Hobby Tanzen

Auf dem Parkett haben Elke und Bernd den Dreh raus

Bei der „Brezel“ kann man sich schon mal verknoten: Elke Saare (60) und Bernd Schlacht (62) üben eine Discofox-Figur.

Bei der „Brezel“ kann man sich schon mal verknoten: Elke Saare (60) und Bernd Schlacht (62) üben eine Discofox-Figur.

Foto: Lars Heidrich

Essen.   Früher war die Tanzschule eine strenge Benimmschule. Heute haben dort Menschen unterschiedlichen Alters Spaß. Wir haben ein Paar begleitet.

Einmal um den Bierkasten herum. Das kann man sich gut merken. Und hier ist noch eine Eselsbrücke für den Langsamen Walzer: Der Walzer endet mit dem Buchstaben R wie rechts. Der Herr beginnt also mit dem rechten Fuß. „Man hat sehr schnell Erfolgserlebnisse“, sagt die 27-jährige Tanja Wichert, die an der Tanzschule Overrath in Essen unterrichtet. Aber das ist nur ein Grund von vielen, warum sich Paare heute beim Grundkurs anmelden. Bernd Schlacht suchte wegen seines schmerzenden Rückens die Tanzfläche auf – und fand dort die große Liebe.

Eigentlich wollten sie nur tanzen

Aber Schritt für Schritt: Der Arzt wollte Schlacht eine Spritze geben. Nicht noch eine, dachte sich der Wattenscheider. „Dann gehen sie halt schwimmen.“ Nein, das auch nicht. „Oder tanzen!“ Tanzen? Warum nicht. Schlacht ging vor sechs Jahren zu einer Party – und forderte Elke Saare auf. „Meine Absicht war, nur tanzen zu gehen“, sagt die 60-Jährige heute – und beide lachen.

Aus dem Tanzpartner wurde ein Lebenspartner. Die Schritte schauten sie sich zunächst von anderen ab: Eins, zwei, tep – beim Discofox. Aber irgendwann war das nicht mehr genug. „Wir wollten es richtig lernen“, so Elke Saare. Nach einer Schnupperstunde meldete sich das Paar bei der Tanzschule an.

Einmal um den Bierkasten herum. Genau!

„Lang, schnell, schnell, lang“, erinnert Lehrerin Sabrina von den Kerkhoff (31) an den Grundschritt der Rumba. Einer der Lieblingstänze des Paares – neben Cha-Cha-Cha und Discofox. Aber: „Wir tanzen alles“, sagt der 62-Jährige. Also auch Samba und Tango und den Wiener sowie den Langsamen Walzer. Wie war das noch mal? Einmal um den Bierkasten herum. Genau!

„Man vergisst so schnell“, steht Bernd Schlacht, der Fernmeldetechniker, manchmal auf der Leitung. Aber da ist er in guter Gesellschaft, den anderen Paaren ergeht es ähnlich. „Sabrina erklärt es noch mal sehr, sehr gut – und dann ist es wieder da“, sagt Schlacht. Jede Stunde lernen sie ein, zwei neue Schrittfolgen, Drehungen oder Figuren. Die Tanzlehrerin macht es vor, die Paare nach. „Wir kommen rum und helfen“, beruhigt sie die Paare, bei denen es mal nicht auf Anhieb klappen will. In der restlichen Zeit wiederholen sie – und das Wichtigste: Sie tanzen.

Für die Hochzeit fangen viele Paare mit dem Tanzen an

Kann wirklich jeder Tanzen lernen? Lehrerin Tanja Wichert zögert einen Moment, sagt dann: „Wenn man es selber will und mit sich Geduld hat, dann ja.“ Auch Singles können. „Wir suchen dann einen Tanzpartner, das klappt meistens.“

Elke Saare und Bernd Schlacht machen sich für die Tanzstunde gern schick, aber nicht übertrieben mit Kleid und Anzug. Eine Jeans darf es auch mal sein. Ein junger Mann in dem Kurs trägt Käppi und kurze Hose, seine Partnerin Risse in der Jeans. In der Pause schaut die Tanzlehrerin lächelnd auf das Smartphone des Schülers. Das Bild darauf zeigt ihn im Anzug und seine Partnerin im wunderschönen weißen Kleid. Die Hochzeit ist oft der romantische Grund für Paare, mit einem Tanzkurs zu beginnen, sagt Lehrerin Tanja Wichert. „Und dann bleiben viele dabei.“

