Kosmetik

Brustkrebs: Mit Rouge und Kajal zu neuem Selbstwertgefühl

Schönheit ist auch eine Frage der Einstellung: Kosmetikexpertin Christine Cieslik (71) zeigt der Brustkrebspatientin Elvira (69) im Duisburger Bethesda, wie sie ihre Augen zum Leuchten bringen kann..

Schönheit ist auch eine Frage der Einstellung: Kosmetikexpertin Christine Cieslik (71) zeigt der Brustkrebspatientin Elvira (69) im Duisburger Bethesda, wie sie ihre Augen zum Leuchten bringen kann..

Foto: Lars Heidrich

Duisburg.   In einem Seminar lernen Brustkrebspatientinnen, wie sie mit Make-up die Folgen der Chemo kaschieren können – und ihr Selbstwertgefühl steigern.

Chantal malt mit ruhiger Hand kleine schwarze Punkte auf ihr Augenlid. Andere Menschen besitzen an dieser Stelle Wimpern. Doch die 40-Jährige hat um die Augen kaum noch Härchen. Sie sind ihr während der Chemo ausgefallen. Chantal hat Brustkrebs.

Wie die anderen acht Frauen in diesem schmucklosen Raum im Bethesda Krankenhaus in Duisburg schaut sie in einen runden Kosmetikspiegel. Das Rouge, das sie beim Schmink-Workshop für Frauen mit Krebs auflegt, wird sie nicht heilen. Aber ihrem zuweilen trübseligen Alltag ein wenig mehr Farbe geben.

Die Angst vor dem Haarausfall

Mit rund 69.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Brustkrebs nach Angaben des Robert Koch Instituts die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Diese Diagnose verändert alles – das Leben, den Alltag. Renata Stenzel ist Breast Care Nurse: Pflegeexpertin für Brusterkrankungen. Die 50-Jährige betreut die Frauen in allen Phasen der Erkrankung, also auch während der Strahlen- und Chemotherapie. Dadurch wird die Haut trocken und verliert ihren Glanz. Haare, Wimpern und Augenbrauen fallen aus. Renata Stenzel: „Man muss die Auswirkungen nicht auf den ersten Blick sehen können.“

Mehrere Frauen tragen schlichte Tücher oder dünne Mützen mit Glitzersteinen, um die kahle Kopfhaut zu kaschieren. „Wir arbeiten heute mit viel Creme und Make-up“, sagt Kosmetikexpertin Christine Cieslik, „wer mag, kann seine Perücke abnehmen.“ Petra (56) und Anita (80) haben noch ihr volles Haar. Sie stehen am Anfang der Therapie und brauchen im Moment noch keinen Ersatz. Die Angst vor dem Haarausfall durch die Chemotherapie ist trotzdem groß. Petra sagt: „Ich will doch nicht, dass man direkt sieht, dass ich krank bin.“

„Damit du nicht nackt bist, setze ich dir ein Tuch auf“

Elvira (69) trägt als einzige Teilnehmerin eine blonde, schulterlange und glänzende Perücke. Ihre Tochter nimmt sie ganz vorsichtig vom Kopf und legt sie auf den Tisch. Die Kopfhaut ist hell und glänzt leicht. „Damit du nicht ganz nackt bist, setzte ich dir ein Tuch auf“, sagt Christine Cieslik und zieht der zierlichen Frau den lilafarbenen Stoff auf den Kopf. Die Kursleiterin wird den Brustkrebspatientinnen zeigen, wie sie sich schminken können. Das äußere Bild dürfe nämlich während der Therapie nicht in Vergessenheit geraten. „Man fühlt sich dadurch ein Stück gesünder.“ Dieses Gefühl unterstütze die Selbstheilungskräfte.

Vor den Frauen stehen Wattepads und eine große Tasche mit Cremes, Make-up, Puder, Rouge, Mascara und Lidschatten. Beherzt packen die Teilnehmerinnen aus. „Das ist ja wie Weihnachten und Ostern zusammen“, ruft Anita (80), die sich im Alltag nicht regelmäßig schminkt. Besonders die große Lidschattenpalette, die von Erdtönen bis zu knalligen Tönen alle Farben beinhaltet, kommt gut an. Bevor Make-up und Rouge auf die empfindliche Haut kommt, sollen sich die Frauen mit einer reichhaltigen Creme eine kleine Gesichtsmassage gönnen. Pflegerin Renata Stenzel schaltet leise Entspannungsmusik ein. Ein paar Patientinnen schließen die Augen. Die meisten sind aber recht schnell mit der Massage fertig. Einfach mal abschalten ist gar nicht so leicht.

Make-up als Teil des Alltags

Kosmetikexpertin Christine Cieslik hat viele Jahre lang Brustkrebspatientinnen im Bethesda Krankenhaus betreut. Jetzt weiß sie als ehrenamtliche Kursleiterin, wie man ausgefallene Wimpern, Augenbrauen und fahle Gesichtshaut am besten kaschieren kann. Sie erklärt, was die Frauen beim Auftragen von flüssigem Make-up, Concealer und Puder beachten sollen.

