Interview

Christine Westermanns innerer Kritiker wird immer leiser

Christine Westermann

Foto: BEN KNABE

Christine Westermann Foto: BEN KNABE

Köln.   Christine Westermann hat ein sehr persönliches Buch geschrieben über die großen und kleinen Abschiede des Lebens: „Manchmal ist es federleicht“.

Es ist nicht nur der Abschied von der Sendung „Zimmer frei“, der Christine Westermann bewegt. Es sind auch die kleinen Abschiede des Alltags, die sie in ihrem neuen Buch „Manchmal ist es federleicht“ beleuchtet. Ein Gespräch mit der Journalistin über den Abschied vom Jungsein, von den Erwartungen an sich selbst und über den Abschied vom eigenen Leben.

Wie kann Abschied federleicht sein?

Das kommt erstens auf den Abschied an und zweitens auf jeden selbst, da kann ich keinen Rat geben. Das neue Buch ist kein Ratgeber, nichts finde ich unangenehmer als wenn jemand sich zum Besserwisser aufspielt und sagt: ,Ihr müsst es so machen und dann funktioniert’s.’ Weil das jeder individuell entscheiden muss.

Aber Sie können Ihre Lebenserfahrung mit den Menschen teilen.

Was ich vielleicht als vorsichtige Richtung angeben kann: So schwer der Abschied auch immer sein mag, er ist immer auch die Chance auf etwas Neues. Das habe ich gelernt. Es war gut, dass du da den Job nicht bekommen hast oder da rausgeflogen bist. Leicht fällt ein Abschied dann, wenn er selbstbestimmt ist. Wie bei mir und dem WDR2-Montalk. Nach mehr als 13 Jahren ist es gut, ich höre auf, habe ich beschlossen. Das sind die federleichten Abschiede.

Abschiede werden aber oft nicht nur als ein Loslassen, sondern auch als Scheitern wahrgenommen . . .

Ja, das stimmt auch. Ich glaube, es ist nicht schlecht, wenn man sich die Abschiede im Leben rückblickend anguckt, weil man in der Rückschau oft besser begreift, was passiert ist, als wenn man das in der Gegenwart versucht. Ich bin vor dreißig Jahren bei der „Drehscheibe“ rausgeflogen, natürlich war das bei mir ein Gefühl von Versagen, von Scheitern, der Gedanke: „Ich bin nicht gut genug.“ Oder als klar war, „Zimmer frei“ soll aufhören. Natürlich war das. . ., also Schock ist das falsche Wort, aber es war erstmal traurig für alle, die diese Sendung gemacht haben. Aber ganz schön war für mich, zu sehen, wie sich meine Einstellung zu diesem Abschied in den drei Jahren vom Zeitpunkt der Nachricht bis zur tatsächlich letzten Sendung verändert hat. Dieser Abschied war am Ende überraschend schön und überraschend leicht.

Heute sind Sie feste Kritikerin des Literarischen Quartetts. Sie haben so viel erreicht, da wundert es mich zu lesen, wie viel Sie darüber nachdenken, was andere von Ihnen denken.

Ich merke, wie das langsam nachlässt. Ich habe eine Achtsamkeits-Ausbildung gemacht und bin nun Bewusstseinstrainerin, habe ein schönes Zertifikat, das hängt direkt über dem Grimmepreis. Ich bin allerdings mit stiller Leidenschaft Journalistin, ich will also nicht den Beruf wechseln. Ich habe das nur für mich gemacht, um zu verstehen, wo und warum ich mich immer wieder verhake. Und das Enthaken funktioniert allmählich. Ab und zu taucht er noch auf, dieser innere Kritiker. Aber mittlerweile ist er kein Feind mehr, fast ein guter Freund: „Ach guck mal, da ist er wieder.“

Wann wurde er zuletzt wieder laut?

