Architektur

Alles außer Wasser – Die neue Nutzung alter Badeanstalten

Das verschnörkelte Geländer und viele Fliesen schmückten bereits die alte Badeanstalt. Unter dem Zuschauersaal im   Kleinkunsttheater Ebertbad befindet sich auch heute noch das Schwimmbecken.

Das verschnörkelte Geländer und viele Fliesen schmückten bereits die alte Badeanstalt. Unter dem Zuschauersaal im Kleinkunsttheater Ebertbad befindet sich auch heute noch das Schwimmbecken.

Foto: Lars Heidrich

Oberhausen.   Wie alte Schwimmbecken im Ruhrgebiet neu genutzt werden. Vom Theater in Oberhausen über ein Museum in Duisburg bis zur Bibliothek in Essen.

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Als es im Ebertbad noch Wandbrausen gab, kam aus einer der Wasserstrahl so stark und hart wie aus einem Feuerwehrschlauch. Die Jungs suchten sich einen Schwächeren aus und hielten ihn vor den eiskalten Strahl. „Das gab blaue Flecken“, erinnert sich Hajo Sommers. War er derjenige, der gehalten hat oder der gehalten wurde? „Ich war immer ein Hemd“, antwortet der 58-Jährige lachend. „Abstehende Ohren und dünn – Hallo?“

Heute ist Hajo Sommers der Chef. Nicht nur von Rot-Weiß-Oberhausen (RWO), sondern auch vom Ebertbad, in dem seit 1983 keiner mehr seine Bahnen zieht. Das Becken gibt es noch, in dem Sommers einst seine Abzeichen machte – vom Jugendschwimmschein bis zum DLRG-Grundschein. „Schwimmen war meins, Fußball habe ich nicht so gemocht“, sagt der RWO-Präsident und fügt hinzu: „Wenn die Stadt Oberhausen ganz viel Lust hätte, könnte man das Becken wieder fluten.“

Heute dient es als Lager für Bühnenelemente und ist mit Holzpaneelen abgedeckt. Darauf stehen Stühle und die Bühne eines der schönsten Kleinkunsttheater im Revier. Am vergangenen Montag feierte dort Jochen Malmsheimer die Premiere seines neuen Programms. Zu Gast waren weitere Kabarettgrößen wie Fritz Eckenga, Helmut Sanftenschneider und Gerburg Jahnke, die schon zusammen mit Stephanie Überall als die „Missfits“ das Ebertbad füllte und seit 23 Jahren die Dauerverlobte von Hajo Sommers ist. Auch er steht auf der Bühne bei: „Ganz oder gar nicht“.

„Befeuchtung“ steht auf den Getränkekarten im Ebertbad. Die alten Keramik-Waschbecken hängen noch an den Säulen. Über einem ist ein Schild angebracht mit der Aufschrift: „Das Hineinspringen in das Becken ist nur von der Seite der Brauseräume gestattet.“ Die Umkleidekabinen des „Stadtbads am Ebertplatz“ kann man noch erahnen. Da, wo heute die Stehtische sind und einst die Einzelkabinen standen, erkennt man die dunklen Umrisse in den rostroten Original-Fliesen. Sommers erinnert sich an die Sammelkabinen in der oberen Etage, wie er dort seine Hosen über einen Bügel hängte und die restliche Kleidung in einer Art Einkaufsnetz verstaute. Das gab er dann den Damen an dem Tresen, die ihm dafür eine Marke in die Hand drückten. Mit einer Sicherheitsnadel befestigte er sie an der Badehose. „Wenn Sie genug getobt haben, konnten Sie am Ende danach tauchen.“

Die Hölle sei es gewesen, wenn man Schulsport hatte und das Wasser gerade gewechselt worden war. „Die Ostsee im Winter kann nicht kälter sein.“ Dafür ließ das Bad Jugendliche prahlen. Es war so klein, dass sie angeben konnten: „Ich kann locker zwei Bahnen tauchen.“

Als das Bad in den 80er-Jahren geschlossen wurde, war das kleine Becken einer der Gründe dafür. Leistungssport war dort nicht möglich, dafür gab es genug andere Bäder. Vor allen Dingen aber hätte das Gebäude für sehr viel Geld komplett renoviert werden müssen. Denn es blickt auf eine sehr lange Geschichte zurück. Es war eines der ersten Bäder für das gemeine Volk im deutschen Kaiserreich, das 1894/95 erbaut wurde und damals „Reichsbadeanstalt am Neumarkt“ hieß. An die damalige Zeit erinnern etwa noch die Original-Fliesen im Eingangsbereich oder das hübsch verschnörkelte Geländer. Im Zweiten Weltkrieg traf eine Brandbombe das Bad – das schöne Äußere ging komplett verloren. Aber als „Stadtbad am Ebertplatz“ öffnete es nach dem Krieg erneut die Türen.

