Schlösser

Der Renaissance-Pracht von Horst gibt man gern das „Ja“

Die moderne Glashalle, die über dem Innenhof errichtet wurde, schmiegt sich harmonisch an die historischen Wände.

Foto: Lars Heidrich

Die moderne Glashalle, die über dem Innenhof errichtet wurde, schmiegt sich harmonisch an die historischen Wände. Foto: Lars Heidrich

Gelsenkirchen.   Gelsenkirchen hat sein Standesamt im einst maroden, heute wieder prächtigen Schloss Horst untergebracht. Auch ein Erlebnismuseum ist im Haus.

Zu den ernstzunehmenden Regeln des journalistischen Schreibens zählt: Keine Witze über Namen. Das darf man gut und gern beherzigen, bis, ja..., bis man zu jenem Schloss kommt, das ausgerechnet Horst heißt. Schloss Horst also. Das klingt ein bisschen grobschlächtig. Und wird dem Erscheinungsbild dieses Renaissance-Juwels im Gelsenkirchener Stadtteil Horst nicht gerecht. Denn es zählt eher zu den filigranen, an vielen Stellen geradezu verspielten historischen Bauwerken der Region.

Viele Gelsenkirchener behaupten gar, dass sie hier den schönsten Tag ihres Lebens erlebt hätten. Und bevor jetzt Ihre Gedanken in städtetypische Klischees abdriften: Mit Fußball hat das nichts zu tun! Hier wird geheiratet, das ist doch auch was Schönes! Oder?

Erst recht, wenn man es auf Schloss Horst tun kann: Die moderne Glashalle, die über dem Innenhof errichtet wurde, schmiegt sich harmonisch an die historischen Wände, an diesem Freitagmorgen tummeln sich scharenweise fein gekleidete Hochzeitsgesellschaften in der Halle. Alle nutzen dieses wunderschöne, altersschwache, von Stahl gestützte Stück der Westfassade als romantischen Hintergrund für Fotos.

Wie der schiefe Turm von Pisa

Der Clou: Das historische Mauerwerk ist nach hinten geneigt. Man kennt das ja von berühmten Bauwerken, dem schiefen Turm von Pisa etwa. Hinter dem muss sich „Die schiefe Wand von Horst“ kaum verstecken, denn sie ist verspielt im Stil des niederländischen Manierismus gehalten, ein Schmuckstück mit Nischen, in denen ursprünglich die Personifikationen der damals bekannten Planeten standen. Heute steht nur in einer der fünf erhaltenen Nischen der einsame Saturn. Sein Sandstein ist etwas erodiert – angefressen vom sauren Regen in den 70er- und 80er-Jahren.

„1994 sah es hier noch vollkommen anders aus“, sagt Rolf Hoffmann. Wir stehen nun eine Etage unter der Glashalle im Keller. Rolf Hoffmann ist ein Mann, mit dem man unbedingt in den Keller gehen sollte. Denn dann führt der Museumspädagoge und Vorsitzende des Fördervereins Schloss Horst einen durch das ebenso spannende wie lehrreiche Erlebnismuseum. Und er scheut keine klaren Worte: „1985 war das hier eine Schrottimmobilie, eigentlich stand hier schon die Abrissbirne.“

Dann gründete sich der Förderverein rund um Johann Kollner. 1988 erwarb die Stadt Gelsenkirchen Schloss Horst. 1992 begann die Restaurierung. Ein großes Foto von 1994 am Museumseingang zeigt: „Nicht die Bauarbeiter waren die ersten auf der Baustelle, sondern die Archäologen.“ Am 18. August 1999, also ziemlich genau vor 18 Jahren, wurde Schloss Horst wiedereröffnet, in schöner Harmonie zwischen Sandstein, Glas und Stahl.

Drei Burgen standen hier bereits

Im Keller jedoch darf man abtauchen in die Baugeschichte. Drei Burgen standen hier schon, bevor nach einem Brand das Schloss 1554 von Rutger von der Horst neu erbaut wurde. Rutger führte ein detailliertes Bautagebuch – und lieferte damit die Blaupause für das Museum, das anhand der Handwerksberufe ein plastisches Bild des Lebens in der Renaissance vermittelt.

Dazu gehören auch die Wohnstuben einer reichen Familie inklusive Badezuber und einer armen Familie, die zusammen mit ihren Nutztieren in der Stube hausten. Das Schöne am Museum: Man darf anfassen. Nicht nur die Touchscreens. Sondern etwa Holzhammer und Meißel, mit denen man Stein behauen darf. „Es sollte ein Erlebnismuseum werden – das ist uns auch gelungen.“ Wertvolle Ausstellungsstücke stehen hinter Glas.

Der Wirtschaftsfaktor „Pferd“

Ein zweiter Teil des Museums beschäftigt sich mit dem Pferdefang, die „Emscherbrücher Dickköppe“ trabten einst hier. Ein hübscher Animationsfilm klärt auf über den Wirtschaftsfaktor „Pferd“ zu dieser Zeit. Dann geht es weiter ins Studierzimmer von Rutger, in dem sich auch Mitbringsel aus aller Welt finden, ein ausgestopfter Papagei oder Stachelschweinborsten.

Denn das Interesse an fremden Kontinenten dürfte Rutger getrieben haben. Zwei Globen verdeutlichen das. Auf dem ersten, noch vor Mercator gefertigt, fehlt Amerika. Auf dem zweiten Ball ist der Kontinent dann aber entdeckt.

Wo wir gerade bei Rutger und dem Erdball sind, könnte man ja doch noch mal auf Fußball zu sprechen kommen. Also: Die Wappenfahnen von Rutger waren Blau und Weiß. Seine Frau, Anna von Palandt, trug im Wappen Schwarz-Gelb. Ob das ein Vorzeichen war?

Zurück im Erdgeschoss. Die Hochzeitsgesellschaften sind zu den Feiern aufgebrochen. Zeit, in die Trausäle zu schauen. Denn in ihnen stehen prächtige Kamine, allen voran der „Auferstehungskamin“. Er zeigt die Wiederauferstehung der Toten am Tag des jüngsten Gerichts. „Damals versammelte sich die Familie gern davor und schaute sich die Szenen an, Fernsehen hatten die ja noch nicht“, scherzt Hoffmann. Auch heute kann man das genießen, sogar ohne Heirat: Es gibt romantische Führungen durch Schloss Horst, mit Gewandung und Kerzenschein – plus Finale am gemütlichen Kaminfeuer. Und spätestens das ist etwas, das Horst zum Sympathieträger unter den Schlössern macht.

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