Brexit

Deutsche und Briten - eine Liebesbeziehung über den Kanal

Deutsch-britisches Paar: Olivia Daniela Holz und Simon Rooney aus Düsseldorf spielen mit ihrem Julien Eddie (5 Monate).

Deutsch-britisches Paar: Olivia Daniela Holz und Simon Rooney aus Düsseldorf spielen mit ihrem Julien Eddie (5 Monate).

Foto: Lars Heidrich

Rhein und Ruhr.   An den Banden zwischen uns und der Insel sollte der Brexit nichts ändern. Wir sprachen mit Briten und Deutschen über ein herzliches Verhältnis.

Heute schon englischen Frühstückstee getrunken? Ein Pint Bier? Und wie wäre es mit Fish & Chips? Es gibt tausend gute Gründe, warum die Deutschen die Briten lieben – und umgekehrt. Daran werden auch alle Turbulenzen des Brexit wenig ändern. Wir sprachen mit einigen Menschen, die an Rhein und Ruhr leben und mittlerweile besondere Bande zwischen den Ländern aufgebaut haben, darunter auch ein Paar mit einem deutsch-britischen Baby:

„Was ich am deutsch-britischen Verhältnis so schätze: Beide Länder teilen einen ähnlichen Sinn für Humor – das haben meine Partnerin Olivia und ich festgestellt, wo auch immer wir hingekommen sind, egal ob in Deutschland oder England. Außerdem weiß ich gutes Essen, guten Wein und großartiges Bier zu schätzen. Die Essenskultur in Deutschland ist sehr vielfältig, von traditionellen, heimischen Gerichten bis hin zu modernen Einflüssen aus der ganzen Welt. Außerdem gibt es eine grundsätzliche „Modernität“ in Deutschland, die man im Denken und den Reaktionen gerade der jungen Leute feststellen kann. Man ist hier sehr entspannt dabei, andere Kulturen kennen und akzeptieren zu lernen – auch selbst zu reisen und dabei Neues zu entdecken. Die Deutschen haben außerdem gern Spaß: Ihnen gelingt es, den Moment zu genießen und trotzdem nicht zu vergessen, für die Zukunft zu planen. Und ganz nebenbei: Sie teilen die Begeisterung für Fußball, Motorsport und Geselligkeit.“

Simon Rooney (44), „Head Of Design“ bei Esprit in Düsseldorf

„Was ich an England liebe: Die britische Höflichkeit und den Klang der englischen Sprache. Ich liebe den englischen Humor, die Selbstironie und den lässigen Lebensstil der Briten. Zur „Teatime“ dürfen keine britische „Scones“ (Gebäck) fehlen. Und als begeisterte Tennisspielerin ist Wimbledon ein Muss, natürlich am liebsten mit einem Glas Pimm’s und „Strawberries with Cream“.

Olivia Daniela Holz, (39) Mode­expertin in Düsseldorf

„Es gibt eine Geschichte, die in meinen Augen am besten illustriert, warum ich Deutschland so mag: Als wir in unser letztes Haus in England gezogen sind und zu Beginn dort spazieren gingen, war das erste Graffiti, das mein Mann Simon und ich gesehen haben, der Schriftzug: „Fuck Arabs!“. Und als wir dann nach Bochum gezogen sind, machten wir unseren ersten Spaziergang. Das erste Graffiti zeigte die Botschaft: „Refugees welcome!“ Das fasst ganz gut zusammen, wie unterschiedlich die Atmosphäre in den Ländern grundsätzlich ist. Deutschland ist ein Land, das einen willkommen heißt, freundlich und offen ist, einfühlsam und unterstützend. Ich weiß natürlich auch, dass das nicht auf jeden Einzelnen in Deutschland oder jede Gruppe zutrifft. Aber generell umreißt diese Geschichte, wie es sich für uns anfühlt, in Deutschland zu leben. Wohingegen es sich in England oft sehr angespannt und feindselig gegenüber Fremden anfühlt. Das ist für mich der beste Grund, warum ich so gerne in Deutschland bin.“

