei meiner Oma schon... (lacht)

Können wir in ein paar Jahren mit der Fortsetzung Ihres Buchs rechnen?

(Lacht) Na, vielleicht wenn Oma 111 wird? Wegen der Schnapszahl! Ich habe am Anfang, als ich geschrieben habe, immer gedacht: Das Ende des Buchs ist dann, wenn sie stirbt. Aber dann habe ich diesen Satz gehabt, den meine Oma immer sagt: „Ist nicht so schlimm, ich habe ja Zeit.“ Und ich sagte: Oma, wenn man mit 107 Jahren noch frischen Herzens sagen kann: „Ich habe ja Zeit“, das ist wirklich beneidenswert. Danke Oma...

Oma im Netz und im Buch

Es begann als eine Facebook-Seite, auf der Anja Fritzsche die lustigen Sprüche und Geschichten von ihrer Oma versammelte
(www.facebook.com/Oma107).

Nun gibt’s das Buch: Anja Fritzsche & Oma Maria (107): Oma, die Faltencreme ist für 30-Jährige – Die unglaublichen Geschichten einer 107-Jährigen. Ullstein, 240 Seiten, 10 €

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