Familie

Alles neu macht der . . . August: Kita-Start und Einschulung

Kinder unter sich, da sind die Erzieher in der Kita schnell abgeschrieben: Ben (3) , Nick (3), Lionel (4) und Till (3) bringen noch schnell ihre Hüpfpferde in den Stall.

Foto: Lars Heidrich

Kinder unter sich, da sind die Erzieher in der Kita schnell abgeschrieben: Ben (3) , Nick (3), Lionel (4) und Till (3) bringen noch schnell ihre Hüpfpferde in den Stall. Foto: Lars Heidrich

Bochum.   Viele Kinder erwartet ein neuer Lebensabschnitt: Kita, Grundschule, weiterführende Schule. Experten erklären, wie Kinder mit dem Neuen umgehen

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Schulstart, Kitabeginn oder der Wechsel nach der vierten Klasse: Zu keiner Zeit im Jahr sind Kinder mit so viel Unbekanntem konfrontiert wie im Sommer. Wie es ist, im Leben etwas Neues zu beginnen.

Mit sechs Jahren macht Emma auf einmal wieder Mittagsschlaf. Sie ist in die Schule gekommen und verarbeitet so die Flut an frischen Eindrücken. Der dreijährige Jakob schläft nachts schon lange durch. Als er in den Kindergarten kommt, krabbelt er aber plötzlich wieder jede Nacht zu den Eltern ins Bett. Laura wiederum, die immer aufgeschlossen und fröhlich war, ist plötzlich still und zurückgezogen. Sie hat nach der vierten Klasse auf die Realschule gewechselt.

Wenn jetzt im August das neue Schul- und Kitajahr startet, müssen sich zahlreiche Kinder mit einem Bruch in ihrem Leben auseinandersetzen: Neue Umgebung, neue Bezugspersonen, neue Strukturen, neue Wege, neue Anforderungen. Wie gehen sie damit um?

In der Knappschafts-Kita in Bochum sind es in diesem Jahr zehn Kinder zwischen null und drei Jahren, die seit einigen Wochen behutsam an die Abläufe der Einrichtung gewöhnt werden. Sie sollen sich schließlich auch ohne Mama oder Papa dort wohlfühlen. „Wir als Erzieher sind wichtig für die Kinder“, erzählt Kita-Leiterin Britta Himpeler, „aber wir sind auch schnell raus. Die anderen Kinder sind viel interessanter. Die punkten.“ Neues löse Ängste aus, viele weinen auch, sagt die Erzieherin. „Aber die meisten Kinder sind neugierig und offen.“

Kinder sind grundsätzlich an Neuem interessiert

„So individuell Kinder auch sind – mal offener, mal schüchterner –, sind sie grundsätzlich an Neuem interessiert“, bestätigt Birgit Leyendecker, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. „Schon Säuglingen reicht die immer gleiche Rassel irgendwann nicht mehr. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes neugierig.“

Mädchen und Jungen brauchten immer wieder neue Stimulationen, die sie dann, je nach Charakter mal schneller, mal vorsichtiger in sich aufsaugen. „Sie suchen förmlich nach Neuem. Danach, Neues in sich aufzunehmen. Im Erwachsenenalter nimmt das dann ab. Irgendwann ist man gesättigt und mit seinem Alltag beschäftigt“, sagt Leyendecker.

Je jünger Kinder sind, desto mehr Unterstützung brauchten sie allerdings auch noch, „um ihre Emotionen zu regulieren, egal ob sie nur müde sind oder etwas sehen, das Ihnen Angst macht.“ So lässt sich der Umgang mit Neuem wie zwei mathematische Kurven vorstellen: Je älter die Kinder werden, desto weniger Beistand benötigen sie – sie können Unbekanntes zunehmend alleine bewältigen.

Die Bereitschaft und Offenheit für Neues hingegen ist im Kindesalter noch hoch und nimmt im Laufe des Lebens ab. Übrigens fällt es auch leichter, etwas Neues zu lernen, je jünger man ist.