Ende der 80er wurde das denkmalgeschützte Gebäude unter dem Architekten Werner Ruhnau zu einem kulturell-anspruchsvollen Veranstaltungsort umgebaut. Es habe aber auch eine Hühnerschau und eine Erotikmesse gegeben, um das Ganze zu finanzieren, so Sommers. Seit Ende der 90er mietet er das Theater, anfangs noch zusammen mit seiner Kollegin Susanne Fünderich. Kleinkunst ohne staatliche Förderung war das Ziel.

Sommers schwärmt von der Örtlichkeit wie von einer schönen Frau. Aber schwierig sei sie. „Klavier und Geige findet der Raum großartig. Schlagzeug mag er überhaupt nicht.“ Wegen des Schwimmbeckens. Die schmucken Fenster sind aber nicht nur wegen der Akustik mit dunklem Stoff verhangen. „Tageslicht können wir nicht gebrauchen.“ Und die Stoffbahnen hinter der Bühne verbergen nicht nur Fenster, sondern auch Seelöwen: Die zwei Meeresbewohner aus Gips überwachten von den Säulen aus das Treiben im Bad. Jetzt liegen sie zugedeckt im Dornröschenschlaf.

Wannenbäder für den Bergmann

Im Lagerraum für Getränke war früher die Damendusche und in der heutigen Künstlergarderobe die für Herren. Wo heute zur Linken des Eingangs Hajo Sommers seinen Cappuccino beim Italiener trinkt, gab es die Wäscherei. Der urige Gewölbekeller war einst mit Sand gefüllt, um das Gewicht des Wassers im Becken darüber zu halten. Und zur Rechten des Eingangs, wo sich heute eine Ballettschule befindet, gab es den eigentlichen Grund für die Anstalt: Wannenbäder. „Damit sich der alte Kumpel mal waschen konnte.“ Auch die großen Türen, die zum Theater führen, gab es früher nicht. Der Eingang lag daneben, wo heute die Kasse ist.

Drei-, viermal im Jahr passiere es immer noch, erzählt Hajo Sommers belustigt, dass jemand mit Handtuch unterm Arm verlangt: „Ich hätte gerne eine Stunde.“ Solche Bahnenzieher hören dann die Antwort: „Bei uns bekommst Du einen ganzen Abend – ohne Badekappe.“

Duisburg – Museum statt Männerumkleide 

Vor Benutzung des Schwimmbeckens muß sich jeder Badegast im Reinigungsraum gründlich mit geruchloser Seife waschen; die Brausen dürfen nicht länger als drei Minuten benutzt werden“, so verlangt es die Schwimmordnung in der Originalschrift zur Eröffnung des Bades in Duisburg-Ruhrort am 21. Oktober 1910. Heute braust da keiner mehr, denn im Schwimmbecken für Herren ist die „Goede Verwachting“ (Gute Hoffnung) vor Anker gegangen, ein friesisches Binnenschiff mit Seitenschwertern und einem Mast, dessen Spitze fast die gewölbte Decke des alten Bades berührt. 1998 wurde hier das „Museum für Deutsche Binnenschifffahrt“ eröffnet.

Im Damenbad nebenan liegt heute ein nachgebauter Frachtkahn auf dem Trockenen, dort spielen gerne Kinder. Aber auch die Großen, die für Firmenveranstaltungen eine „spannende Location“ suchen.

