Landpartie

Bio-Gärtnerei verbindet Menschen mit und ohne Behinderung

Eike de la Motte (40) und Jonathan Furtwängler (24) ernten Kresse in der Gärtnerei des Franz Sales Hauses in Essen. Hier arbeiten Menschen mit und ohne geistiger Behinderung zusammen.

Eike de la Motte (40) und Jonathan Furtwängler (24) ernten Kresse in der Gärtnerei des Franz Sales Hauses in Essen. Hier arbeiten Menschen mit und ohne geistiger Behinderung zusammen.

Foto: Lars Heidrich

Essen.   In der Essener Bioland-Gärtnerei sprießen Kresse, Tomaten und Salat. Menschen mit und ohne Behinderung kümmern sich liebevoll um die Pflanzen.

„Ich komme in die Zeitung!“ Der hochgewachsene 24-Jährige strahlt über das ganze Gesicht, während er sich mit Handschlag vorstellt: „Jonathan Furtwängler – wie die Tatort-Kommissarin“. Wo machen wir das Bild am besten? Die Kresse muss noch verpackt werden. Also auf zum „Lepidium sativum“, nennt Jonathan Furtwängler den lateinischen Namen des Krautes. „Er kennt auch jede Hauptstadt, sogar von Ländern, die ich noch nie gehört habe“, sagt Sabine Ludwig lächelnd. Die 38-Jährige ist nicht nur die Chefin in der Bioland-Gärtnerei, die zum Franz Sales Haus in Essen gehört. In der Akademie der sozialen Einrichtung hat sie sich zudem in Sonderpädagogik weitergebildet. Denn die meisten ihrer 20 Mitarbeiter sind Menschen mit geistiger Behinderung.

Schön, mit den Händen zu arbeiten

Jonathan Furtwängler zieht weiße Einmalhandschuhe an und dann packt er die Kresse in Kisten. Zusammen mit seiner Kollegin Eike de la Motte. Die 46-Jährige mag ihre Arbeit: „Weil ich etwas mit den Händen machen kann.“ Ein paar Kressetöpfchen hat sie aussortiert, weil die kleinen Blätter viel heller sind als der restliche Kräuter-Teppich. Sie haben zu wenig Sonne abbekommen. Und gelbe Blättchen will der Kunde schließlich ungern essen.

„Manchmal brauchen wir ein bisschen mehr Zeit“, sagt Ann-Katrin Glüsing, Geschäftsführerin der Franz Sales Werkstätten. „Aber wir sind so gut wie andere Gärtnereien“, betont die 52-Jährige. Wenn es mal hakt, gibt es eine Schulung. Möchte etwa ein Mitarbeiter mit Behinderung gern mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Betrieb fahren, und das klappt noch nicht so recht, dann bekommt er ein Training, wie man einen Bus nutzt. Das Ziel sei immer: der erste Arbeitsmarkt.

Im Gewächshaus gibt es keine Winterpause. In der Sprossenabteilung sprießen neben Kresse auch Rucola- und Radieschensprossen. Feldsalat und Babyspinat gibt es ebenfalls schon. „Die Petersilie ist in den Startlöchern“, so Ludwig. Über das Jahr verteilt haben sie aber nicht nur Standardkräuter wie Basilikum und Schnittlauch im Angebot, sondern eine Vielfalt von Anis-Ysop bis Zitronenverbene.

Tomaten werden von Erdhummeln bestäubt

Sabine Ludwig streicht mit der flachen Hand sanft über die kleinen Blättchen der Tomatenpflanzen: „Dann bleiben sie kompakt.“ Selbst ein Streichholz ist größer als so ein Stängelchen. Kaum zu glauben, dass die Pflanzen im Oktober bis zu acht Meter lang ranken. Die Bioland-Gärtnerei darf das Wachsen nicht beschleunigen, indem sie dem Gewächshaus kräftig einheizt. Tierische Helfer sind aber erlaubt: „Die Tomaten werden mit Hilfe von Erdhummeln bestäubt.“ Einmal hat Sabine Ludwig ein zu großes Volk bestellt, da durfte man nicht mit einem gelben Pulli ins Gewächshaus gehen, denn gelb ist auch die Tomatenblüte – und darauf fliegen die Hummeln.

„Wir züchten Läuse“, sagt Sabine Ludwig. Moment mal: Läuse? Diese kleinen gefräßigen Blattvertilger? „Getreideläuse, die unserem Gemüse nichts anhaben können.“ Und die servieren sie den Schlupfwespen, damit sich diese Nützlinge wiederum vermehren und später mit großem Hunger die Blattläuse in der Gärtnerei vertilgen.

Unterschiedliche Talente in den Werkstätten

Kathrin Polesch ist darüber nicht pikiert. Die 22-Jährige „pikiert“: So nennt man das in der Gartensprache, wenn man Pflänzchen vereinzelt. Dafür zieht sie mit spitzen Fingern die nun viel zu dicht stehenden Sämlinge vorsichtig aus der Erde, um ihnen in neuen Töpfchen mehr Platz zu geben. Die junge Frau macht das gerne. „Ab und zu.“ Denn ihre liebste Arbeit ist: „Kleben!“ Dann etikettiert sie die Faltschachteln für die Kresse.

Das Gärtnerei-Team sammelt Samen, sät, erntet. So wie in anderen Betrieben sind hier die Talente unterschiedlich. In den sieben Werkstätten des Franz Sales Hauses gibt es daher 20 verschiedene Arbeitsfelder. Darunter ist das Eiberger Café am Schultenweg in Essen. Dort soll es bald einen Lieferservice für ältere Menschen und junge Familien in der Nachbarschaft geben. Sie können dann neben Brot aus der eigenen Bäckerei auch Kräuter oder Salat aus der Gärtnerei bestellen. Das frische Grün wird zudem auf dem Rüttenscheider Markt verkauft und natürlich nur ein paar Meter weiter, im Laden des Klosterberghofs.

Bald soll die Scheune zum Café werden

Auch dort ist alles Bio: Die große Hühnerschar läuft über die Wiese vor dem Hof, der erstmals im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde. In der alten Scheune soll es bald ebenfalls ein Café geben, so die Geschäftsführerin Ann-Katrin Glüsing. Und Veranstaltungen seien geplant – „von Ostereiermalen bis Kürbis-Schnitzen“.

Bis der Kürbis reif ist vergehen noch Monate. Dafür wachsen jetzt schon in der Gärtnerei Bellis, Hornveilchen, Goldlack. Alles nicht essbar, aber ein Genuss für die wintermüden Augen. Tomislav Vukoja (32) drückt gerade ein violettes Hornveilchen sanft in die Erde. Kunden können ihre Blumenkästen vorbeibringen und sie bepflanzen lassen – auch mit besonders insektenfreundlichen Blumen. Ist eine Arbeit geschafft, sind alle stolz. Ann-Katrin Glüsing: „Unsere Mitarbeiter sollen abends nach Hause gehen und sagen: ,Ich hatte einen tollen Arbeitstag.’“

>>> Öffnungszeiten des Hofladens

Das Franz Sales Haus bietet Menschen mit Behinderung Arbeit in 20 verschiedenen Bereichen an, auch in der Bioland-Gärtnerei und auf dem Klosterberghof, Weg am Berge 39 in Essen (werkstaetten.ruhr).

Kräuter, Eier und Blumen können im Hofladen gekauft werden: Mo., Mi. 14 - 18.30 Uhr, Fr. schon ab 12 Uhr, Sa. 9 - 12.30 Uhr. Info: franz-sales-haus.de

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