„Tanzschuhe sind bei uns nicht Pflicht.“

Elke Saare trägt Schuhe mit kleinem Absatz. Die jüngeren Schüler auch schon mal Sneaker. „Tanzschuhe sind bei uns nicht Pflicht“, sagt Wichert, „aber wir empfehlen sie.“ Turnschuhe wirken zwar bequemer, aber mit ihnen kann man nicht so schön über das Parkett gleiten. Die Gelenke freuen sich über Schuhe mit glatter Sohle. Man kann sie sich auch erst kurz vorm Kurs im Eingangsbereich der Schule anziehen – und später für den Nachhauseweg wieder in die bequemeren Treter schlüpfen.

„Jive“, kündigt Lehrerin Sabrina an. Den lernt man erst im zweiten Kurs. Fortgeschrittene sind Saare und Schlacht mittlerweile. Sie werden sich auch für den nächsten Unterricht anmelden, den ersten Medaillenkurs. Im Gegensatz zum Schwimmabzeichen müssen sie hier für Bronze, Silber, Gold aber keine Prüfung ablegen. Jive? „Kriegen wir hin“, sagt Elke Saare und schaut fragend zu ihrem Partner. Der lächelt: „Wenn du mir sagst, mit welchem Fuß ich anfangen soll.“

„Die Männer führen, denkt dran!“

Sabrina ruft fröhlich: „Die Männer führen, denkt dran!“ Nicht so leicht für eine emanzipierte Frau, oder? „Ist schwer“, sagt die Kaufmännische Angestellte Elke Saare und lacht ihr herzliches Lachen. Der Mann nimmt es gelassen, lässt sich auch mal von seiner Partnerin über die Tanzfläche schieben. Andere Paare diskutierten manchmal, wer sich nun wie drehen muss. Aber sie hätten sich noch nie auf dem Parkett gestritten. Obwohl er ihr schon mal auf die Füße tritt? „Selten“, wiegelt sie ab. „Wir lachen viel“, sagt Saare. Und Schlacht, der als 16-Jähriger in eine Bochumer Tanzschule ging, ist sich sicher: „Früher war es strenger.“

Alleine tanzen die beiden nicht so gern. Nur wenn das Radio ein Lied spielt, das sie aus dem Kurs kennen. Dann tanzt Elke Saare schon mal durch die Küche. Eins, zwei, tep. In der Schule hören sie Musik aus den Charts oder ein bekanntes Lied bekommt einen Tango-Rhythmus verpasst, wie etwa die Filmmusik zu „Fluch der Karibik“.

Vom Kopf zu den Füßen

Das Tanzen hat Schlacht von den verfluchten Rückenschmerzen befreit. Dafür hat er nach dem Jive Muskelkater in den Beinen. „Es fordert einen auch hier oben“, sagt Schlacht und klopft sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Es muss ja an den Füßen wieder ankommen.“ Tanzen soll Demenz aufhalten, wie der Neurologie-Professor Notger Müller aus Magdeburg in einer Studie belegt hat. Bei abwechslungsreichen Schritten ist die Kombination aus geistiger und körperlicher Bewegung besonders wirkungsvoll.

Die Gesundheit ist wichtig, der Spaß wichtiger: Schlacht wundert sich, warum viele im Bekanntenkreis zögern. „Es sind die Männer, die nicht wollen.“ Dabei sei es so schön, die Frau im Arm zu halten, sich mit ihr zur Musik zu bewegen. „Ein gutes Gefühl“, sagt Elke Saare. „Der Alltag ist wie weggepustet.“

>>>Die ersten Schritte - Tanzschulen in unserer Region

Einsteigerkurse bei der Tanzschule Overrath, Admiral-Scheer-Str. 32 in Essen, beginnen im September und Oktober. 8 Stunden, je 90 Minuten, inklusive Pause. Tel. 0201 / 22 81 29, overrath.de

Eine Auswahl weiterer Schulen des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbands (ADTV) in unserer Region finden Sie auf der Internetseite: tanzen.de/tanzschulsuche

Unterschiedliche Konzepte: Viele Schulen bieten feste Kurse an, auch Senioren- und Jugend-Kurse. Bei anderen können sich Paare für eine Stufe anmelden und jede Woche entscheiden, an welchem Tag sie tanzen möchten.

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