Familie

Beim zweiten Kind wird alles anders? Kurs bei einer Hebamme

Auch beim zweiten Kind hat man Fragen: Judith und Thomas Kalus.

Auch beim zweiten Kind hat man Fragen: Judith und Thomas Kalus.

Foto: Ralf Rottmann

Bochum.  Eine Bochumer Hebammenpraxis lädt Eltern ein zum Geburtsvorbereitungskurs „für Profis“. Ein Besuch aus der Sicht eines Vaters.

Ich hielt mich für viel zu cool für einen zweiten Geburtsvorbereitungskurs. Warum sollte gerade ich für den Kennenlerntermin mit meiner Tochter noch mal Atemtechniken und Wehentypen durchgehen, wo ich mir mit Kind Nummer eins als einziger im Freundeskreis längst das Elterndiplom verdient hatte? Außerdem war unsere erste Geburt das, was man eine Bilderbuch-Entbindung nennen würde. Ein Geburtsvorbereitungskurs für Eltern auf anstehender Doppelmission: Das kann doch nur etwas für diejenigen sein, die bei der ersten Geburt durch die Hölle gegangen sind. . .

Kerzen an, Kissen raus, Schuhe aus: die Atmosphäre im Kursraum muss schon stimmen, wenn schwangere Eltern nach einem langen, anstrengenden Tag zum Erzählen animiert werden sollen. „Bei uns sieht es auch so gemütlich aus, wenn die Presse nicht da ist“, scherzt Hebamme Lisa Benz – und eröffnet die „Bandenabende für Profis“, die sie in der Bochumer Hebammenpraxis „Familienbande“ zwischen Planetarium und Stadion regelmäßig anbietet. Acht Schwangere sind gekommen, drei von ihnen in Begleitung ihres Partners. Und bei der ersten Vorstellungsrunde zeigt sich: Es gibt viele Gemeinsamkeiten. Fast alle erwarten ihr zweites Kind im Spätsommer, sind in ihren frühen Dreißigern und haben ihr erstes Kind natürlich zur Welt gebracht.

„Also die erste Schwangerschaft war total unkompliziert“ sagt Teilnehmerin Bea M. (30) – die Geburt inbegriffen: Nur 45 Minuten verbrachte die bald zweifache Mutter im Kreißsaal. „Auch für mich war es eine lockere Geburt, ich hatte schließlich keine genervte, schreiende Frau“, erzählt ihr Partner Fabian (30). „Beim zweiten Kind habe ich höchstens die Sorge, dass es noch schneller geht und ich die Geburt verpasse.“ Seine Frau bittet er: „Sag mir bitte unbedingt Bescheid, wenn du die erste Wehe spürst!“

Sorgenlose Schwangerschaft

Turbo-Geburten und sorgenlose Schwangerschaften sind keine Ausnahmefälle in der Runde: „Sie kam einfach heraus“, erzählt Anna Wapelhorst (33), die „total entspannt“ bei der Geburt ihrer Tochter gewesen ist. „Es war super“, ergänzt ihr Mann Malte (33). „Bei uns war es ebenfalls total unkompliziert“, sagt auch Judith Kalus (31) – die ihre Tochter so schnell bekam, dass selbst keine Periduralanästhesie (PDA) für die Schmerzlinderung mehr möglich war.

„Das einzige Problem während der gesamten Schwangerschaft“, berichtet ihr Ehemann Thomas (38) mit einem breiten Grinsen, „war eigentlich nur, dass ich die typischen Schwangerschaftsgelüste hatte – und nicht meine Frau. Ich habe sie mitten in der Nacht gefragt: Wie wäre es mit Burger und Pommes?“.

Die Schwangerschaftsgelüste bekam der Mann

Also Dickwerden als einzige Sorge? Kann ich Papaspeck-Träger gut nachvollziehen. Aber warum das zweite Vorbereitungsseminar, wenn doch alles so glatt lief? Ich jedenfalls hätte keine Lust gehabt noch mal mit meiner Verlobten um die Wette zu hecheln oder so zu tun, als wäre das Hören von Meditations-CDs auf der Sportmatte bequemer als zuhause auf der Couch.

Der Intensiv-Geburtsvorbereitungskurs am Wochenende, den wir besucht hatten, bot alle Klischees. Und dann verkippte ich beim Massieren auf dem Gymnastikball auch noch die halbe Babyölflasche auf dem Rücken meiner rundbäuchigen Geliebten. Blamieren ist viel schöner, wenn man nicht von einem Dutzend anderer Männer umgeben ist, die demonstrieren möchten, wie professionell sie ihre Frau verwöhnen können.

Beim ersten Mal schüttelten sie Äpfel

„Ich musste bei meinem ersten Kurs sogar Äpfel schütteln“, erzählt Miriam M. (31) – die Metapher fürs Schütteln der weiblichen Pobacken, um den Beckenboden zu entspannen „Statt meines Partners hat mich meine beste Freundin begleitet. Die musste dann ran. Wir haben uns totgelacht!“ Befremdlich ging es auch woanders zu: „Ich musste als Vorbereitung für das Kind eine Puppe an- und ausziehen. Und hecheln stand bei uns auch auf dem Programm“, so Miriam Krieter (31). „Das war schon ganz schön peinlich.“

„Also hier wird nicht gehechelt“, verspricht Hebamme Lisa Benz. Auch ohne großen Frontalunterricht möchte die 28-Jährige auskommen. „Ich erkläre nur noch mal kurz die Geburtsmechanik und Fragen wie: Was mache ich bei einem Blasensprung?“ Auch kommt mal ein Klemmbrett zum Einsatz, wenn die Teilnehmer gebeten werden, ihren bisherigen Schwangerschaftsverlauf auf einem Zeitstrahl einzuzeichnen.

