Karriere

Die Persönlichkeit bringt Job-Einsteiger oft zum Scheitern

Kann man gut mit Kritik, Stress und Rückschlägen umgehen? Auch das sind wichtige Stärken.

Kann man gut mit Kritik, Stress und Rückschlägen umgehen? Auch das sind wichtige Stärken.

Bochum.   Gute Noten und Praktika sichern noch nicht den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Berufs-Einsteiger sollten ihre Persönlichkeit ins Spiel bringen.

Anna Schneider knetet ihre Finger. Sie kann es nicht fassen: Sie war doch so gut vorbereitet. Jede mögliche Bewerbungsfrage hatte sie sich durch den Kopf gehen lassen. Dabei sprechen ihre guten Noten und Praktika eigentlich für sich. Und jetzt das: Dieser Mitbewerber stiehlt ihr die Show. Jede Antwort klingt absolut geschliffen, während in ihrer Stimme ein Zittern liegt. Nun unterbricht er sie auch noch! Und bringt den Personalchef zum Lachen. „Dazu möchte ich noch etwas ergänzen . . .“, versucht Anna Schneider die Situation zu retten und ist sich zugleich sicher: Sie kann einpacken.

Es gibt Menschen, die zwar äußerst gut mit Zahlen jonglieren oder neue kreative Lösungen entwickeln können. Sie wissen aber leider nicht, wie sie ihrem Vorgesetzten die Ergebnisse überzeugend vermitteln können. Während den einen Selbstzweifel blockieren, hat der andere ein überzogenes Selbstbewusstsein. Wieder andere können Menschen für ihre Ideen begeistern, schaffen es aber nicht, Abgabetermine einzuhalten. Studien zeigen: Nicht aufgrund mangelnden Fachwissens scheitern die Menschen oft im Beruf. Ihre Persönlichkeit steht ihnen im Weg.

„Ohne Fachkompetenz ist natürlich alles nichts, das ist klar. Aber Fachkompetenz allein reicht nicht“, betont Rüdiger Hossiep. Der Personalpsychologe an der Ruhr-Universität Bochum untersucht seit Jahrzehnten den Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften auf den beruflichen Erfolg. Dazu hat er auch einen Test entwickelt, der die Stärken und Schwächen von Menschen aufzeigt und der nun speziell auf Berufseinsteiger zugeschnitten wurde.

Zudem verweist er auf eine Kienbaum-Studie, bei der die Unternehmensberatung das Scheitern von Hoffnungsträgern auf dem Arbeitsmarkt beleuchtet hat. Die beiden häufigsten Gründe für den Misserfolg sind demnach „Mangelnde Integrationsfähigkeit“ und „Unangemessenes Sozialverhalten“. Erst auf Platz zwölf steht: „Schlechte akademische Ausbildung“.

Bin ich emotional robust?

„Die Persönlichkeit spielt eine große Rolle: Kann ich auf andere zugehen? Bin ich emotional robust? Komme ich auch mit Rückschlägen klar?“, erläutert Hossiep. Jedoch hätten junge Menschen heute weniger Muße, solche Eigenschaften auszubilden. Schüler, die nach acht und nicht mehr neun Jahren Abitur machten, hätten nicht mehr viel Zeit für Erlebnisse, die nichts mit vordergründiger Bildung zu tun haben. „Solche außerschulischen Aktivitäten werden immer mehr eingedampft, Ehrenamt, Engagement für ökologische Dinge. Aber genau diese Aktivitäten sind persönlichkeitsbildend.“

Es überrascht Rüdiger Hossiep nicht, dass nur jeder vierte Studierende sagt, er fühle sich gut auf den Berufsstart vorbereitet – so ein Ergebnis einer ersten Auswertung des Berufseinsteiger-Tests. Zum einen sei die Kluft zwischen der Wissenschaft und der späteren Anwendung enorm. Besonders bei den Fächern, die eine nicht sehr starke Wirtschaftsorientierung haben, so Hossiep. Zum anderen sind im Arbeitsleben auf einmal Verhaltensweisen entscheidend, die zuvor nicht zwingend nötig waren.

