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Brei oder Fingerfood? Experten streiten über Baby-Nahrung

Kritiker befürchten, dass Babys nicht satt werden, wenn sie nur an Obst oder Gemüse nagen statt auch Brei zu essen.

Kritiker befürchten, dass Babys nicht satt werden, wenn sie nur an Obst oder Gemüse nagen statt auch Brei zu essen.

Bochum.   Beim Ernährungstrend „Baby-led Weaning“ soll das Kind selbst entscheiden, was es isst. Angeboten wird etwa Gemüse am Stück. Wie gesund ist das?

Den Briten verdankt die Welt eine Menge epochale Erfindungen. Beispielsweise die Dampflok, das Fußballspielen oder das Internet. Und jetzt auch das „Baby-led Weaning“ (BLW), die vom Baby gesteuerte Beikostfütterung. Der neue Ernährungstrend, den sich die britische Gesundheitsberaterin Gil Rapley ausgedacht hat, schwappt derzeit mit Macht zu uns herüber. Statt Brei mit dem Löffel verabreicht zu bekommen, soll das Kind selbst entscheiden, was es isst. Angeboten wird stückchenweise Beikost als Fingerfood. Aber wie gesund ist das in der Praxis?

Viele Eltern treibt diese Frage um. Zumal die Zeit, wo zusätzlich zur Milch, neue Nahrungsangebote ins Spiel kommen, ohnehin eine Zeit des Umbruchs ist. Sie ist verbunden mit Unsicherheiten. Die schon damit anfangen, dass man sich fragt, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist. Falsche Frage. Einen bestimmten Zeitpunkt, um mit der Beikost zu beginnen, gibt es nämlich nicht.

Kinderärzte empfehlen für den Beikost-Start einen gewissen Zeitrahmen

„Seit mehreren Jahrzehnten gehen kinderärztliche Empfehlungen in Deutschland und inzwischen auch auf europäischer Ebene von einem Zeitrahmen aus“, sagt Professorin Mathilde Kersting. Die heute 70-Jährige gehört zu denjenigen, die die Dortmunder Forschungsstelle für Kinderernährung (FKE) mit aufbauten. Seit 2016 werden die Arbeiten an der neuen Forschungsabteilung für Kinderernährung der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Bochum unter Leitung von Kersting weitergeführt.

„Dieser Zeitrahmen“, so die Wissenschaftlerin, „erstreckt sich vom Beginn des fünften Lebensmonats eines Babys bis zum Beginn des siebten Monats.“ Man könnte auch sagen, im Alter von vier bis sechs Monaten: „Aber da vertun sich viele Eltern. Weil es ja um die vollendeten Lebensmonate geht.“ Wenn das Baby sitzen kann, kann’s losgehen. Einig sind sich Brei-Befürworter und Brei-Gegner zumindest darin, dass das jüngste Familienmitglied gemeinsam mit den anderen die Mahlzeiten einnehmen solle.

Beikost, das kann pürierte Nahrung aus dem fertig gekauften Babybreigläschen sein, für gesundheitsbewusstere Eltern selbst Püriertes und Gemixtes oder eben Fingerfood. Obst oder Gemüse, Letzteres ohne Salz, gegart aber nicht verkocht, in mindestens fünf Zentimeter lange Streifen geschnitten. Fleisch dagegen, empfiehlt Rapley „am besten in großen Stücken anzubieten, die Ihr Baby leicht festhalten kann, um daran zu saugen oder zu nagen.“

So oder so: Wichtig ist das, was drin ist. Optimalerweise, so Kersting, sollte die Beikost die Nährstoffe enthalten, die Kinder in diesem Alter mit der Milch nicht mehr bekommen: „Eisen ist ein wesentlicher Nährstoff dabei. Bei der Geburt sind Kinder ausreichend mit Eisen versorgt, aber dieses Depot schmilzt mit der Zeit ab. In der Muttermilch ist Eisen so gut wie gar nicht enthalten. Aber im zweiten Lebenshalbjahr ist der Eisenbedarf, auf Kilogramm Körpergewicht hoch gerechnet, wesentlich höher als er später jemals im Leben sein wird. Besonders wichtig ist Eisen für das Wachstum, aber auch für die Blutbildung.“

