Familie

Auch ein Indianer kennt einen Schmerz – Richtig trösten

Kinder brauchen sofort Trost. Aber auch Erwachsene benötigen ab und an jemanden, der ganz da ist, bedingungslos zuhört und sich selbst zurücknimmt.

Foto: getty

Kinder brauchen sofort Trost. Aber auch Erwachsene benötigen ab und an jemanden, der ganz da ist, bedingungslos zuhört und sich selbst zurücknimmt. Foto: getty

Essen.   Wenn Menschen traurig sind, wissen viele nicht, wie sie helfen sollen. Wie tröstet man richtig? Und welche Sätze bleiben lieber ungesagt?

Die Zeit heilt alle Wunden. – Auch andere Mütter haben schöne Töchter. – Da musst du einfach durch.

Menschen, die traurig sind, werden durch solche Floskeln vertröstet. Wahren Trost erfahren sie dadurch nicht. Vielmehr bekommen sie den Eindruck, dass sie kein Recht darauf haben, traurig oder verzweifelt zu sein. Der Mensch, dem sie sich anvertraut haben, gibt ihnen zu verstehen: Du empfindest falsch. Das ist nicht der Rede wert! Aber: „Es gibt kein objektives Maß dafür, was jemanden aus der Bahn werfen kann und was nicht“, sagt Stefanie Tomberge, Diplomsozialpädagogin aus Münster, die eine Kita leitet und Eltern coacht. Die 46-Jährige weiß: Falscher Trost macht vieles noch schlimmer.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz. – Sei ein starkes Mädchen! – Das wird schon wieder.

„Bei diesen Sätzen muss ich immer schlucken“, sagt Tomberge. Der Mensch, der Trost benötigt, fühlt sich dadurch nicht angenommen, er soll sich gefälligst zusammenreißen. Kinder, die mit solchen Sätzen aufwachsen, lernten dadurch, dass sie Trauer und Schmerz mit sich selber ausmachen müssen.

„Wenn solche Kinder sich in der Kita verletzen oder traurig sind, weil sie etwas NOCH nicht können, ziehen sie sich zurück.“ Geht man auf sie zu und fragt zum Beispiel: „Hast du dir wehgetan?“ Dann sei schon bald wieder ein Lächeln auf den Gesichtern zu sehen, weil sie Aufmerksamkeit bekommen haben. Auch für Erwachsene gilt: Wenn einem nicht die richtigen Worte einfallen, hilft statt einer Durchhalteparole eher eine ehrliche Anteilnahme: „Ich sehe, dass du traurig bist. Das tut mir sehr leid.“

Auf Regen folgt Sonnenschein. – Alles ist für irgendetwas gut. – Das Glas ist halb voll!

Ist ein Mensch enttäuscht, möchte man ihm am liebsten ganz schnell aufrichten, damit er wieder das Positive im Leben sieht. Grundsätzlich ist Optimismus eine gute Art, möglichst unbeschadet durchs Leben zu kommen. Doch ist jemand am Boden zerstört, fühlt er sich durch solche Sprüche eher bedrängt. Dabei gibt es nicht immer nur halb volle Gläser. „Dieser Daueroptimismus ist für den Leidenden nicht sehr tröstlich“, schreibt die Psychotherapeutin Irmtraud Tarr in ihrem Buch „Trösten – der Seele guttun“.

Ein weiterer gut gemeinter Satz, der es nicht gut macht, wenn etwa die Präsentation des Kollegen missglückt ist, lautet: „Das nächste Mal machst du es besser.“ Hilfreicher ist laut Tarr etwa die Frage: „Was ist das Schwierigste für dich?“ So fühlt sich der Trostsuchende ernst genommen und kann sich auf den Schmerz-Auslöser konzentrieren. Fühlte er sich vom Team im Stich gelassen? Hatte der Chef bereits vorher seine Entscheidung getroffen? Erkennt der Kollege den Grund für die Enttäuschung, fühlt er sich nicht mehr getäuscht. Er sieht klarer. Ein Schritt, um bald wieder halb volle Gläser sehen zu können.

Sei doch nicht so empfindlich. – Beim nächsten Mann wird es besser. – Bei mir war es viel schlimmer.

„Trösten heißt nicht, den Abgrund leugnen, sondern die Hand über die Kluft reichen und darüber hinweghelfen“, so Tarr. Um das zu können, muss man erst mal den Abgrund kennen. Und von ihm erfährt man nur durch gutes Zuhören. Dann erklärt einem vielleicht die Oma, dass sie sich nicht nur ärgert, dass ihre Beine nicht mehr so recht wollen, sondern dass sie niemandem zur Last fallen möchte.