Eigenbrötler kommen nicht weit 

So kann es etwa ein Eigenbrötler bis zum Hochschulabschluss schaffen. Wenn er danach jedoch jeden Kontakt mit den Kollegen vermeidet, wird es schwierig. „Dass ein Mensch die ganze Zeit allein im Raum an seinem Computer sitzt, ist heute sehr selten. Dieser Mensch wird auch nicht innerhalb des Unternehmens aufsteigen und keine Führungsaufgabe bekommen. Die Leute haben überhaupt keine Lust, sich den Weg von jemanden ausleuchten zu lassen, der in Bezug auf sich selbst im Dunkeln tappt.“

Die Fähigkeit, mit anderen Menschen zusammenarbeiten zu können, sei bedeutend: „Wir haben in unserer Gesellschaft eigentlich keine Sachprobleme. Die Leute haben Probleme miteinander“, sagt Hossiep. Die Arbeitswelt werde zwar digitaler, aber der persönliche Kontakt zugleich immer wichtiger. „Weil es ihn weniger gibt.“ Die meiste Zeit steht man vielleicht mit seinem Vorgesetzten nur per Mail in Kontakt, weil er etwa in einer anderen Stadt arbeitet. „Aber wenn ich ihn dann sehe, ein-, zweimal im Jahr, dann muss die Chemie stimmen.“

Kontaktfreudig und kritikfähig, belastbar und begeisternd

Kontaktfreudig und kritikfähig, belastbar und begeisternd, sorgfältig und selbstsicher – welche Eigenschaft ist denn in der Zukunft besonders wichtig? Hossiep: „Die wichtigste Eigenschaft ist, erkennen zu können, welche Eigenschaften man hat.“ Denn, wer weiß, wo seine Schwächen liegen, sei schon einen entscheidenden Schritt weiter. Aber: „Es ist immer schwieriger in unserer Gesellschaft, eine realistische Selbstwahrnehmung zu entwickeln.“

Früher hätten sich Kinder viel mehr miteinander gemessen, etwa beim Fußballspiel direkt vor der Haustür. „Ich bin 1959 geboren und gehöre zur Generation der Baby-Boomer. Da konnte man machen, was man wollte, es war nie gut genug.“ Heute erlebe man das andere, genauso unzuträgliche Extrem: Vieles, was junge Menschen machten, sei einfach toll, toll, toll. „Diese Rückmeldungen sind immer unrealistischer geworden. Das haben wir in allen Lebensbereichen.“

Es ist aber wichtig, dass man sich selbst einschätzen kann. Dafür muss man offen für Kritik sein und sie verarbeiten können. Das zu lernen, sei jedoch schwierig, wenn junge Menschen nie wirklich kritisiert werden. Oft erlebten Nachwuchskräfte erst im Berufsleben, was es heißt, mit Kritik umzugehen. Sowohl Schule als auch die Universität seien Schonräume. „Und dann klopft später ein Jungakademiker dem Geschäftsführer auf die Schulter und sagt: ,Ich bringe Deinen Laden schon wieder in Ordnung.’ Das kommt einfach nicht gut an.“

Der blinde Fleck in der Wahrnehmung

Es gebe heute viele Selbstüberschätzer, aber auch viele Selbstunterschätzer. „Ein überzogenes Selbstbewusstsein ist genauso problematisch wie überzogene Selbstzweifel.“ Dabei nehmen sich die Menschen häufig selbst anders wahr, als es ihre Mitmenschen tun. Das Bild, was wir uns von unserer eigenen Person machen, ist nur ein Teil der Realität. Es gibt auch immer einen blinden Fleck in unserer Wahrnehmung: Verhaltensweisen, die uns gar nicht bewusst sind.

Im Übrigen machen wir für unser eigenes Verhalten oft die Umstände verantwortlich: Wenn man selbst Monologe hält, hat man meist gute Gründe dafür. Andere verhalten sich dagegen so, weil sie so sind wie sie sind: Schwätzer. Bei der eigenen Person sind die meisten verständnisvoll. Andere sind wiederum mit sich selbst absolut ungnädig. Hossiep: „Deshalb ist man gut beraten, sich auch mal ein Feedback einzuholen: Wie erleben einen andere?“

Es kommt auf die Balance an

„Es kommt immer auf die Balance an“, so Hossiep weiter. Ein Mensch soll sich in ein Team integrieren, aber zu angepasst und anbiedernd darf er auch nicht sein. Dies sei aber kein Lob der Mittelmäßigkeit. Von der Kita bis zur Hochschule versuche man heute, den Menschen ihre Ecken und Kanten abzutrainieren und die Ausreißer einzufangen. Doch nach dem Studium, wenn viele Berufsstarter Führungspositionen ausfüllen möchten, so Hossiep, „sucht man händeringend die Leute mit Ecken und Kanten.“

Es geht also auch um die Frage: „Wo kann ich mich von anderen absetzen?“ Menschen, die sich für Technik interessieren, werden sich lediglich bei den Noten von anderen mit dieser Neigung abheben. Wenn jedoch zum Beispiel ein Ingenieur auch gut erklären und verkaufen kann, hat er eine eigene persönliche Note, mit der er aus der Masse heraussticht.

