Schlankmacher

Der Zoll kämpft gegen das Geschäft mit der falschen Pille

Bunte Pillen: Hinter den „Wundermitteln“ stecken häufig große Gefahren für die Gesundheit.

Foto: Rolf Vennenbernd

Bunte Pillen: Hinter den „Wundermitteln“ stecken häufig große Gefahren für die Gesundheit. Foto: Rolf Vennenbernd

Essen.   Zollfahnder im Revier stoßen auf Diät- und Potenzmittel, die viel versprechen. In den Pillen stecken aber vor allem Gefahren für die Gesundheit.

Meltem ist 19, als sie im August 2006 stirbt. Nach Luftnot, 41 Grad Fieber und dem Totalversagen von Organen macht das Herz des Mädchens aus Hannover nicht mehr mit. Schuld, wird man bald feststellen, ist ein Teelöffel Diätpulver. Jana, die Freundin, hat das angebliche Abnehm-Wunder im Internet besorgt. Was Jana nicht geahnt hat: Der Schlankmacher enthält den tödlichen Wirkstoff Dinitrophenol, ein berüchtigter Fettverbrenner. Er ist illegal.

Ermittler stoßen auf dubiose Pakete

Im Zollfahndungsamt an der Essener Weiglestraße kennen die Ermittler solche Gefahren, als im Dezember 2013 ein Hinweis aus London aufschlägt. Die Kollegen dort haben am Flughafen ein Paket geöffnet und einen Mix aus nicht verzollten, nicht zugelassenen Wundermitteln gefunden.

Viele sind hübsch in Plastik-Blister verpackt. Welche zum Haarewachsenlassen, zum Abnehmen, zum Aufbessern der Manneskraft. Sie heißen Kobra oder Kamara. Schöner, schlanker, härter, spottet ein Fahnder. Als Empfänger der Sendung ist eine Adresse in der Essener Innenstadt angegeben. Es ist eine Lagerbox beim Zoll „um die Ecke“, wie sich dessen Sprecherin Ruth Haliti erinnert.

Der Zufallsfund ist Vorspann zu einem spektakulären realen Revier-Krimi. Zentrale Tatorte sind Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und die Niederlande. Indische Fabriken nahe Mumbai sind verwickelt. Die zentralen Figuren sind verurteilt, nur die Entscheidung über die Berufung steht aus. Mutmaßliche Helfer müssen sich im Frühjahr vor Essener Richtern verantworten.

Handel mit gefälschten Arzneien nimmt zu

Doch die Straftat, um die es geht, wiederholt sich in Deutschland mit anderen Tätern und anderen Opfern, jeden Tag und überall. „Wahnsinn, im Internet bekommst du jeden Scheiß.“ Das hat Deutschlands oberster Zöllner Wolfgang Schäuble gemeint. Der Finanzminister und das deutsche Gesundheitssystem haben ein Problem: Der Handel mit gefälschten Arzneien nimmt rasant zu. 2015 stellte der Zoll fast vier Millionen Tabletten sicher. Viermal so viel wie ein Jahr zuvor.

„Arznei ist das neue Kokain“, sagt Arndt Sinn. „Die Gewinnspannen von Potenzmitteln sind wesentlich höher als die der Droge“. Ein Kilo Viagra-Grundstoff für 50 Euro bringt leicht 90 000 Euro im Endverkauf, ein Kilo Rohkokain für 1000 Euro nur 45 000 Euro.

Der Strafrechts-Professor an der Uni Osnabrück weiß einiges über den Vertrieb und Verkauf nicht zugelassener, nachgemachter, gestreckter, ergänzter, gepanschter, gestohlener, verunreinigter Medikamente. Es sind immer noch meist reine Lifestyle-Produkte, zunehmend aber auch Fakes schwerer Arznei, die gegen Herzschwäche und Krebs helfen soll. Sinn sagt: Die Hälfte aller online angebotenen Lifestyle-Produkte ist manipuliert.

