Siemens Energy

Zäsur bei Siemens – Börsengang betrifft auch das Ruhrgebiet

Konzernchef Joe Kaeser hat die Abspaltung von Siemens Energy vorangetrieben. Er steht auch an der Spitze des Aufsichtsrats der Konzerntochter mit 90.000 Beschäftigten und großen Standorten in Duisburg und Mülheim.

Konzernchef Joe Kaeser hat die Abspaltung von Siemens Energy vorangetrieben. Er steht auch an der Spitze des Aufsichtsrats der Konzerntochter mit 90.000 Beschäftigten und großen Standorten in Duisburg und Mülheim.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Essen/Mülheim.  Mit Siemens Energy geht ein Konzern an die Börse, der wichtig ist fürs Ruhrgebiet. Es geht um mehr als 6000 Jobs allein in Duisburg und Mülheim.

In welchem Spannungsfeld sich Siemens Energy bewegt, wird zu Jahresbeginn bei den Protesten von Umweltschützern gegen die Lieferung einer Signalanlage für die umstrittene Adani-Kohlemine in Australien deutlich. In mehreren Städten versammeln sich Aktivisten von Fridays For Future vor Siemens-Standorten, auch in Essen macht sich eine Gruppe von Menschen auf den Weg. Dieser Tage blicken Investmentspezialisten wieder aufmerksam darauf, wie es um die gesellschaftliche Akzeptanz des Unternehmens mit seinen rund 90.000 Beschäftigten steht. Denn in wenigen Tagen, am 28. September, will der Siemens-Tochterkonzern an die Börse gehen. Auch auf das Image kommt es dabei an.

„Siemens Energy wird wegen seiner fossilen Kraftwerkstechnik im Fadenkreuz von Umweltaktivisten stehen“, sagt Winfried Mathes von der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka Investment. Das Unternehmen befinde sich in einem „Spagat zwischen konventioneller Kraftwerkstechnik und Zukunftstechnologien“. Das gilt insbesondere für die Standorte von Siemens Energy im Ruhrgebiet. In Duisburg arbeiten rund 2000, in Mülheim sogar mehr als 4000 Beschäftigte für den Konzern. Wichtige Siemens-Kunden sind in NRW die Betreiber von Kohle- und Gaskraftwerken.

Werk Mülheim will sich mit Energiewende-Technologien profilieren

„Der Standort Mülheim ist dabei, sich zu einem Kompetenzzentrum für Energiewende-Technologie zu entwickeln“, betont der örtliche Siemens-Betriebsratsvorsitzende Jens Rotthäuser. Es gelte, Energiespeicher zu entwickeln, die Netze zu stabilisieren und eine Wasserstoffverbrennung in Gasturbinen zu ermöglichen. Große Dampf-Turbinen und Generatoren, für die Siemens in Mülheim bekannt ist, würden „auch künftig gebraucht“, sagt Rotthäuser.

Da sich Siemens Energy in Zukunft als eigenständiges Unternehmen auf dem Kapitalmarkt behaupten muss, steigt der Druck für Veränderungen im Konzern. „Wir müssen uns immer alle Standorte anschauen und prüfen, ob das, was jeweils gemacht wird, noch passt“, hat Vorstandschef Christian Bruch unlängst betont. Bevor es zu Einschnitten kommen könnte, hat die einflussreiche IG Metall ein Wort mitzureden. Gewerkschaftsvorstand Jürgen Kerner berichtete jedenfalls vor wenigen Tagen bei einem Auftritt in Essen, dem Aufsichtsrat seien keine Pläne für Standortschließungen bei Siemens Energy bekannt.