An der Persönlichkeit arbeiten

Hat jemand an sich eine Schwäche erkannt, kann er an sich arbeiten. Wenn ein Mensch zum Beispiel ins Schwitzen gerät, sobald er vor einer Gruppe sprechen soll, kann er das üben, indem er sich dieser Situation immer wieder stellt. „Dafür muss man dann aus seiner Komfortzone rausgehen“, sagt Hossiep.

Allerdings ist diese Wandlung nur bis zu einem bestimmten Punkt möglich. Menschen wie der Moderator Dieter Thomas Heck sind eher die Ausnahme: Er überwand sein Stottern in der Kindheit mit Schnellsprechen und machte dies später in der Hitparade zu seinem Markenzeichen.

„Im Gegensatz zur Fachkompetenz ist die Persönlichkeit relativ stabil“, sagt Hossiep. „Der extrovertierte 25-Jährige wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der extrovertierte 50-Jährige bleiben.“ Es sei immer nur ein Feinschliff möglich.

Es gehe auch nicht darum, einen Menschen komplett umzukrempeln. „Die Leute sollen bleiben, wie sie sind. Alles andere können sie auch nicht sein.“ Ein Gedankenspiel: Eine Unternehmensberatung untersucht die Philharmoniker, in Duisburg oder in Essen, und stellt eine Schwäche der Violinistin fest. Sie kann nicht gut Posaune spielen. Fortan hängt die Violinistin jeden Abend nach der Orchesterprobe zwei Stunden Posaune-Üben dran, um dieses Defizit auszugleichen. „Am Ende haben sie eine erstklassige erste Geige verloren und eine grottenschlechte Posaunistin gewonnen.“

Man sollte sich auf seine Stärken konzentrieren

Hossiep betont: „Sie müssen damit rechnen, wenn Sie nur an Ihren Schwächen arbeiten, verlieren Sie eine Stärke.“ Statt sich nur auf die Schwachpunkte zu konzentrieren, sei es daher besser, die Stärken bei sich selbst und bei anderen Menschen zu sehen. Nur so kann ein Team zusammengestellt werden, das Erfolg hat.

Gerade bei vielschichtigen Aufgaben sei es wichtig, eine Gruppe von unterschiedlichen Menschen zusammenzustellen. „Wenn sechs Leute Bedenkenträger sind, dann brauchen sie keinen siebten.“ Wenn jedoch ein Mensch in einem Team ist, der zwar vor Ideen sprudelt, aber sonst chaotisch arbeitet, freut er sich, einen Kollegen an seiner Seite zu haben, dem es leicht fällt und Freude bereitet, Regeln zu befolgen und Lösungen zu Papier zu bringen. Eine gute Gruppe für gedanklich herausfordernde Arbeiten sollte daher immer ein Gemischtwarenladen sein an Erfahrungen und Persönlichkeiten. Hossiep: „In der Unterschiedlichkeit liegt der Erfolg.“

Sie hat die Stelle bekommen

Zurück zum Bewerbungsgespräch vom Anfang: Anna Schneider hat die Stelle bekommen. Sie war nicht nur hoch erfreut, sondern auch sehr überrascht. War ihr mitreißender Mitbewerber abgesprungen? Sie fragt in der Personalabteilung nach. Die Antwort: „Hätten wir jemanden für den Vertrieb gesucht, wäre er unser Kandidat gewesen. Sie haben einen sehr strukturierten Eindruck auf uns gemacht. Zudem haben Sie gezeigt, dass sie nicht mit ihren Kollegen konkurrieren, sondern mit ihnen zusammenarbeiten möchten. Genau so jemanden haben wir für unser Team gesucht.“

>> DER TEST FÜR STUDIERENDE

Der Weg zum Test.

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