Opfer gehen aus Scham nicht zur Polizei

Dezember 2013. Die Briten haben das Paket zugeklebt und unverdächtig an die Essener Adresse geschickt. „Sie haben mehr dahinter vermutet“, sagt Haliti. „Sie wollten, dass es beim Empfänger landet und von uns lokalisiert wird“. Der Essener Zoll setzt eine Ermittlungskommission ein. Vier Fahnder folgen der Spur. Wie sind die Vertriebswege? Wie sind die Geldflüsse? Wer ist beteiligt? Sie nehmen die Lagerbox-Adresse ins Visier. Zugriff? Noch lange nicht. Die Observation geht vor, „mal mit Beamten, mal mit Kameras“.

„Potenzmittel, Schlankmacher und Haarwuchsmittel sind schambehaftete Medikamente. Bei ihrer Beschaffung gibt es eine hohe Dunkelziffer, weil zwar Personen zu Schaden kommen, aber viele nicht den Weg zur Polizei suchen“, sagt Strafrechtler Sinn. „Sie bestellen im Internet, wo sie darüber getäuscht werden, ob die Mittel legal oder illegal sind“.

Sinn wollte per Selbstversuch wissen, wie das geht. Bei einem Anbieter fragte er online an, ob er 50 Kilo vom Viagra-Rohstoff haben könne. „Drei Stunden später hatte ich die E-Mail: Kein Problem“. Er brach die Aktion ab.

Gefährliche Substanz aus Indien

Auch die Käufer, die sich an die Essener City-Adresse wenden, werden getäuscht. „Deutsch, deutsch, deutsch“, habe man suggeriert, erzählt ein Fahnder. Die Verkäufer Deutsche, die Konten deutsche, die Absenderadresse deutsch. Das vermittelt Vertrauen. Sinn sieht darin einen Unterschied zu anderen Zweigen des Organisierten Verbrechens: „Die meisten Täter müssen zumindest perfekt deutsch sprechen“.

Dabei stammt die gefährliche Sub­stanz selbst aus dem Ausland. Nicht nur wie im Fall Essen aus Indien. Manchmal in Betonmischern hergestellt und in Garagen, in denen der Dreck auf dem Boden noch in die Produkte gekehrt wird. Sinn sagt, wichtige Einfallstore seien die NRW-Flughäfen Düsseldorf und Köln. „Der Zoll tut viel, aber er hat zu wenig Ressourcen. Die Polizei tut zu wenig. Aber das Arzneimittelrecht ist unglaublich komplex“.

Zollfahndung schlägt zu

Herbst 2015. Die Essener Ermittler haben die Ware angeschaut, Konten gecheckt, die Webshops verfolgt. Das ganze Netzwerk liegt vor ihnen, die Staatsanwaltschaft wird im Prozess von 63 000 einzelnen Verkäufen sprechen. Im Mittelpunkt arbeitet ein Duisburger, 42 Jahre alt, Michael T. Ein Niederländer mit indischen Wurzeln besorgt den Einkauf. Ein Gelsenkirchener ist die rechte Hand des Chefs. Ein Duisburger Rentner, 64, ist für Verpackung und Versand zuständig.

In der Nacht vom 2. auf den 3. September durchsuchen Zollfahnder an 20 Orten, in Duisburg und Gelsenkirchen, in Niedersachsen und in Holland Wohnungen und Garagen. Sie nehmen fünf Männer fest, beschlagnahmen 3,5 Millionen Tabletten – ein Schwarzmarkt-Wert von 14 Millionen Euro. Luxusautos, Uhren, 740 000 Euro Bargeld kommen dazu. „Die größte Sicherstellung von gefälschten Medikamenten in Deutschland“, sagt Essens Zollfahnderchef Hans-Joachim Brandl.

Die mörderische Dosis

Ein Lager im Revier. Hier hat der Zoll die illegale Ware gebunkert. Gelb leuchten die Diätpillen. Ruth Haliti sagt: „Da ist Sibutramin drin“. Das verbotene Mittel kann Schlaganfälle auslösen. Hat es bei einem der Käufer auch tödlich gewirkt wie das Dinitrophenol bei der 19-Jährigen in Hannover? Es bleibt offen. Seit 2006 hat der Ruhrgebiets-Ring gearbeitet. Wer was seither bestellte? Schulterzucken. Wer zum Eigenbedarf kauft, wird selten verfolgt. Meltems Freundin wurde nicht bestraft. Wo die mörderische Dosis her kam, sagt sie nicht.

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