Ansonsten lautet das Versprechen für die zwei Stunden an vier Tagen: Der gemeinsame Austausch steht im Mittelpunkt. Und dabei ergeben sich die Themen schon am ersten Abendtermin von alleine. Von Krankenhauszusatzversicherung bis Wassereinlagerungen und natürlich der Frage: Wie bindet man das Erstgeborene am besten ein?

Wie reagiert das erste Kind?

Da hätte ich ja das Rezept: Das kleine Geschwisterchen bereits im Bauch sprechen lassen. Meine Partnerin war die Synchronsprecherin meiner Tochter. Im Quietsche-Ton hat sie stellvertretend um „Küsschen vom großen Bruder“ gebeten, ihm Tipps für seine Bauklotz-Bauten gegeben oder ihn beim Fahrradfahren angefeuert. Ein Dreijähriger spielt gern mit – und hat so bereits mit seiner Schwester über Papa gelästert, als die noch ein Fötus war. Zusammengeschweißt hat das die beiden allemal.

„Ich würde empfehlen, mit der großen Schwester oder dem großen Bruder einen Geburtstagskuchen fürs Baby zu backen“, schlägt Expertin Lisa Benz vor. „Ansonsten könnte man mit den entsprechenden Bilderbüchern auf das Geschwisterchen vorbereiten oder zusammen ein Geschenk basteln.“

Das erste Kind ist mal nicht im Mittelpunkt

Die Teilnehmer des Kurses scheinen dagegen glücklich zu sein, dass Kind Nummer Eins hier in der „Familienbande“ mal nicht im Mittelpunkt steht. „Die zweite Schwangerschaft läuft irgendwie nebenher“, findet Judith Kalus. Ihre 16 Monate alte Tochter hält sie auf Trab. „Deshalb machen wir den Kurs: Wir wollen mal zwei Stunden haben, wo es nur um den Kleinen im Bauch geht. Die zweite Schwangerschaft soll nicht ganz im Alltag untergehen“ Die anderen Teilnehmer stimmen mit ein. „Ich möchte einfach mehr Aufmerksamkeit für die Schwangerschaft!“, so Miriam M.

Zugegeben: Die zweite Schwangerschaft kommt einem nicht wie 40 Wochen vor. Routine ist schnelllebiger als Abwechslung. Und schließlich schlägt der Erstsprössling seine Wurzeln in jede Spore des Alltags. Auf der Strecke bleiben Unternehmungen wie die Besichtigungen diverser Geburtskliniken, die Gestaltung von Babybauch-Gipsabdrücken oder eben Geburtsvorbereitungskursen.

Letztere haben sich die Teilnehmer der Profi-„Bandenabende“ bewahrt, um etwas Entschleunigung in ihre Schwangerschaft zu bringen – nicht etwa, um nach einer ersten Höllenschwangerschaft alles besser machen zu wollen. Ob sich die zwei Stunden Intensivbeschäftigung mit dem Folgekind für mich auch gelohnt hätten, könnte ich nur noch beim (nicht geplanten) Kind Nummer drei feststellen. Gäbe es dann auch ein Angebot für die Profis unter den Profis?

>> DREI FRAGEN AN DIE HEBAMME

Irrtümer über die zweite Schwangerschaft: Was stimmt und was nicht? Hebamme Liza Benz aus Bochum gibt Antworten.

1 Nach der zweiten Geburt beginnt ein Eifersuchtswettkampf zwischen den Kindern. Stimmt es?

Das ist manchmal richtig, manchmal falsch. Das hängt vor allem mit dem Grad der Selbstständigkeit des ersten Kindes zusammen. Wenn Mama und Papa nicht mehr fürs Pipimachen, Anziehen oder knifflige Montagen bei Spielzeugbausätzen gebraucht werden, entwickelt sich auch Eifersucht weniger schnell.

2 Wenn das Stillen beim ersten Kind nicht klappt, klappt es auch beim zweiten Kind nicht.

Was beim ersten Kind schlecht lief, kann beim zweiten Mal wunderbar laufen. Viele glauben auch: Wenn ich bei der ersten Schwangerschaft Sodbrennen hatte und schlecht schlafen konnte, wird es beim zweiten Mal genauso sein. Aber grundsätzlich gilt für alles der Leitspruch: Jede Schwangerschaft ist individuell – so wie die Kinder.

3 Die zweite Geburt verläuft immer schneller.

Natürlich gibt es Ausnahmen – aber das kann man pauschal schon so sagen. Wenn man vorher einen Kaiserschnitt hatte, gilt das allerdings nicht. Zudem wird die zweite Geburt auch als kürzer wahrgenommen, weil die Frauen weniger Zeit im Krankenhaus verbringen. Die Mehrgebärenden sind meist lockerer und gehen nicht beim ersten Ziepen schon in die Klinik. Sie wissen, wie sich eine Wehe anfühlt und können einschätzen, wenn es nur eine Senkwehe war.

>> KURSE FÜR DIE ZWEITE SCHWANGERSCHAFT

Die Profi-Kurse bei der Familienbande Bochum sind zurzeit ausgebucht. Mehr Infos unter: familienbande-bochum.de

Weitere Kurse – eine Auswahl: Hebammerei Witten: Mehrere Kurse Geburtsvorbereitung für Frauen ab dem zweiten Kind (hebammerei-witten.de). Ebenso Pantakea in Düsseldorf: pantakea.de. Auch die Hebammenpraxis am Mescheder Krankenhaus bietet einen Kurs für Profis: hebammen-hsk.de

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