Es ist abhängig von den Eltern

„Eigentlich ist es so, dass alles damit steht und fällt, wie die Eltern mit dem Neuen umgehen“, sagt Kita-Leiterin Britta Himpeler. Deswegen sei es wichtig, die Bring-Rituale von Anfang an einzuüben: Kurzer, schmerzloser Abschied. Was anliegt, kann später beim Abholen besprochen werden. „Es ist ja ein Prozess, den die ganze Familie mitmacht, auch Eltern haben Gefühle, um die wir uns natürlich kümmern.

Aber es kann schon mal passieren, dass die Eltern morgens regelrecht rausgeschmissen werden müssen.“ Ob ein Kindergarten-Neuling sich nach dem Abschied trösten lässt, Kontakt zu anderen aufnimmt oder sich an gemeinsamen Mahlzeiten beteiligt: In der Knappschafts-Kita werden nach drei Wochen insgesamt acht Punkte überprüft. Werden sechs davon erfüllt, ist das Kind angekommen.

Der Leistungsstand ist unterschiedlich

Nach dem Wechsel zur weiterführenden Schule dauert es im Schnitt wesentlich länger, ehe sich die Fünftklässler an die neue Situation gewöhnt haben. „Die allermeisten Kinder kommen hoffnungsvoll und verspielt. Dann bekommen sie einen kleinen Kulturschock, da prallen zwei Welten aufeinander“, berichtet Martin Hermes, der seit dreizehn Jahren an einer Realschule in Wuppertal unterrichtet.

Schüler bräuchten ein halbes oder gar ein ganzes Jahr, bis sie sich an das Neue gewöhnt hätten. Trotz zunehmender Bemühungen, den Wechsel zwischen Grund- und weiterführender Schule besser zu koordinieren, ist er für die Zehn- bis Elfjährigen eine große Aufgabe, so der Lehrer für Geschichte und Deutsch. „Den Klassenlehrer sehen sie nur wenige Stunden pro Woche; da fehlt die Bezugsperson, die es in der Grundschule noch gab.“ Außerdem sei, seit es die Empfehlung für die weiterführende Schule nicht mehr gibt, der Leistungsstand unter den Neulingen sehr unterschiedlich. Wenn sie sich dann miteinander verglichen, kämen sie für sich nicht immer zu einem positiven Ergebnis, so der 47-Jährige. „Manche reagieren dann mit Abschottung, andere mit Aggression.“

Kinder für ihr Können loben

Ob Kita, Schulstart oder -wechsel: Abnehmen können Eltern den Kleinen oder Größeren diese Schritte nicht. Aber sie können vom ersten Tag an dranbleiben, um früh von Problemen zu erfahren. Während die Kinder dabei sind, sich in einer neuen sozialen Gruppe zurechtzufinden, können die Eltern genau hinschauen, zuhören und nachfragen.

Wenn Eltern zudem ihre Kinder für ihr Können loben, ohne sie unter Druck zu setzen, helfen sie ihnen ebenfalls. Denn jeder Mensch, sei er noch so jung, hat Stärken. Ist sich ein Kind dessen bewusst, kann es Neuem mit guten Gefühlen begegnen. Dann ängstigt das Neue nicht. Im Gegenteil: Es bleibt spannend.

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Es ist tatsächlich so: Je jünger man ist, desto leichter fällt es, etwas Neues zu erlernen. Babys sind fähig, jede Sprache der Welt perfekt zu lernen, erklärt Professor Birgit Leyendecker. Bei Kleinkindern bilden sich dann die Nervenverbindungen für die Muttersprache aus, und schon mit neun oder zehn Jahren wird es schwierig, sich eine Sprache noch akzentfrei anzueignen.

Auch bei anderen Dingen werden im Kindesalter die Weichen gestellt: Was von dem riesigen Potenzial des Gehirns genutzt wird, wird verstärkt, Ungenutztes wird abgestoßen. Natürlich gibt es individuelle Unterschiede, wie leicht man Neues lernt und häufige Wiederholung stärkt die Gehirnstrukturen.

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