Auftragsboom

Warum Kunden Wochen auf Handwerker warten müssen

Auch Gebäudereiniger sind stark ausgelastet. 16,6 Wochen warten Kunden im Schnitt auf ihre Dienste.

Auch Gebäudereiniger sind stark ausgelastet. 16,6 Wochen warten Kunden im Schnitt auf ihre Dienste.

Foto: Marijan Murat / dpa

Düsseldorf.  17,5 Wochen warten auf die Tiefbaufirma: Handwerker sind oft ausgebucht. Die Branche boomt, leidet aber stark unter dem Fachkräftemangel.

Das Handwerk in NRW boomt. Zehn Jahre Wirtschaftswachstum in der so umkämpften Branche hat es seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. „Das Handwerk steht weiterhin gut da, gerade auch in Nordrhein-Westfalen“, sagte Präsident Andreas Ehlert am Mittwoch (15.1.) nüchtern vor Journalisten in Düsseldorf.

Die Herbstumfrage unter den Unternehmen erbrachte freilich einmal mehr „Lageeinschätzungen auf Rekordniveau“. Die Auftragsbücher der gut 190.000 Betriebe mit ihren 1,2 Millionen Beschäftigten sind voll. Kunden, die einen Maler oder Dachdecker bestellen wollen, müssen sich auf lange Wartezeiten einstellen.

16,6 Wochen warten auf den Gebäudereiniger

Im Herbst 2018 waren die Handwerksunternehmen im Landesdurchschnitt 7,8 Wochen ausgebucht. Im Frühjahr 2019 stieg die Auslastung auf 8,7 Wochen, bevor sich im Herbst 2019 die sich eintrübende Konjunktur bemerkbar machte und die Kunden 8,4 Wochen auf einen Handwerker-Termin warten mussten. Im bundesweiten Durchschnitt sind es nach Angaben des Zentralverbands sogar 9,1 Wochen.

Die Lage ist nicht allen Gewerken gleichermaßen angespannt. Bei der Vielzahl von Straßenbaustellen verwundert es nicht, dass die Tiefbauer am stärksten gefragt sind. Die Wartezeit ist auf 17,5 Wochen gestiegen. Bei Dachdeckern, Maurern und allgemein im Bauhauptgewerbe sieht es ähnlich aus: Unter 13 Wochen ist kaum ein Auftrag zu platzieren. Heiß nachgefragt sind auch Gebäudereiniger, auf deren Dienste Kunden im Schnitt 16,6 Wochen warten müssen.

Handwerkspräsident: „Nicht gelungen, ausreichend Beschäftigung aufzubauen“

Für die langen Wartezeiten macht NRW-Handwerkspräsident Ehlert die zuletzt gute Konjunktur, aber auch den Fachkräftemangel verantwortlich. „In den den zurückliegenden zehn Jahren ist es uns nicht gelungen, ausreichend Beschäftigung aufzubauen“, sagte Ehlert. „Fachkräfte fehlen allerdings in allen Branchen.“ Der Präsident appelliert an Schulabsolventen, „bei der Berufswahl genau hinzusehen“. Das Handwerk biete „hervorragende Möglichkeiten“.

Mit einer Anzeigenkampagne hatte die NRW-Kammer im vergangenen Jahr um Nachwuchs geworben. „Wir brauchen eine stärkere gesellschaftliche Wertschätzung für die Berufsbildung“, fordert Ehlert im Hinblick darauf, dass das Studium oftmals ein besseres Image genießt.

Nicht überzeugt von Projektideen der Landesregierung

Nach dem Rekordjahr 2019, in dem das NRW-Handwerk 138 Milliarden Euro und damit vier Prozent mehr als 2018 umsetzte, rechnet die Kammer für 2020 wegen der sich eintrübenden Konjunktur „nur“ noch mit einem Plus von drei Prozent. „Von Rezession ist im Handwerk keine Spur“, betont Ehlert. Das Dilemma: Im Gegensatz zu den satten Umsatzsteigerungen in den vergangenen Jahren wuchs die Beschäftigung im NRW-Handwerk nach Einschätzung des Präsidenten nur „moderat“.

Ehlert zog am Mittwoch nicht nur Bilanz für das Handwerk. Er sendete auch Botschaften an die Politik. Der NRW-Landesregierung stellte der Schornsteinfegermeister ein durchweg gutes Zeugnis aus - mit einer Ausnahme. „Wir sind offengestanden nicht besonders überzeugt von den vielen Projektideen, die durch die Ruhrkonferenz zusammengetragen wurden“, kritisierte Ehlert. Im Ruhrgebiet sei stattdessen „eine klare Fokussierung auf bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen“ nötig – Verfügbarkeit von Gewerbeflächen, der Ausbau der Infrastruktur, Verwaltungsqualität sowie Netzwerke für Qualifizierung, Forschung und Innovation.

Dass sich überdies die Verabschiedung des Regionalplans, der Wohn- und Gewerbegebiet im Revier ausweisen soll, über Jahre verzögern wird, bezeichnete Ehlert als „Armutszeugnis“.

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