Extreme Jobs

Berufstaucher brauchen Nerven wie Drahtseile

Arbeiten unter Wasser: Industrietaucher

Schlechte Sicht und Strömungen: Damit hat Roland Franzen bei seiner Arbeit zu kämpfen. Er ist Industrietaucher.

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Essen.   Sie schweißen unter Wasser, suchen nach Leichen oder bergen Bomben: Berufstaucher begeben sich bei ihrer Arbeit ständig in Extrem-Situationen.

Luftblasen schießen aus der Tiefe empor. Das Wasser brodelt. Dann durchbricht der signalgelbe Helm eines Tauchers die aufgewühlte Oberfläche. Der Mann schwimmt zu einer Sprossenleiter und steigt sie hinauf. Tropfen fallen von seinem schwarzen Neoprenanzug. Ein Helfer tritt heran, löst Schnallen und Schläuche, öffnet den schweren Bleigurt und nimmt dem Taucher seinen Helm ab.

Roland Franzen blinzelt im grellen Sonnenlicht. Er ist Berufstaucher. Gerade erst hat der 50-Jährige rund eine Stunde am schlammigen Grund des Rhein-Herne-Kanals gearbeitet. Seine Firma hat den Auftrag, im Essener Stadthafen eine 300 Meter lange Spundwand zu reparieren. Dabei ist von den Tauchern voller Einsatz gefordert. Ihre Werkzeuge – Schweißgerät, Presslufthammer und Hochdruckreiniger – sind im Dauereinsatz.

„Ein Büro-Job wäre nichts für mich“, sagt Roland Franzen. Mit 16 Jahren hat er seine ersten Tauch-Erfahrungen gesammelt. Ihn habe damals das Abenteuer gelockt. Zunächst tauchte er in heimischen Baggerseen, und schon bald erkundete er Wracks und Höhlen. Dann kam der Tag, an dem er im Fernsehen einen Bericht über Männer sah, die mit dem Tauchen ihr Geld verdienen. „Von da an wollte ich mein Hobby zum Beruf machen.“ Franzen hatte da bereits eine Schlosser-Ausbildung abgeschlossen, dann schrieb er erneut Bewerbungen, und fasste Fuß in der Tauchbranche. Heute stehen mehr als 10.000 Einsätze in seinem Dienstbuch.

Europaweit im Einsatz

Das Team des Mülheimer „Tauch- und Bergungsunternehmen Barthel“ ist europaweit im Einsatz. Gearbeitet wird grundsätzlich überall, wo Wasser ist. Heute ist es der Rhein-Herne-Kanal. Nächste Woche geht es vielleicht in ein Kraftwerk, in einen Fluss, einen Baggersee oder tief in eine Talsperre.

Fragt man Roland Franzen, was ihn an seinem Beruf reizt, muss er zunächst einen Moment nachdenken. „Anfangs war es vor allem das Extreme“, sagt er. „Aber das ist nach ein paar Jahren verflogen. Heute ist das Tauchen für mich eigentlich ein Job wie jeder andere.“

Alles andere als alltäglich

Dass sein Job aber eben doch alles andere als alltäglich ist, wird deutlich, wenn er von extremen Einsätzen erzählt: „Einmal hatten wir den Auftrag, eine Leiche zu bergen“, sagt er dann. „Das sind Bilder, die brennen sich in die Netzhaut.“

Und Franzen erzählt vom Tauchen im Faulturm eines Klärwerks. In der zähflüssigen Fäkalien-Brühe kann sich ein Taucher kaum bewegen. Die Verwesung in dem Tank sorgt für hohe Temperaturen, der Schweiß fließt in Strömen. Die Sichtweite liegt bei Null, einzig und allein der Tastsinn hilft bei der Orientierung. „Früher habe ich solche Einsätze auch gemacht“, sagt Franzen. „Aber das muss ich heute nicht mehr haben. So viel kann man mir gar nicht zahlen.“

Nachwuchsprobleme in der Branche

Geld mag für manche Berufstaucher tatsächlich eine Motivation sein, Risiken einzugehen. Im Bereich des Offshore-Tauchens, etwa an Bohrinseln vor der Küste, würden zwar Tagessätze von 500 Euro gezahlt, berichtet Franzen. Grundsätzlich gelte aber: „Die Goldenen Zeiten sind vorbei“. Das Gehalt eines Berufstauchers sei in etwa mit dem eines Handwerkers vergleichbar – nur dass es für sie noch Unterwasser-Zulagen gebe. Trotz der ordentlichen Bezahlung habe die Branche Nachwuchsprobleme: „Gute Leute zu finden, ist nicht einfach“, sagt er. „Von zehn, die kommen, schicken wir neun wieder weg.“

Dann ist es Zeit für einen weiteren Tauchgang. Franzen legt die schwere Ausrüstung wieder an, steigt ins Wasser – und verschwindet. An seinem Arbeitsplatz ist es finster, die Temperatur ist jetzt im Herbst zwar noch angenehm. Doch im Winter setzt ihm trotz Trockenanzug die Kälte zu.

Bergen einer Fliegerbombe aus der Ruhr

Roland Franzen ist während des Tauchgangs über eine Sprechanlage ständig in Kontakt mit seinen Kollegen. In seinem Helm sind Mikrofon und Lautsprecher eingebaut. „Ich bin angekommen“, meldet er vom Kanalgrund. „Alles klar“, bestätigt sein Kollege Marius Pogrzeba. Und dann ist erst einmal nur noch das Atmen des Tauchers zu hören. „Alle Arbeiten unter Wasser dauern etwa drei Mal länger als an Land“, erklärt Pogrzeba. Dann nimmt der 27-Jährige sein Handy aus der Hosentasche und spielt einen Video-Clip ab. Es sind Unterwasser-Aufnahmen. Sie zeigen ihn beim Bergen einer Fliegerbombe aus der Ruhr. „Das ist schon was anderes als Unterwasser-Schweißen“, sagt er.

Extrem-Situationen können unter Wasser jederzeit auftreten. Technik, gute Planung und eine solide Ausbildung sollen helfen, Gefahren zu vermeiden. „Jeder Plan funktioniert aber nur so lange, bis etwas Unvorhergesehenes passiert“, hatte Berufstaucher Franzen gesagt, bevor er zu seinem Arbeitsplatz tauchte. „Man muss in jeder Situation wissen, wie man angemessen reagiert.“

Adrenalin in den Adern

In seiner Karriere hat Franzen gelernt, dass es immer wieder Momente gibt, in denen den Tauchern das Adrenalin durch die Adern schießt. Als Beispiel nennt er einen Einsatz in einer Talsperre im Sauerland. Er wollte dort in etwa 30 Meter Tiefe eine Maschine reparieren, die Sauerstoff ins Wasser pustet. „Plötzlich riss sie aus ihrer Verankerung und schoss nach oben, wie ein Sektkorken. Und ich hing daran fest“, sagt Franzen. Das seien Momente, in denen bei dem Berufstaucher das Kopfkino losgeht: „Da überlegt man dann, was bei diesem Job alles passieren kann.“

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