Anfangs gingen Männer und Frauen getrennt schwimmen. Nach der Neueröffnung des Städtischen Bades, das vom Krieg nur geringe Schäden davontrug, hob man diese Trennung 1946 zwar offiziell auf, so Museumsleiter Bernhard Weber, aber es blieb trotzdem dabei. Das Wasser im Männer-Bad war kühler als in dem der Frauen. „Die Männer wollten nicht als Warmduscher gelten“, sagt der 62-Jährige schmunzelnd. „Die Frauen waren da klüger.“ Mit Fernwärme von Thyssen heizte man dort das Wasser. In den ersten 30 Jahren hatte man noch mit Dampfkraft gearbeitet. Im alten Kesselhaus befindet sich seit 2004 das Restaurant des Museums.

Wannen im Büro

„Es kommen täglich Leute, die sagen: ,Hier habe ich Schwimmen gelernt.’“, so Weber. Wobei das Schwimmen nicht das Wichtigste war. Man erkannte, dass es für die Gesundheit förderlich ist, wenn die Hygiene stimmt. Und wer hatte damals schon ein Bad? „Meine Kolleginnen und Kollegen haben fast alle eine Wanne im Büro“, sagt Weber. Denn die Museumsverwaltung ist im Badetrakt untergebracht. „Wärter“ ist auf einer Tür zu lesen. Er passte auf, dass auch alles mit rechten Dingen zuging in den Wannenbädern erster und zweiter Klasse, getrennt nach Frauen und Männern. Die grünen Kacheln, auf denen vereinzelt eine Frau zu sehen ist, die Wasser aus einem Krug schüttet, sind genauso alt wie das Bad selbst. Nicht jedoch die Geländer in den Schwimmhallen. Die wurden in den 50ern erneuert. Im Stil der damaligen Zeit, bunt mit Fischen und Pinguinen.

Weber zeigt nach oben auf den Beginn der Bögen: Der Stuck ist dort abgebröckelt. „Man hat damals die Decken abgehängt.“ Als das Bad aus Kostengründen 1986 geschlossen und schließlich im Rahmen der Internationalen Bau-Ausstellung (IBA) zum Museum umfunktioniert wurde, legte man die schönen Gewölbedecken wieder frei. Weber freut sich über die steigenden Besucherzahlen. Besonders die Ausstellung „Tausend und eine Flaschenpost“ habe viele Menschen angelockt. In einem anderen Duisburger Stadtteil sucht man derzeit nach einer ähnlich guten Lösung: das ebenfalls denkmalgeschützte Stadtbad in Hamborn steht seit 18 Jahren leer. . .

In Ruhrort, hinter dem Bad für Damen, hat es einst wohl noch ein winziges gegeben. In der Schrift zur Eröffnung steht geschrieben: „Dem Beispiele anderer Städte folgend soll ein Hundebad eingerichtet werden, dessen Nutzen einer besonderen Erläuterung wohl nicht bedarf.“

Essen – Schmökern statt schwimmen 

Der Traum von einem Bad sollte auch einer bleiben: Wer heute durch den farbigen Eingangspavillion der Essener Zentralbibliothek geht und dann unter der gläsernen Kuppel steht, hätte eigentlich feuchte Füße bekommen. Denn hier, im Gildehof schwamm die Stadt Essen 1987 in ihren Vorstellungen von einem Renommierbad.

Ein großer Plan wurde zur großen Pleite: Der hübsche Name „Holiday-Beach“ wurde zum bescheidenen „Gildehof-Bad“, die pompöse Eröffnungsfeier platzte wegen der klammen Kasse der Stadt. Und nur drei Tage nach der Eröffnung bröckelte ein dickes Fliesen-Bruchstück vom Beckenrand – das Bad musste gesperrt werden.

Bald darauf war klar: Für die künstliche Südsee-Erlebniswelt mit Strandkörben, Wasserrutsche und Fontänen fanden sich nicht annähernd genügend Besucher. Wofür auch die Lage am Hauptbahnhof verantwortlich war: Die Schwimmer kamen oft trotzdem mit dem Auto, mussten ins Parkhaus fahren – und so auch noch die Parkgebühr zum ohnehin schon stolzen Eintrittspreis von 18 DM berappen.

Dann kamen auch noch Risse in den Wänden und in der Rutsche hinzu, außerdem Rost und Schimmel. Ende 1992 schloss das Pleitebad, in ihm versanken die Millionen. Ein Happy-End gab’s 1997, als das Ex-Bad an die Zentralbibliothek angeschlossen wurde.

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