„Ich rechne damit, dass es Standortschließungen geben wird“

Aus dem Kreis der Aktionäre wird indes der Ruf nach Restrukturierungen angesichts teils magerer Gewinnmargen im Unternehmen laut. „Ich rechne damit, dass es Standortschließungen geben wird“, sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Die Welt verändert sich rasant, darauf muss Siemens Energy reagieren.“ Deka-Experte Mathes beschreibt es mit den Worten: „Siemens Energy steht derzeit eher für eine Restrukturierungsstory.“

Kostensenkungen seien schon immer Themen bei Siemens in Mülheim gewesen, stellt Betriebsratschef Jens Rotthäuser fest. Aktuell laufe am Standort noch ein Programm, das den Abbau von rund 600 Arbeitsplätzen bis Ende 2023 vorsieht. „Im Zuge dessen werden uns noch zirka 300 Kolleginnen und Kollegen verlassen“, erklärt Rotthäuser. „Das tut schon weh.“

Börsengang mitten in den Corona-Pandemie

Siemens Energy habe „noch einen langen und steinigen Weg vor sich“, sagt Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei der Fondsgesellschaft Union Investment. Das Ziel sei, „das Kohlegeschäft nach und nach zurückzufahren“ und gleichzeitig durch mehr grüne Energie gute Gewinne zu erwirtschaften. „Das Öl- und Gasgeschäft ist mit hohen Reputationsrisiken verbunden“, gibt Diehl zu bedenken. Die Proteste gegen die Adani-Kohlemine seien beispielhaft. „Am Thema Kohleausstieg kommt Siemens Energy jedenfalls nicht vorbei. Der wird das Unternehmen zunächst einmal viel Zeit und Geld kosten.“

Generell kommen die Pläne für den Börsengang gut bei Investoren an. „Ich glaube, dass der Börsengang laufen wird“, urteilt Daniela Bergdolt von der DSW. Vera Diehl sagt, es sei „auf jeden Fall“ der richtige Schritt, den Siemens Energy jetzt gehe. Sie erwarte eine „schlankere Struktur“ des Unternehmens und einen „Fokus auf Zukunftsgeschäfte“. Den Zeitpunkt für den Börsengang angesichts der Corona-Pandemie nennt sie aber „alles andere als ideal“, ein Ausblick auf die zukünftige Geschäftsentwicklung sei dadurch „kaum möglich“.

Wo entsteht der neue Firmensitz von Siemens Energy?

Die neue Energiewelt biete für Siemens Energy „vielfältige Möglichkeiten“, stellt Winfried Mathes von Deka Investment heraus. Beispiele seien der Bau und Unterhalt komplexer Stromübertragungsnetze, die dezentrale Stromerzeugung, Windenergie und die Wasserstoff-Technologie. Hier habe Siemens Energy „gute Chancen“, eine wichtige Rolle zu spielen, analysiert Mathes. „Allerdings muss das neue Management mittelfristig zeigen, dass es mehr kann, als nur Kosten einzusparen.“

Bemerkenswert ist, dass der scheidende Konzernchef Joe Kaeser an der Spitze des Aufsichtsrats von Siemens Energy steht. Der Vorstand habe „einige übermächtige Aufsichtsratsmitglieder als Kontrolleure im Rücken“, merkt Mathes an. Mit dem ehemaligen SPD-Chef Sigmar Gabriel gibt es ein weiteres prominentes Aufsichtsratsmitglied. „Für uns und für Siemens Energy ist es gut, dass er dabei ist“, kommentiert der Mülheimer Betriebsratschef Rotthäuser die Personalie. „Sigmar Gabriel kennt unseren Standort und hat uns schon in der Vergangenheit Türen geöffnet, etwa bei einem großen Turbinen-Auftrag aus Ägypten.“

Die Frage, wo sich künftig der Firmensitz von Siemens Energy befinden wird, ist noch nicht beantwortet. Berlin gilt als heißer Kandidat, aber auch München, Erlangen oder die Rhein-Ruhr-Region sind Optionen. „Wir haben gute Argumente, die dafür sprechen, den Firmensitz ins Ruhrgebiet zu holen“, sagt Rotthäuser. „Wir müssen uns als Rhein-Ruhr-Region bei dieser Diskussion nicht verstecken. Davon abgesehen stehen die Zukunft des Standortes und die Sicherung von Beschäftigung klar an erster Stelle.“

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