Bei einer Quartett-Sendung. Beim Literarischen Quartett schreibt man sich ja zu den Büchern vorher etwas auf, gut formuliert. Ein paar Minuten, bevor es losging, waren meine Zettel weg, für alle vier Bücher! Eine halbe Stunde vorher hatte ich sie noch, sie mussten also irgendwo sein, wir haben gesucht – keine Chance. Es war keine Zeit mehr und kurz vor der Sendung kam Panik und der spontane Gedanke: „So, jetzt kommen sie dir nach 50 Jahren darauf, dass du wirklich gar nichts kannst.“ Da war der innere Kritiker übermächtig. Nur wenige Sekunden später die überraschende Erkenntnis: Es kann überhaupt nichts passieren. Du hast die vier Bücher gelesen, du kennst den Inhalt, du hast zu allen Büchern eine Meinung, du musst es jetzt nur machen. Das war die beste Sendung, die ich bislang gemacht habe. Ich muss nur sein wie Christine Westermann, habe ich gelernt, dann ist es echt, authentisch, gut.

Sie werden in wenigen Tagen 69 Jahre alt. Ist das Älterwerden nicht auch ein ständiges Abschiednehmen? Wie gelingt Ihnen das?

Mir gelingt es mal gut, mal weniger gut. An Tagen wie heute, an denen alles fröhlich und leicht war, scheint es einfach. Dann gibt es aber auch die absolut grauen Tage, wo ich traurig bin und niedergeschlagen, wo ich merke, es beginnt jetzt die Talfahrt, der Abschied. Wo man in den Spiegel guckt und denkt: „Was oder wer ist das denn jetzt?“ Wenn ich „Zimmer frei“-Wiederholungen angucke und sehe, wie ich vor 15 Jahren ausgesehen habe, denke ich: „Das kann doch nicht wahr sein, wie jung ich da war.“ Und am nächsten Tag überhole ich Menschen mit Rollator, ohne den Hauch eines Gedankens daran zu verschwenden, dass ich vielleicht in fünf Jahren auch von 69-Jährigen überholt werde. Ich weiß noch nicht, wie mir das Älterwerden gelingt.

Denken Sie auch über den Abschied vom Leben nach?

Ja, ich mache mir Gedanken darüber. Ich war gestern Abend in der Oper, in La Traviata, da habe ich wieder das berühmte Trinklied gehört und gedacht: Das wäre es doch, wenn sie das auf meiner Beerdigung spielen würden, wenn alle traurig sind, „die Christine ist weg“, dann sagt ihnen das Lied: Feiert das Leben, solange Ihr es könnt. Und mich feiert bitte auch ein bisschen.

Für viele Menschen ist es eine schöne Vorstellung, im Alter im Kreise der Familie zu sein. Sie haben keine Kinder, war das für Sie auch ein Abschied von einem Wunsch?

Ich musste nie Abschied nehmen, weil mir war ganz klar, ich möchte gerne Familie, aber das muss Mutter, Vater, Kind sein. Und es muss klar sein, dass ich mit dem Mann auch den Rest meines Lebens verbringen will. Der Mann ist erst in mein Leben getreten, als es für mich zu spät war, Kinder zu bekommen. Das ist schade. Aber das ist kein großes Bedauern, eher ein gelächeltes Bedauern. Wir beide sind sehr unterschiedlich, es wäre spannend gewesen, zu erleben, was von uns sich in den Kindern widerspiegelt.

Haben Sie je einen Abschied bereut in Ihrem Leben?

Wenn ich Menschen verlassen habe. Das hätte ich vielleicht besser machen können, sorgsamer, sachter. Aber wenn ich etwas falsch gemacht habe, habe ich hinterher ja auch immer etwas begriffen. . . Es ist alles gut so, wie ich es gemacht habe, glaube ich. Ich bereue nichts!

Christine Westermann: Manchmal ist es federleicht – von kleinen und großen Abschieden, Kiepenheuer & Witsch, 185 S., 19 €

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