Das besondere Museum

Das Bügeleisenhaus in Hattingen ist selbst museumsreif

Das Bügeleisenhaus in Hattingen mit der Skulptur „Dislike“ (2016) von Stephan Marienfeld.

Das Bügeleisenhaus in Hattingen mit der Skulptur „Dislike“ (2016) von Stephan Marienfeld.

Foto: Fischer

Hattingen.   Das Gebäude zwischen zwei Gassen zeigt mehrere Ausstellungen. Die größte erinnert an die glanzvolle Kino-Zeit. Das Highlight ist das Haus selbst.

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Um direkt am Anfang eines klarzustellen: Das Bügeleisenhaus ist kein Bügeleisenmuseum. Wobei so viele Menschen diesem Irrtum bereits aufgesessen sind und alte Eisen in Hattingen abgegeben haben, dass man über eine eigene Bügeleisen-Schau nachdenken könnte.

Die Bügeleisen-Form verlieh dem Fachwerkhaus aus dem Jahre 1611 seinen Namen. Das zwischen zwei Gassen gedrängte Gebäude ist ein Wahrzeichen der Stadt, fast wie das „Flatiron Building“ („Bügeleisengebäude“) in New York. Das in Hattingen ist sogar Motiv eines Geldscheins. Den kann man für drei Euro kaufen, aber nichts damit erwerben: Der 0-Euro-Schein auf echtem Banknotenpapier lässt lediglich Sammlerherzen höherschlagen.

Das Museum ist sehr klein und doch beherbergt es gleich mehrere Ausstellungen. „Zweimal Sperrsitz, bitte!“ beleuchtet die Kinogeschichte der Stadt, die 1898 ihren Anfang nahm. Die Bewohner haben nach einem Aufruf in der Zeitung selbst zur Schau beigetragen und zum Beispiel bunte, abgerissene Eintrittskarten von unvergesslichen Abenden abgegeben. „Sissi und Winnetou kamen auch nach Hattingen“, sagt Lars Friedrich, Vorsitzender des Heimatvereins, der das Museum betreut und bestückt. Etwa mit historischen Kinosesseln, einem Filmprojektor und der Tragebox, mit der kurz vor Filmanfang die Lust auf Eiscreme geweckt wurde. Ein altes Verleihbuch aus der Lichtburg belegt: Anfangs war es nicht üblich, dass wie heute überall zur selben Zeit der gleiche Film gezeigt wurde.

Mitte der 1950er gab es in Hattingen sechs Lichtspielhäuser mit über 3100 Kinosesseln. Ausgerechnet im Kulturhauptstadtjahr 2010 schloss das letzte Kino in Hattingen. Lars Friedrich erklärt: „Erst der Fernseher, dann Video, DVD und jetzt Netflix – so verändern sich die Sehgewohnheiten.“

Jüdisches Leben in Hattingen

Vor dem Bügeleisenhaus stand früher noch ein Stall. Heute zeigen Steine im Boden den Umriss. Dort hatte nicht viel mehr als ein Rind Platz. „Die Tiere waren da eh nicht lange drin“, so Friedrich. Im Erdgeschoss arbeitete der Fleischer.

Es war eine jüdische Metzgerei. Die Inhaber seien „voll integriert“ gewesen, so der 50-Jährige. Schwarz-Weiß-Fotos zeigen ihr ganz normales Leben, zusammen mit den nicht-jüdischen Nachbarn. Obwohl das in der jüdischen Küche nicht vorgesehen war, „haben sie nicht nur Rind, sondern auch Schweinefleisch verkauft“. Dieses friedliche Miteinander änderte sich unter der Nazi-Herrschaft: „Die Familie Cahn ist fast ganz ausgerottet worden“, erzählt Friedrich den erschütternden Teil der Haus-Geschichte, die auch Teil des Heimatvereins ist. Ein Brief von 1939 zeigt dessen Bemühungen, sich „im Zuge der Arisierung des jüdischen Grundbesitzes“ dieses Hauses zu bemächtigen.

Den schöneren Erzählungen widmet sich ein Raum im Obergeschoss: den Heimatsagen, wie „Der Schatz von Blankenstein“. Ein Knecht, so ist dort zu lesen, kann doch noch um die Hand einer Bauerntochter in Blankenstein anhalten, weil er eben genau diesen Schatz findet.

Das nächste Zimmer erinnert an einen riesigen Setzkasten, in dem man seine liebgewonnenen Schätze platziert. „Ich liebe die Fülle“, sagt Friedrich. Das Museum zeigt Stücke aus dem Depot. Erfährt man ihre Geschichte, wird es spannend: Wie zum Beispiel die zum unscheinbar wirkenden Glas, von dem es vielleicht noch vier oder fünf Exemplare überhaupt gibt. Dabei handelt es sich um einen archäologischen Fund aus Frankreich. In der Nähe von Verdun wurde das Pressglas entdeckt. Im Ersten Weltkrieg gab es an der Front eine Art Kaufladen für Soldaten, dort konnten sie auch etwas Heimatgeschmack erwerben: Hildebrand-Senf aus Hattingen

>> Mein liebstes Ausstellungsstück

Nicht der Giebel gab dem Haus seinen Namen, sondern die Grundfläche des Fachwerkgebäudes. Lars Friedrich hält ein Modell in der Hand, das zeigt, wie das Bügeleisenhaus um 1947 ausgesehen hat: Die Schiefer-Fassade und der kleine Stall sind noch zu sehen. Die Schnitzereien an den Stützen des Obergeschosses waren noch nicht bunt bemalt, so der Vorsitzende des Heimatvereins. Da sah man die Blüten und die Schreckensmasken, die das Böse fernhalten sollten, nur im Spiel von Licht und Schatten. Und genau so gefällt es Friedrich am besten.

Erst in den 1970er-Jahren hat man sich dafür entschieden, der Fassade den farbigen Anstrich zu geben. „Es ist sehr fantasievoll saniert worden“, drückt Lars Friedrich seine Kritik vorsichtig aus. Denn eine geschichtliche Grundlage für diese Veränderung habe es nicht gegeben.

Dagegen mag er die zeitgenössische, gelb-grünliche Skulptur an der Fassade: „Dislike“ (2016) von Stephan Marienfeld. Das sei ein richtiger Hingucker. Doch nicht allen gefällt „Dislike“, so Friedrich. „Es kommt wieder ab, damit sich die Gemüter beruhigen.“


>> Kleines Haus, viele Ausstellungen

Zweimal Sperrsitz, bitte!“ heißt die Sonderausstellung über die Kinos in Hattingen. Bis zum 8. Dezember, samstags, sonntags und an den Feiertagen, 15 bis 18 Uhr, im Bügeleisenhaus am Haldenplatz 1 in Hattingen. Eintritt: 2 Euro, Jugendliche bis 18 Jahren frei. buegeleisenhaus.de

Weitere Ausstellungen: Zwischen Integration und Verfolgung: die jüdische Familie Cahn. Zudem: eine Sagen-Schau sowie Objekte zur Stadtgeschichte.

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