Fleisch hat gut ausnutzbares Eisen

Rapley meint dazu: „Die meisten termingerecht geborenen Babys verfügen über einen Vorrat an Eisen, der ausreicht, sie noch eine Weile länger zu versorgen. Es gehen ihnen nicht über Nacht die Nährstoffe aus.“ Aber innerhalb der Marge für die Beikost-Beginner sehr wohl. Fleisch enthält gut ausnutzbares Eisen und verbessert zusätzlich dessen Verwertbarkeit aus anderen Lebensmitteln. Wer stattdessen, beispielsweise als Veganer, auf Getreide setzt, muss Vitamin C zugeben. Einem Baby gleich ein ganzes Stück Fleisch anzubieten, macht für Kersting in diesem Zusammenhang wenig Sinn: „Das Kind wird es ein bisschen auslutschen, aber nicht komplett bewältigen. Man muss aber sicherstellen, dass es insgesamt ausreichend Nahrung mit allen benötigten Nährstoffen bekommt.“.

Die Gefahr der Mangelernährung

Nicht nur die Bochumer Professorin sieht beim „Baby-led Weaning“ die Gefahr der Mangelernährung. Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) warnte unlängst in einer Pressemitteilung, dass eine gute Versorgung „bei Säuglingen, die von der Hand in den Mund leben“ auf der Strecke bleiben könne. Ein „motorisch ungeschicktes“ Kind liefe zudem Gefahr, nicht richtig satt zu werden, hinzu käme das Risiko, sich an einem Stück Obst oder Gemüse zu verschlucken.

Rapley hingegen sieht die höhere Erstickungsgefahr beim Brei. Alle zusätzlich benötigten Nährstoffe solle die Muttermilch liefern, die auch das Sattwerden übers Fingerfood-Angebot hinaus garantiere. Im Gegensatz zur Breispeisung sei ihre Methode genussvoller, stressfreier und natürlicher: „Mit BLW kann sich ein Baby in seinem eigenen Tempo mit Nahrung vertraut machen und seinen Instinkten folgen.“ BLW helfe ihm, die Welt zu erfahren, Entwicklungspotenziale auszuschöpfen und eine gesunde Einstellung zum Essen zu entwickeln.

Lassen sich die vielen positiven Beispiele aus der Praxis, mit denen Rapley aufwartet, so ohne Weiteres auf hiesige Verhältnisse übertragen? „Man müsste erst einmal klären, ob in England die gleiche Beikost gegeben wird, wie bei uns, und ob dafür die gleichen Lebensmittel verwendet werden“, gibt Kersting zu bedenken, „solche Vergleichsstudien gibt es aber nicht.“ Ebenso fehlt es an Langzeitstudien zu BLW. Die Kinder, von denen Rapley berichtet, sind jetzt um die zehn Jahre alt und ihre Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen.

Mathilde Kersting ist dafür, weiter auf traditionellem Wege zu verfahren, was die Beikost angeht. Auch wenn das nicht gleich auf Anhieb funktioniert. „Babys sind Individualisten, so wie wir alle“, sagt sie „und deshalb wird nicht jedes Baby vom gleichen Zeitpunkt an vom Löffel essen. Das ist kein Grund, sich zu sorgen. Man hat ja auch Zeit – Ruhe bewahren ist die erste Elternpflicht!“ Dabei sollte man tunlichst vermeiden, das eigene Kind an dem der besten Freundin zu messen: „Dadurch entsteht ein Konkurrenzdruck, der vollkommen überflüssig ist. Wer sich Sorgen um die Gesundheit seines Kindes macht, sollte einen Kinder- und Jugendarzt zu Rate ziehen.“

Die innovative Idee in Gänze verteufeln will Mathilde Kersting aber nicht. „Inzwischen sind wir, was das angeht, auf einem guten Weg. Man kann durchaus die Vorteile beider Möglichkeiten nutzen: Brei füttern, aber auch geeignetes Fingerfood anbieten. Die Basis sollte aber trotzdem Breinahrung bilden.“

>> LECKERES FÜR DIE KLEINEN FINGER

Für Anfänger: gegarter Brokkoli (Stiel dient als integrierter Griff). Für unterwegs: kalte gegarte Karottensticks, Obst wie Äpfel oder Birnen. Für Rohkostler: Salatgurkensticks (kühlen angenehm beim Zahnen). Für Sonnenkinder: Melonen, Mangos oder Papayas in Streifen. Geht gar nicht: Nussstücke, ganze Nüsse, Sardellen, Chips

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