Als gelernte Friseurmeisterin ist Petra (56) geübt im Schminken und dennoch ist dankbar für die Tipps. „Für mich bedeutet es ein Stück Lebensqualität.“ Make-up gehöre zu ihrem Alltag, egal ob krank oder gesund. Sie findet: Ein geschminktes Gesicht sieht immer gesünder aus. Andere Teilnehmerinnen tun sich mit dem Auftragen ein wenig schwerer, denn durch die Therapie haben sie kaum Gefühl in den Fingerspitzen, erklärt Renata Stenzel. Petra (61), eine ehemalige Lehrerin, muss bei dem Prozedere Handschuhe und einen Atemfilter tragen, um sich vor Bakterien und Viren zu schützen. Ihr Immunsystem ist geschwächt. Ihren normalen Alltag kann sie nicht mehr allein bewältigen. „Man muss sich dazu zwingen, Dinge abzugeben. Meine Kinder übernehmen zum Beispiel das Staubsaugen.“ Heute feiert sie die kleinen Erfolge der Therapie. Als ihre Blutergebnisse besser wurden, hat sie sich zum Feiern einen Piccolo gegönnt. Alkoholfrei, aber einen Piccolo.

Vorsicht beim Schminken der Augenbrauen

Elvira und Anita haben ihre Töchter mitgebracht, die ihnen bei den feinen Handbewegungen helfen können. Während des Schminkens werden die Frauen, die sich vorher kaum kannten, immer gesprächiger. Auch Renata Stenzel schwatzt munter und geht von Platz zu Platz. Dann sind die heiklen Themen an der Reihe: Wimpern und Augenbrauen, die dem Gesicht einen Rahmen verpassen. „Weniger ist mehr. Kleben Sie sich keine Wimpern an. Das fällt direkt auf. Malen Sie sich auch keinen dicken Strich. Kleine Pünktchen betonen den Wimpernrand“, erklärt Christine Cieslik.

Obwohl das Make-up noch nicht ganz fertig ist, schickt Anitas Tochter stolz ein Foto in die Familien-Gruppe auf Whatsapp. Bei den Augenbrauen sei Vorsicht geboten, denn sie sollen Schwestern sein und keine Zwillinge, sagt die Seminarleiterin lächelnd. Christine Cieslik zieht bei Anita mit ruhiger Hand die erste Braue nach und verwischt die Farbe sanft mit einem Q-Tip. Die Frauen, die noch Wimpern haben, tuschen sie kräftig mit Mascara. Zuletzt kommt mit Lippenstift und Rouge noch Farbe in die Gesichter. Die Patientinnen loben sich gegenseitig und schauen stolz in die Spiegel – „Das sieht richtig toll aus. Das steht dir total gut“, sagt Sibel (35) zu Anita und auch die anderen stimmen ihr zu.

„Ich ziehe mir bestimmt keinen Fiffi auf den Kopf“

Obwohl der Kurs inzwischen beendet ist, bleiben die Frauen sitzen und tauschen sich noch etwas aus. Jede weiß, wovon die andere spricht. Petra (56): „Ich will meine Haare behalten. Ich ziehe mir bestimmt keinen Fiffi auf den Kopf“, sagt die Friseurmeisterin. Auf ihre voluminöse Kurzhaarfrisur möchte sie in Zukunft nicht verzichten. Doch sie hat keine andere Wahl. Eine Teilnehmerin ermutigt sie: „Es sind nur Haare, die kommen wieder“. Petra möchte nicht, dass ihre Enkel sie ohne Haare sehen. Deshalb ist sie noch auf der Suche nach dem passenden Perückenhersteller. „Ich habe Sorge, dass bald jeder fragt: Haben Sie Krebs?“ Sie erzählt, dass sie nicht mehr gesund wird. Sagt es, aber in ihrem Kopf und Herzen ist diese Endgültigkeit noch nicht angekommen. „Ich will weitermachen.“ Sie möchte die Lebensqualität so lange wie möglich wahren.

Die Frauen verlassen nach und nach den Raum und bedanken sich bei Renata Stenzel und Christine Cieslik. „Ich werde das jetzt öfter machen“, sagt Anita (81), während sie den Seminarraum lächelnd verlässt. Sie habe durch den Workshop neue Hoffnung geschöpft. Schwarze Punkte auf den Augenlidern und Rouge auf den Wangen haben nichts an der schweren Krankheit geändert. Aber sie für zwei Stunden etwas vergessen lassen.

>>>> Die DKMS-life organisiert die Kosmetikseminare

DKMS ist die Abkürzung für die deutsche Knochenmark Spenderdatei. Die DKMS-life ist eine Tochterorganisation und unterstützt den Kurs für Krebspatientinnen mit kostenloser Kosmetik.

Wo und wann die nächsten Kosmetikseminare stattfinden, steht im Internet: dkms-life.de. Der Workshop ist für alle Teilnehmerinnen kostenfrei. Es gibt auch einen Kurs für junge Krebspatientinnen.

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