Jenny Fawson (36), Freiberuflerin und Studentin für Kommunikationsdesign aus Bochum

„Ich bin vor drei Jahren nach Deutschland gekommen, weil ich hier einen guten Job gefunden habe. Ich habe gerade in England meinen Ph.D., also quasi meinen Doktortitel, in mittelalterlicher englischer Literatur gemacht und ich fand eine Anstellung an der Ruhruni Bochum als Wissenschaftlicher Mitarbeiter – und danach habe ich eine feste Anstellung an der Uni Düsseldorf gefunden. Das ist übrigens einer der Hauptgründe, warum ich Deutschland mag: Diese Art von Arbeit existiert in England so gut wie nicht mehr heutzutage. Diese Forschungsarbeit an historischer Literatur wird überhaupt nicht wertgeschätzt bei uns. Obwohl unsere Politiker und unsere Zeitungen viel über die Wichtigkeit unserer Geschichte schreiben, wird sie von den Deutschen viel ernster genommen.

In England haben wir eine sehr flache und fehlgeleitete Erinnerung an unsere eigene Geschichte. Was zu Dingen wie dem Brexit geführt hat. Wir reden uns selbst ein, was wir für eine große Inselnation sind und dass wir besser sind als alle anderen. Auch der Brexit wird als Mittel gesehen, sich als etwas Besonderes zu sehen – was so nicht stimmt.“

Simon Thomson (37), Literaturwissenschaftler aus Bochum

„Das Oktoberfest, sowas kann man in England gar nicht feiern, das geht gar nicht. Ich habe gerade erst ein paar Jungs von drüben hier gehabt, die beim Oktoberfest am Mülheimer Flughafen einen heben wollten. Die waren begeistert! Lachen Sie nicht! Die fanden das sooo toll, dass so viele Leute so viel Bier trinken können und sich dabei gar nicht in die Wolle kriegen, keine Klopperei, kein Garnichts. In England geht das nicht, da heißt es immer noch: „A great British night with a pint and a fight!“ Das ist hier schon anders. Es ist so friedlich, ein pazifistisches Land.

Außerdem sind die Deutschen supercool geworden in den letzten zwanzig Jahren. Es ist einfach schön, hier zu leben. Es läuft hier.

Ich habe Deutschland lieben gelernt. Ich bin mehr als die Hälfte meines Lebens hier. Trotzdem bin ich stolzer Engländer. Ich bin verheiratet mit einer Deutschen, habe deutsche Kinder, einen deutschen Meisterbrief, ich könnte sofort die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen – aber ich werde es nicht machen, weil ich gern Engländer bin.“

Jason Carey (52), Friseurmeister bei „Carey + Carey“ aus Essen

„Mal ganz abgesehen davon, dass auch meine Frau hierherkommt: Meine ganze Existenz, wie ich sie heute führe, wäre in England so nicht möglich gewesen, gerade deshalb mag ich Deutschland. In England kann man keine Häuser mieten, um ein Restaurant zu eröffnen, man muss sie kaufen. Und das wäre schwierig geworden. Anfangs musste ich die Deutschen von der Qualität der britischen Küche wie unserem „Steak & Guinness Pie“ oder der „Beetroot Tarte Tatin“ überzeugen, aber das ist mir mittlerweile sehr gut gelungen. Nicht zuletzt wegen der Bekannt- und Beliebtheit von Jamie Oliver lieben viele Deutsche heute die britische Küche. Im „Marples“ kann ich authentische Gerichte aus meiner Heimat anbieten und über die Events im Restaurant noch etwas Lifestyle dazu vermitteln.

Außerdem: Das Gesundheitssystem ist viel besser als auf der Insel, auch in dieser Hinsicht möchte ich nicht mehr zurück.“

Paul Brian Furey (57), Besitzer und Chefkoch des britischen Restaurants „Marples“ in Dortmund Huckarde, marples-dortmund.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben