Wohngemeinschaften

Das ungewöhnliche Leben in besonderen Wohngemeinschaften

Im GenerationenKulturhaus (GeKu-Haus) in Essen leben und kochen die Bewohner Ayla Yildiz, Henning Weiler, Claudia Tekampe, Reinhard Wiesemann, Monika Rintelen und Ferdinand Brüggemann (v.l.) zusammen.

Im GenerationenKulturhaus (GeKu-Haus) in Essen leben und kochen die Bewohner Ayla Yildiz, Henning Weiler, Claudia Tekampe, Reinhard Wiesemann, Monika Rintelen und Ferdinand Brüggemann (v.l.) zusammen.

Foto: André Hirtz

Essen.   Wohngemeinschaften sind nicht nur etwas für Studenten. Wir stellen drei Beispiele vor, wie Menschen in der Region innovativ zusammenleben.

Allein dieser Blick von der Dachterrasse über Häuser der Essener Innenstadt bis zur Zeche Zollverein ist an schönen Tagen kaum bezahlbar. Hinzu kommt, dass man dort oben so viel Raum hat, dass es locker für ein Badminton-Match unter freiem Himmel reichen würde. Und das ist nicht der einzige Vorteil, den die Mieter im Essener GenerationenKult-Haus genießen. Rund 40 Menschen leben hier auf insgesamt sechs Etagen. Es gibt WG-Zimmer und Appartements auf 2000 Quadratmetern – und die restlichen 1000 Quadratmeter sind Gemeinschaftsfläche, so wie etwa die obere Etage des Hauses, die ja nicht nur aus der Dachterrasse besteht, sondern eine riesige Gemeinschaftsfläche zum Feiern, Arbeiten und Abhängen enthält, inklusive großer Gemeinschaftsküche.

Claudia Tekampe bewohnt eine Zweier-WG, ihr gemütliches Zimmer ist ganz schön übersichtlich. Ihr Mann hat im selben Haus ein kleines Appartement angemietet. „Wir führen eine Ehe in zwei Wohnungen“, sagt sie. Und sie genießt es. Für sich selbst brauche sie gar nicht viel Raum. Die 40-Jährige steht altersmäßig zwischen den jungen und den älteren Bewohnern im GenerationenKult-Haus, die gesamte Bandbreite reicht derzeit von Mitte 20 bis Mitte 70. Etwas langweiliger ausgedrückt würde man das Gebäude vielleicht Mehrgenerationen-Haus nennen. Aber das Geku-Haus ist etwas innovativer als viele andere.

„In der Innenstadt alt zu werden, ist schöner“

Gegründet 2012 vom Unternehmer Reinhard Wiesemann (58), der mit dem Essener Unperfekthaus schon einen innovativen Ort für gemeinschaftliches Arbeiten geschaffen hat. „Ich habe mich damals gefragt: Wie sollte man alt werden? Wie wäre es schön?“ Zwei Fragen, die eine Fülle anderer nach sich zogen und auf die er gute Antworten fand – die man nicht unbedingt genauso beantworten muss, aber die sehr nachvollziehbar sind. „Ich glaube, in der Innenstadt alt zu werden, ist schöner. In der Mitte des Lebens hat man viel Trubel, da sehnt man sich nach Ruhe und Grün. Im Alter ist der Engpass, am Leben teilzuhaben.“ Er fand ein Haus in der Essener Fußgängerzone – mit Aufzug. „Wenn man mal nicht mehr so mobil ist, ist man immer noch voll drin.“

Das GeKu-Haus ermöglicht eine Menge verschiedener Wohnstile: Es gibt viele Zweier-WGs mit Mini-Küchenzeile, wer’s größer mag, findet bestimmt ein Appartement – und wer wenig Raum für sich beansprucht, wird sich vielleicht in der WG-Etage wohlfühlen, in der es 14 WG-Zimmer gibt. Alles mit exzellenter Infrastruktur. Ein Medien-Raum, eine Sauna, ein Fitness-Raum, ein Billard- und Band-Proberaum, eine Co-Working-Etage, in der nicht nur die Hausbewohner arbeiten können.

Kostenlose Getränke in den Gemeinschaftsflächen

„Es ist schon ein ganz ungewöhnliches Konzept“, erklärt Wiesemann, der sich vorher viele andere Projekte angeschaut hat. „Normalerweise versucht ein Hausbesitzer die Gemeinschaftsfläche zu minimieren, denn dafür gibt’s ja keine Miete. Ich habe genau das Gegenteil gemacht, die schönsten Bereiche habe ich zu Gemeinschaftsflächen erklärt. Normalerweise würde man hier oben auf dem Dach eine richtig schöne Wohnung reinbauen. Stattdessen wollen wir die Bewohner in die Gemeinschaftsflächen locken. Die Getränke hier oben sind kostenlos für alle Bewohner. Aber das ist ein Geschenk, das ist keine Verpflichtung.“

Überhaupt ist die moderne Gemeinschaftsküche ein Anziehungspunkt. Und es gibt eine Kochgruppe – die mit einem Punktesystem für eine abwechslungsreiche Ernährung bei den Mitbewohnern sorgt.

Punkte-System regelt das gemeinsame Kochen

„Wir treffen uns an fünf Tagen pro Woche. Das Prinzip: Einer kocht, die anderen können mitessen. Wenn ich koche und die anderen essen mit, dann bekomme ich für jeden Mitessenden einen Punkt. Und wenn ein anderer kocht und ich esse mit, dann gebe ich einen Punkt ab. Dadurch ist das Essen immer abwechslungsreich“, sagt Claudia Tekampe. Auch Partys zu feiern oben auf dem Dach ist kein Problem – vorausgesetzt man denkt daran, dass man die Fläche nicht allein für sich hat: Jeder Mitbewohner kann hinzustoßen. Mit Lärm haben die Bewohner hingegen kein Problem, denn zwischen den Wohneinheiten und dem Dachgeschoss liegt die Co-Working-Etage, als akustischer Puffer.

Das Miteinander der Generationen gelingt übrigens besser, als man es erwarten würde – und anders. Claudia Tekampe: „Ursprünglich war die Idee, dass die Jüngeren die Älteren mitversorgen. Aber das Faszinierende ist, dass Hans und Bärbel, beide Mitte 70, einkaufen gehen und für die Jüngeren, die arbeiten gehen, etwas mitbringen.“ In der Küche gibt es in einem Schrank einen Mini-Markt, aus dem man etwas rausnehmen kann und dafür bezahlt.

Multikulti von Jung bis Alt

Die Altersstruktur des Geku-Hauses hatte Reinhard Wiesemann etwas anders geplant: „Mehrgenerationenhäuser werden meist von älteren Leuten bewohnt. Bei uns klappt es mit den älteren nicht so gut. Es gibt ein negatives Vorurteil der Essener gegenüber denen im Norden. Und: Wenn eine jüngere Person von so einem Projekt hört, dann sagt sie: ,Das ist cool, das probiere ich mal aus.’ Wenn eine ältere Person von so einem Projekt hört, sagt sie: ,Das ist interessant, das beobachte ich mal ein paar Jahre.’ Das ist eine blöde Erfahrung für mich.“

Wenn die Leute allerdings erstmal hergezogen sind, dann klappt das Miteinander sehr gut, nicht nur in den WGs. Die größte Altersspanne findet man bei Monika Rintelen (64), die zusammen mit einem 24-jährigen Mitbewohner die WG teilt. Auch von den Nationalitäten ist das Geku-Haus bunt zusammengewürfelt, hier leben neben den Deutschen Menschen aus Frankreich, England, Irak, Afghanistan, Australien, Polen und der Türkei. Eine ganz schön bunte Gemeinschaft.

Eine hübsche Ironie des Ganzen: Auch wenn er sich schon sehr auf seinen Ruhestand in dieser kreativen, wuseligen Umgebung freut, ist Reinhard Wiesemann selbst noch nicht so ganz dafür bereit. Denn: „Ich habe den ganzen Tag immer Leute um mich rum. Ich bin eigentlich froh, wenn ich dann zu Hause mal meine Ruhe habe.“

>>> Verein „Allerlei Leben“ plant gemeinschaftliches Wohnen

Es ist ein Gedanke, der jedem irgendwann kommen sollte und der doch allzu gern verdrängt wird: Wie will man eigentlich leben, wenn man älter wird? Als Angelika Körber (64) eines Abends mit einer Freundin darüber sprach, fanden die beiden schnell Antworten: „Wir sind darauf gekommen: Eine Wohngemeinschaft mit mehreren Leuten wäre nicht schlecht, auch wenn wir gerne unsere Privatsphäre hätten. Da kam die Idee, dass wir ein Wohnhaus finden könnten, in dem jeder seine Wohnung hat, wo es aber auch Räume für gemeinschaftliches Wohnen geben könnte.“

Das war im Jahr 2015 die Geburtsstunde von „Allerlei Leben“, einem Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, genau so ein Haus mit gut 20 Wohneinheiten zu bauen, für alleinstehende Frauen und Männer, aber auch für Paare. Nachdem eine Genossenschaft als Investor gefunden war, nahmen die Pläne konkretere Formen an. Derzeit haben die Vereinsmitglieder zwei konkrete Baugrundstücke in Aussicht, eins in Gladbeck, eins in Dorsten. Welches davon es wird? Das könnte sich entscheiden, wenn eine der beiden Stadtverwaltungen ihre Zusage gibt: „Wir haben auch einen Favoriten. Es wäre schön, wenn der zuerst da wäre“, sagt Edith Kerkhoff (65). Solange keine Zusage durch eine der Städte erfolgt, wird der Verein offen bleiben. „Wenn sich ein weiteres Grundstück mit Bebauungsplan, 2700 bis 3000 Quadratmetern und guter Anbindung findet, schauen wir es uns an“, sagt Gudrun Schade (55), die das Projekt freundschaftlich begleitet und die Kommunikation mit öffentlichen Stellen koordiniert. „Wie ich den Stadtverwaltungen sage: Die Damen wollen einziehen, bevor sie sterben.“

Nachbarschaftlichkeit als wichtiges Ziel

Daran denkt freilich keine der Anwesenden, vielmehr haben sie eine ganze Reihe Ideen dafür, wie ihr Leben in Zukunft aussehen sollte. „Ganz wichtig ist für uns der Begriff der Nachbarschaftlichkeit, der ja immer mehr in Vergessenheit gerät“, sagt Edith Kerkhoff. Und Körber ergänzt: „Uns ist wichtig, dass wir nicht nur nebeneinander wohnen werden, sondern eben miteinander.“ Außerdem wollen die Mitglieder, wenn das Haus erst einmal steht, sich nicht in der Gemeinschaft einigeln, sondern „ins Viertel wirken“. Etwa durch Nachbarschafts-Veranstaltungen, Seminare, Kinderbetreuung, Nachhilfe-Unterricht. „Unsere Mitglieder haben alle etwas zu bieten. Es ist nicht so, dass wir uns nur zum Kaffeetrinken treffen wollen…“, so Körber. Zu den Gemeinschaftsräumen sollen unter anderem ein Meditationsraum gehören, auch spielt man mit dem Gedanken, Ateliers einzurichten. Oder gar eine Praxis für Physiotherapie mit einziehen zu lassen.

Wer sich für die Idee interessiert, sollte die Leitgedanken des Vereins mittragen, was nicht allzu schwer fallen dürfte: „Allerlei Leben“ steht unter anderem für Toleranz gegenüber unterschiedlichen Herkünften und Religionen. „Wir haben ein Ehepaar, das vielleicht mitmacht. Sie ist Türkin, er Grieche. Wir fänden es schön, wenn die zu uns kämen. Sie wissen aber nicht, ob sie in Deutschland bleiben wollen“, so Angelika Körber. Die Mitglieder von „Allerlei Leben“ sind offen für alle neuen Impulse. Und: „Die Menschen, die sich in unserem Verein treffen, müssen nicht zwangsläufig mit ins Wohnprojekt ziehen“, sagt Edith Kerkhoff.

Wer sich für den Verein „Allerlei Leben“ oder das Wohnprojekt interessiert, kann sich melden unter info@allerlei-leben.de. Mehr Info unter www.allerlei-leben.de.

>>> Alleinerziehend in der WG

Als sich vor fünf Jahren bei Sarah-Jane Collins (32) das erste Baby ankündigte, wusste die Bewohnerin einer Zweier-WG schon, dass sie in Zukunft mehr Zeit zu Hause verbringen würde. Aber: „Jeden Abend alleine mit einem Kind zu Hause sitzen, ist echt öde. Ich dachte damals: Entweder trinkst du jetzt jeden Abend eine Flasche Wein. Oder du suchst dir eine größere WG“, sagt die Studentin und lacht herzlich.

Man ahnt es schon: Das mit der Flasche blieb der jungen Frau erspart, stattdessen lebt sie heute in einer Siebener-WG in einer alten Stadtpark-Villa in Bochum, die ihr damals von den Vormietern angeboten wurde. Dem mittlerweile fünfjährigen Töchterchen Lilly folgte vor drei Monaten der kleine Bruce. Damit ist Collins als Alleinerziehende mit zwei Kindern eine ziemliche Ausnahme in der Wohn-Landschaft, denn mit den Kindern geben viele das WG-Leben auf. Nicht so die Bochumerin mit irischen Wurzeln: „Für mich war immer klar, dass ich niemals alleine wohnen will. Ich hab ganz kurze Zeit mal mit meinem Ex-Freund eine Wohnung gehabt, aber ich fand das ganz langweilig“, sagt sie. Und: „Es ist schon geil, diese Gemeinschaft zu haben.“

Mit dem Baby in der Siebener-WG

Die Liste der Mitbewohner, die sie damit meint, liest sich teils, als wollten sie eine medizinische Rundumversorgung übernehmen: eine Unfallchirurgin, eine Anästhesistin, ein Neurologe, eine Krankenschwester. Ein Ausreißer: Zum 1. Januar ist ein Lokführer hinzugestoßen. Und einen Fitnesstrainer hat die Hausgemeinschaft auch.

Die Kinderbetreuung lässt sich so organisieren, dass nicht immer alles an Sarah-Jane Collins hängen bleibt. „Wenn ich mal einen Termin hab, dann schreibe ich das in die WhatsApp-Gruppe, ob nicht jemand anderes Lilly abholen kann – und das klappt meist. Manchmal will sie auch nicht mit in die Stadt, dann kann ich sie hier lassen, weil jemand da ist, der sich um sie kümmert. Ganz alleine könnte ich sie nicht hier lassen, aber so geht das.“

Eine Regelung, von der durchaus mehrere Seiten profitieren: „Ein paar von uns sagen, dass sie wahrscheinlich keine Kinder haben werden. Aber sie lieben und leben es mit meinen Kindern aus.“

Ein cooler Abend mit Freunden zu Hause

Die Gemeinschaft funktioniert auch in Hinsicht aufs Vergnügen: „Das ist das Schöne hier: Wenn ich mal Bock habe, einen coolen Abend zu genießen, dann wird eben hier ein Kasten Bier hingestellt und wir feiern und hören Musik. Und die Kinder sind oben und schlafen.“ Dabei teilen die Mitbewohner auch die Getränke, das Motto lautet: „Alles für alle bis alles alle ist!“

Das klingt eigentlich fast zu schön, um wahr zu sein. Und doch wird Sarah-Jane Collins bald ausziehen aus der lustigen Stadtpark-WG. Allerdings nicht, um sich doch in ein herkömmliches Familienleben mit ihrem Freund, dem Vater des kleinen Bruce, der noch zwei weitere Kinder hat, zurückzuziehen. Sondern um die beiden Familienteile in einer noch größeren Gemeinschaft zusammenzuführen: „Wir kaufen eine ehemalige Grundschule in Leithe, die wir zum ,Bunten Block’ umwidmen wollen.“ Dort sollen junge Familien und deren Freunde zusammen wohnen und leben, verbunden von ökologischen und solidarischen Gedanken, frei für viel Kreativität. So wird Sarah-Jane Collins für sich vielleicht sogar eine neue Wohnform erfinden: Die Familien-WG. Mehr Infos unter: www.bunter-block.org.

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