Wärmebus

Der „Wärmebus“ in Dortmund kümmert sich um Obdachlose

Sie gehören oftmals ins Stadtbild; gerade im Winter ist das Leben auf der Straße besonders fordernd.

Sie gehören oftmals ins Stadtbild; gerade im Winter ist das Leben auf der Straße besonders fordernd.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Kalaene

Dortmund.   Seit Dezember bringt der „Wärmebus“ Obdachlosen Getränke und Essen. Auf ihrer Tour erfahren die Ehrenamtlichen berührende Lebensgeschichten.

Wenn es dunkel wird in Dortmund, beginnen die harten Nächte, gerade in den kommenden Tagen, die Frost mit sich bringen. Dann suchen sich die Obdachlosen, die nicht eine der öffentlichen Schlafgelegenheiten aufsuchen, ein möglichst stilles, windgeschütztes Plätzchen. In Nähe des Bahnhofs oder des Stadtgartens, manche legen sich in Geschäftseingänge und versuchen, möglichst gut die eisigen Stunden zu überstehen.

Es sind nicht wenige in der Stadt, die kein Dach über dem Kopf haben, wie die Menschentrauben zeigen, die sich regelmäßig vor dem „Gasthaus“ oder der Wohnungslosenhilfe zu dichten Menschentrauben zusammenstellen, Mützen und Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, als Schutz vor Wind und Kälte, aber auch vor neugierigen Blicken. Für sie fährt seit Dezember der „Wärmebus“, um ihnen wärmende Getränke, Essen und Zuwendung zu bringen, immer montags, mittwochs, freitags, von 18 bis 23 Uhr, ehrenamtlich und auf Spendenbasis, getragen von Malteser Hilfsdienst, katholischer Stadtkirche und Johanneswerk.

Das „Gasthaus“ in Dortmund vermutet 700 bis 800 Obdachlose in der Stadt

Nicht wenige Obdachlose? Was heißt das für eine Stadt mit einer halben Million Einwohner wie Dortmund? „Die Stadt Dortmund geht derzeit von 300 bis 400 Obdachlosen aus“, sagt Mona Kurek (40), die als Ehrenamtliche beim „Wärmebus“ mitfährt. Ihr Ehemann Holger (40) ergänzt: „Ich würde aber von 700 bis 800 ausgehen. Das sind die Zahlen, von denen das ,Gasthaus’ ausgeht, denen würde ich mich anschließen.“ Holger Kurek arbeitet als Einsatzplaner bei den Maltesern und fährt ebenfalls ehrenamtlich beim „Wärmebus“ mit.

Wie kommt es, dass es erst einer privaten Initiative bedurfte, um mit dem „Wärmebus“ so ein Hilfsangebot für die Obdachlosen zu realisieren? Holger Kurek: „Die Stadt ist da nicht zuständig.“ Die Kommune muss Schlaf- und Unterbringungsmöglichkeiten stellen. In Dortmund gibt es die Männer- und die Frauen-Übernachtungsstelle, das Sleep-In für jugendliche Obdachlose. Sie werden von der Stadt gefördert oder unterhalten. Eigentlich gibt es in der Stadt eine relativ gute Infrastruktur für Obdachlose: „Wir haben das ,Gasthaus’, Bodo, die Kana-Suppenküche, Franziskanerkloster, diakonische Hilfsstellen“, zählt Holger Kurek auf.

Berührende Zusammentreffen auf Tour

Nur etwas fehlte: „Wir hatten keinen ,Wärmebus’ so wie in anderen Städten, der im Dunklen noch unterwegs ist, um zu gucken, ob für die Nacht alles gut ist. Und das tun wir nun: Wenn die anderen schließen, fangen wir an“, so Holger Kurek.

Auf jeder Tour gibt es mehrere Anlaufstellen. Der zentrale Punkt ist allerdings immer der Hauptbahnhof, der große Anziehungskraft für die Obdachlosen besitzt. 40 bis 60 Menschen begegnen die Helfer dort regelmäßig. „Letztens hatten wir noch gar nicht geparkt, da kamen sie schon angelaufen“, berichtet Stefan Wehrmann (40), der beim katholischen Johanneswerk arbeitet und ebenfalls ehrenamtlich mitfährt.

