Abspaltung Kraftwerksgeschäft

Wie die traditionsreiche Siemens-Familie zerfällt

„Berliner Perle“ nannte Siemens dieses Telefon-Modell aus den 1930er Jahren.

„Berliner Perle“ nannte Siemens dieses Telefon-Modell aus den 1930er Jahren.

Foto: Michael Brunner

Essen.   Nach dem Telefongeschäft, Leuchten und Hausgeräten trennt sich Siemens nun auch von der Kraftwerkssparte. Damit fällt das letzte Kerngeschäft.

Als Werner von Siemens im Jahr 1847 seinen ersten Zeigertelegrafen entwickelt und damit den Grundstein für das Telefonieren legt, ahnt niemand, dass aus seiner „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ in einem Berliner Hinterhof einmal ein Weltkonzern entstehen würde. Mit dem Einstieg ins Starkstromgeschäft in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts findet des aufstrebende Unternehmen rasch ein zweites starkes Standbein: den Kraftwerksbau.

Gut 170 Jahre später sind beide Kerngeschäfte Geschichte. Das Telefongeschäft verkaufte Siemens 2013. Und im kommenden Jahr will Konzernchef Joe Kaeser die gesamte Energiesparte abstoßen und an die Börse bringen. Der Leuchtenhersteller Osram ist bereits verkauft, die Medizintechnik ausgegliedert. Und auf den Hausgeräten steht zwar noch Siemens drauf, darin steckt aber Technik von Bosch.

Von dem einstigen Elektrokonzern bleibt nicht viel übrig. Er kappt seine Wurzeln und will sich nach Kaesers Willen künftig ganz auf die Automatisierung von Fabriken und die digitale Vernetzung von Gebäuden, Städten und Ländern konzentrieren. „Wir zerschlagen nichts, wir sorgen für neue Perspektiven“, sagt Kaeser in einer eilig einberufenen Telekonferenz am Dienstagabend, nachdem der Aufsichtsrat grünes Licht für seine Pläne erteilt hat.

Kaeser: „Verdammt emotionaler Prozess“

Was so versöhnlich klingt, ist in Wahrheit ein gewaltiger Kraftakt. Der 61-Jährige, dessen Vertrag bei Siemens 2021 auslaufen wird, trennt sich von rund einem Drittel seines Umsatzes und einem Viertel seiner derzeit 380.000-köpfigen Belegschaft. Die viel beschworene „Siemens-Familie“, die einmal für sozialen Ausgleich und Sicherheit stand, zerfällt. Am Mittwoch greift Kaeser beim Investorentag in Berlin die Stimmung auf, spricht von einem „verdammt emotionalen Prozess“ und einer „historischen Entscheidung“.

Da widerspricht dem Konzernlenker niemand. Mit dem neuen Unternehmen „Gas & Power“ formt Kaeser ein neues börsennotiertes Schwergewicht mit vermutlich 30 Milliarden Euro Umsatz und zunächst rund 88.000 Beschäftigten. Unter der Leitung der bisherigen Spartenchefin Lisa Davis soll ein Unternehmen entstehen, das die gesamte Wertschöpfungskette rund um Energie anbietet – darunter Dampf- , Industrieturbinen und Generatoren aus Mülheim und Verdichter aus Duisburg, aber auch Energieübertragung und das immer wichtiger werdende Servicegeschäft, das Kraftwerke wartet und modernisiert.

Wie das Unternehmen heißen wird, steht noch nicht fest. Im Titel soll aber der Name Siemens vorkommen, heißt es. Auch wenn der Münchner Konzern weniger als die Hälfte der Anteile halten wird. Kaeser arbeitet seit Jahren daran, das schwankende und vergleichsweise margenschwache Kraftwerksgeschäft aus der Siemens-Bilanz herauszuhalten. Die Sparte leidet unter der Energiewende weg von Kohle und Atom, hin zu Wind und Sonne. Die Nachfrage nach großen Dampf- und Gasturbinen ist weltweit eingebrochen.

Kraftwerksgeschäft ist immer noch profitabel

Der Trend setzte sich auch im Quartal von Januar bis März fort, dessen Zahlen Siemens am Mittwoch vorlegte. Danach ging der Umsatz bei Power & Gas um vier Prozent auf rund 2,8 Milliarden Euro zurück. Dennoch erwies sich das Kraftwerksgeschäft mit einer operativen Rendite von 5,6 Prozent als profitabel. Doch Kaeser will mehr. Konzernweit kam er im abgelaufenen Quartal auf 11,7 Prozent und erreichte damit den angepeilten Korridor von elf bis zwölf Prozent. Nach der Abspaltung soll die Marge gar bei 14 bis 18 Prozent liegen. Kaesers ehrgeizige Ziele belohnen die Börsen am Mittwoch mit einem Kurssprung der Siemens-Aktie.

Aber auch dem neuen Konzern Gas & Power traut Kaeser eine auskömmliche Rendite von acht bis zwölf Prozent zu. Dafür muss die designierte Chefin Lisa Davis aber kräftig auf die Kostenbremse treten. Die Rede ist von einer Einsparung in Höhe von einer Milliarde Euro bis zum Ende des Geschäftsjahrs 2022/23 (per Ende September). Die Hälfte davon entfällt auf das bereits beschlossene Sparprogramm im Geschäft mit Kraftwerks-Turbinen, in dem weltweit 6000 Stellen wegfallen, ein Zehntel davon in Mülheim. Wie viele weitere Arbeitsplätze gestrichen werden, lässt Siemens bisher offen.

Davis, die das neue Unternehmen wie zuvor auch die Siemens-Sparte von Houston/Texas in USA aus lenken wird, hat eine steile Karriere hinter sich. Die studierte Chemieingenieurin arbeitete für die Mineralölkonzerne Exxon, Texaco und Shell, bevor sie im August 2014 in den Siemens-Vorstand wechselte. Im Zuge des Stellenabbaus in der Kraftwerks-Sparte war sie in die Kritik geraten, weil sie zu spät auf den Trend zu kleineren, lokalen Kraftwerken reagiert habe. Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe stellte sich seinerzeit aber demonstrativ hinter die heute 56-Jährige.

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