Wenn Menschen niedergeschmettert sind, brauchen sie alle das Gleiche, so Tomberge: „Jemanden, der ganz da ist und der bedingungslos zuhört und sich selbst zurücknimmt.“ Es ist nicht immer leicht, dem Trostsuchenden unvoreingenommen das Ohr zu leihen. Aber man kann das lernen, dem anderen mit allen Sinnen zu begegnen, so Tomberge: „Schnappen Sie sich eine vertraute Person, lassen Sie sie erzählen und nehmen Sie sich fest vor, in diesem Gespräch wirklich richtig hinzuhören – und fragen Sie nachher, wie es für Ihr Gegenüber war. Das kann man wirklich üben.“

Selbst wenn es schwerfällt, weil man meint, die Lösung zu kennen: Man sollte sich zurückzuhalten. Denn ein Ratschlag kann schnell wie ein Schlag wirken. Wer seine Meinung trotzdem sagen möchte, weil sie nützlich sein könnte, fragt einfach, ob sie erwünscht ist, so Tomberge: „Darf ich dir einen Tipp geben?“

Das Leben geht weiter. – Woanders is’ auch scheiße. – Es gibt noch viele Fische im Teich.

Das Angebot kann ehrlich gemeint sein: „Melde Dich, wenn Du etwas brauchst!“ Aber der Trostsuchende weiß vielleicht gar nicht, was ihn jetzt wieder aufrichtet. Das ist von Situation zu Situation, von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manchmal ist es besser, die Initiative zu ergreifen und konkrete Vorschläge zu machen, so Tarr: ein spontaner Spaziergang, eine Essenseinladung. Dann fühlt sich der Trostsuchende willkommen.

Nimm es nicht so tragisch. – Du bist nicht der Erste, dem das passiert ist. – Auch das geht vorbei. – Immerhin hast du nicht geweint.

Eine gute Freundin, die weint, wird man ohne zu zögern in den Arm nehmen. Aber wie sieht das bei einem Kollegen aus? Seelischer Schmerz ist in unserer Gesellschaft etwas Privates, den man meist versucht zu verbergen. Oft hält man sich auch deshalb zurück, einen Menschen tröstend zu berühren, weil man ihm nicht zu nahetreten möchte. Dabei kann eine Hand, die die Schulter drückt, schon aufmuntern. „Da ist Feinfühligkeit und genaues Hinspüren gefragt“, so Tomberge. Wenn man sich nicht sicher ist, kann man auch einfach fragen: „Darf ich Dich mal in den Arm nehmen?“ Oder bei Kindern: „Wo soll ich pusten?“ Tomberge: „Das wirkt immer noch Wunder!“

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. – Auf jedem Topf passt ein Deckel.– In anderen Ländern haben die Kinder nicht mal etwas zu essen.

Wer sich mit dem Schicksal anderer vergleicht, bekommt vielleicht ein schlechtes Gewissen. Den eigenen Schmerz wird der Vergleich aber kaum lindern. Trotzdem kann man versuchen, sich selbst zu trösten, in sich hineinzuhören, was man jetzt braucht. Vielleicht ein Telefonat mit einem nahestehenden Menschen? „Manchmal tut es auch gut, sich in der Traurigkeit zu suhlen, um nachher einen klaren Blick zu haben. Melancholische Musik hören und einfach alles zulassen“, rät Tomberge. Tränen lösen den inneren Knoten, meint auch Tarr: „Manchmal genügen ein paar tiefe Seufzer, die die Anspannung vertreiben.“ Oder: „Einfach lachen“, so Tomberge. „Das Gehirn merkt nicht, ob es echtes oder unechtes Lachen ist und produziert Glückshormone.“

>> DAMIT KINDER WIEDER LACHEN KÖNNEN

Kinder können ihre Gefühle noch nicht so kontrollieren wie Erwachsene. Wenn sie plötzlich in einer Fußgängerzone laut losheulen, fühlen sich gestresste Erwachsene schnell überfordert: „Ist doch nicht so schlimm!“ Doch, für die Kinder ist es in dem Moment schlimm. Und wenn sie keinen Trost erfahren, fühlen sie sich zudem auch noch allein.

Babys brauchen unmittelbar Trost, da sie noch kein Zeitgefühl haben. Körperkontakt beruhigt. Ein Verziehen ist da gar nicht möglich. Auch Kleinkinder verstehen gut gemeinte Worte noch nicht, wenn die Gefühle sie überfluten. Dann hilft ein tröstender Begleiter, der da ist, der mitfühlend blickt und berührt.

Dem Kind auch etwas zutrauen

Kinder lernen so, mit ihren Empfindungen umzugehen und fassen Vertrauen. Aber immer hinzurennen, wenn gerade Streit im Sandkasten ist, und das Kind zu bedauern, lässt das Selbstvertrauen nicht wachsen. „Trost braucht die richtige Balance, dem Kind etwas zuzutrauen und es nicht zu schwächen durch zu viel oder unangemessenen Trost und dennoch feinfühlig und begleitend zu sein“, schreibt die Kinder-Psychotherapeutin Gundula Göbel in dem Buch „Trost – Wie Kinder lernen, Traurigkeit zu überwinden“.

Dabei sollten Eltern die eigenen Erfahrungen nicht auf das Kind übertragen. Göbel: „Besser ist es, wenn Eltern versuchen, die Ängste ihres Kindes zu verstehen, und erfragen, wodurch genau sich das Kind belastet fühlt.“ Ohne das Kind dabei zu bedrängen. Selbst wenn der Grund für die Traurigkeit nicht sofort ans Licht kommt, nach einer tröstenden Umarmung kann ein Kind oft schon wieder lächeln.

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