Ein wesentlicher Bestandteil der Touren sind die zwischenmenschlichen Zusammentreffen, die selten mal spurlos vorübergehen. „Ich habe mich gerade mit einem Kollegen unterhalten, der nach einer Begegnung erstmal hinters Auto gehen musste und so tun, als hätte er da etwas zu tun – weil er mal fünf Minuten zum Durchatmen brauchte“, erzählt Mona Kurek. Sie selbst hatte auch schon Erlebnisse, die ihr unter die Haut gegangen sind: „Gerade am Hauptbahnhof gibt es eine relativ hohe Jugendobdachlosigkeit. Es ist ja schon per se berührend, wie viele von denen keine wirklichen sozialen Strukturen haben. Und dann habe ich da ein Mädchen getroffen, das mit meiner Tochter zusammen zur Schule gegangen ist. Unsere Tochter ist 14, sie ist ein Jahr älter. Und dann hat man auf einmal so einen persönlichen Kontakt. Sie hat mich angesprochen und gesagt: ,Wir kennen uns doch!’ Ich kann kaum sagen, wie mich das berührt hat. Es gibt auf jeder Tour Menschen, bei denen man sich fragt: Warum gibt es da niemanden, der sich darum kümmert?“

Hoher Bedarf an Schlafsäcken

Natürlich gibt es eine Menge Vorbehalte bei den meisten Bürgern, wenn es um das Thema Obdachlosigkeit geht. Doch an dieser Stelle können die „Wärmebus“-Mitarbeiter nur widersprechen: „Es ist schön zu sehen, was für ein angenehmes Klima da herrscht, wenn wir den Menschen begegnen. Was für eine Herzlichkeit uns entgegengebracht wird. Das ist wirklich erstaunlich. Da gibt’s kein Gedränge, die nehmen einem nichts aus der Hand, die reißen einem nichts weg. Die fragen nur ganz freundlich: Darf ich noch was essen? Kann ich noch was trinken?“, sagt Stefan Wehrmann.

Gerade der Bedarf an Schlafsäcken ist unter den Obdachlosen weit höher, als zunächst geschätzt. Holger Kurek: „Wir haben anfangs gesagt: Wir haben immer mal drei Schlafsäcke mit im Bus, als Notfall-Ausrüstung. Tja, wir kommen immer ohne wieder.“ Seine Frau ergänzt: „Die fordern aber nicht einfach, die kommen freundlich an und sagen: Guck mal, mein Reißverschluss ist kaputt, ich zeig dir das auch gern.“

Überhaupt ist das Sozialverhalten unter den Obdachlosen besser ausgeprägt, als man vermuten würde: „Wir haben einen dabei, der hat dann an die anderen auch noch Sachen verteilt. Der hatte noch einen Cheeseburger in seiner Tüte und sagte einem Kollegen: Nimm den mal, wenn du noch Hunger hast. Wir nennen den schon den Obdachlosenkümmerer. Ein Kerl mit toller sozialer Kompetenz.“

Ehrenamtliche gibt es viele, Spendengelder werden dringend benötigt

Mona Kurek kann sich der Einschätzung nur anschließen: „Man hat im Vorfeld oft Vorurteile gehört. Aber aus meiner Sicht hat sich nichts davon bestätigt.“ Was nicht heißt, dass man nicht mal klare Worte finden muss, wie Holger Kurek ausführt: „Wir sind im Ruhrgebiet, wir müssen auch mal Klartext reden, nach dem Motto: So, Junge, bis hierhin und nicht weiter. Aber das funktioniert sehr gut.“

Die Ehrenamtlichen rennen dem Wärmebus derzeit tatsächlich die Türen ein, die Dortmunder zählen gut 60 Menschen, die mitmachen wollen, dabei können bei jeder Fahrt nur fünf Ehrenamtliche dabei sein.

Was allerdings dringend benötigt wird, sind Spendengelder, um warme Sachen zu kaufen und den Bus zu unterhalten. Denn wer auf der Straße lebt, der ist im Winter stets in Gefahr, sein Leben zu riskieren. Zwar ist in den vergangenen fünf Jahren kein Obdachloser auf Dortmunds Straßen wegen Kälte ums Leben gekommen. Aber Holger Kurek nennt eine letzte bittere Zahl: „Zum Erfrieren reichen schon plus 5 Grad über eine Nacht.“

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