Technik

Commodore, Pixel, Neuland: Das Nixdorf-Museum in Paderborn

Verpixelt: Eine Wand im größten Computer-Museum Deutschlands, in Paderborn.

Verpixelt: Eine Wand im größten Computer-Museum Deutschlands, in Paderborn.

Foto: Jan Braun/Heinz Nixdorf MuseumsForum

Paderborn.   Nixdorf in Paderborn war mal unser Apple. Jetzt ist es das größte Computermuseum der Welt. Besuch an einem Ort mit Geist und Charme.

Aha, das soll also ein Museum sein. Man sieht: Eine gläserne Fassade, in der sich der blaue Himmel golden spiegelt, gerahmt vom bronze-braunen Aluminium der Siebzigerjahre, davor ein Wasserspiel aus schneeweißem Marmor, das sicher sehr teuer war – rein optisch wähnt man sich hier im Vorspann von „Dallas“ und nicht auf dem Weg zu einem Bildungserlebnis, aber nur noch wenige Schritte, dann wird man erfahren, dass man sich nicht verlaufen hat. Willkommen im Heinz-Nixdorf-Museumsforum, größtes Computermuseum der Welt!

Man muss an dieser Stelle zunächst von früher reden: Hier schuf der Computerpionier Heinz Nixdorf am Rande seiner Heimatstadt einen High-Tech-Konzern. Die Nixdorf Computer AG war mal unser Apple, Kanzler und Minister fuhren hierher, wenn sie mit einem innovativen Unternehmer gesehen werden wollten. Sie bauten ihm Autobahnen und sogar einen Flughafen. Und doch geriet der Champion Ende der Achtziger-Jahre zum Übernahmeobjekt. Nixdorf wurde Siemens, neue Adresse irgendwo in München, und in Paderborn suchte und fand dieser Palast eine neue Nutzung. Vom Zukunftslabor zur historischen Sammlung – was für eine Karriere.

Die Digitalisierung hat schon viele geschlossene Kapitel

Und so kommen heute jene, die immer schon mal das eigene Zeitalter im Museum begucken wollten. „Der Computer ist das absolute Thema unserer Zeit“, sagt Museumssprecher Andreas Stolte, der seit den Anfängen im Jahr 1996 dabei ist, und wer wollte ihm da widersprechen. Doch für die Kuratoren, die hier Dinge beschriften und in Vitrinen stellen, die draußen noch „Neuland“ heißen, hat das Folgen, die man aus anderen Museen so nicht kennt. „Es ist so“, sagt Andreas Stolte, „dass wir die Bereiche, die wir zuletzt neu gemacht haben, auch als erstes wieder zu aktualisieren haben.“ Robotik. Big Data. Künstliche Intelligenz.

Aber man staunt auch, wie viele abgeschlossene Kapitel die Geschichte der Digitalisierung schon hat. Aus der Ausstellung: Nachbau einer Hollerith-Maschine von 1890, mit der erstmals eine Volkszählung elektronisch ausgewertet wurde. Jacquard-Webstuhl von 1805, gesteuert von einem Programm auf Lochstreifen. Nachbau einer mechanischen Rechenmaschine von Wilhelm Schickard, 1623. Dabei gehen sie hier sogar noch weiter zurück, zeigen auch einen frühen Datenspeicher in Form eines Knochens, auf dem ein Mammutjäger um 30.000 v. Chr. mit Kerben sein was auch immer vermerkt hat. Und so zieht der Besucher überrascht durch eine kluge und heitere Ausstellung, in der es letztlich um ihn selbst geht: den Menschen. Ein Wesen, das zu faul ist, sich Zahlen zu merken – immer schon.

Die Revolutionen machten später andere

Natürlich wird in diesem Haus der Beitrag Heinz Nixdorfs zum Ganzen besonders gewürdigt. Er hatte die Technik, um den Computer aus den Großschränken der Rechenlabore herauszuholen und auf die Schreibtische der Mitarbeiter zu verteilen. Das war revolutionär, aber alle weiteren Revolutionen machten dann andere. Homecomputer? In Nixdorfs Welt war der Rechner lange noch ein Betriebsmittel, das fest in den Schreibtisch eingebaut war. Wie der Nixdorf 820, den man sich hier auch von innen besehen kann. Speicher, die aus Kupferdraht bestanden! Und mühevoll mit einer Nadel gefädelt werden mussten. Arbeiten waren das, die „nur von geschickten Frauenhänden ausgeführt werden können“, da war sich Nixdorf in einer Stellenanzeige aus dem Jahr 1968 ganz sicher.

Konsequenz aus der Firmenhistorie: Die Ausstellung nimmt bewusst einen Ort in den Blick, der von der Geschichtsschreibung erst noch entdeckt werden muss, und zwar das Büro. Gerade jetzt, wo es sich langsam auflöst in Home Office, Co-Working Space und Klapptisch im ICE, wird es reif fürs Museum. Entstanden ist es im 19. Jahrhundert: Damals wuchsen ja nicht nur die Industriehallen, sondern im Gleichschritt mit ihnen auch die Schreib- und Rechensäle, die Auftrags- und Lohnbuchhaltungen. Lange wurde hier mit mechanischen Rechenmaschinen gearbeitet, und zu den bleibenden Eindrücken dieser Ausstellung gehört es, dass man sie auch selbst ausprobieren darf. Rrrrratsch! macht es, wenn man die Kurbel der alten „Brunsviga“ dreht – toll, aber den Sound von 30 Brunsvigas in einem Großraumbüro möchte man sich nicht vorstellen.

Von geschickten Frauenhänden bedient

Übrigens: Auch diese Maschinen wurden von geschickten Frauenhänden bedient. Wie die Schreibmaschinen – von denen es doch glatt ein Farbband-Döschen mit integriertem Schminkspiegel in die Ausstellung geschafft hat. Frau sieht und Mann auch: Computermuseen können viel erzählen.

Und dann haben sie hier natürlich das ganze Nerd-Material. Die alten Kisten! Die alten Spiele! Und einen Nachbau der Werkstatt, in der Apple seine Heimcomputer-Revolution begann – während diesseits der Pader Heinz Nixdorf einen schönen Lichthof als japanischen Garten ausgestalten ließ. Man sieht und staunt. Auch nachher im Shop. Wo sonst in der Welt gibt es ein solches Bücherregal? „Think different“, ein Buch über Apple-Gründer Steve Jobs, steht hier jedenfalls direkt neben „111 Orte in Ostwestfalen-Lippe, die man gesehen haben muss“.

>>>> Eine Stunde von Dortmund

Mit 6000 m2 nennt sich das HNF größtes Computermuseum der Welt. Klar ist: Die Informatik-Abteilungen im Deutschen Museum in München oder im Berliner Technikmuseum können da nicht annähernd mithalten.

Mit dem RRX fährt man eine Stunde von Dortmund nach Paderborn. Eintritt: 8 €, erm. 5 € . Wer einmal zahlt, hat ein Jahr lang einen weiteren Eintritt frei. Adresse: Paderborn, Fürstenallee 7, www.hnf.de

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