Tönnies

Hygienemängel bei Tönnies vor dem Corona-Ausbruch moniert

Nach dem massiven Corona-Ausbruch bei Tönnies installierte der Großschlachter Trennwände in den Zerlegebetrieben.

Nach dem massiven Corona-Ausbruch bei Tönnies installierte der Großschlachter Trennwände in den Zerlegebetrieben.

Foto: Tönnies / dpa

Essen/Rheda-Wiedenbrück.  Der Arbeitsschutz stellte im Mai gravierende Mängel fest – fehlende Schutzmasken, Desinfektionsmittel und kein Abstand in der Kantine.

Vor dem Corona-Ausbruch bei Tönnies sind massive Hygiene-Mängel und -Versäumnisse festgestellt worden. Das geht aus einer Prüfung des Arbeitsschutzes aus dem Mai hervor, deren Ergebnisse erst jetzt bekannt wurden. Die Bezirksregierung Detmold bestätigte auf Anfrage, es seien „Abweichungen vom Hygienekonzept des Unternehmens festgestellt worden“, etwa ein „zu geringer Abstand zwischen den Mitarbeitern der Produktion“ und in der Kantine sowie „Hygieneverstöße in Toiletten“.

Die Mitarbeiter in der Schlachtfabrik trugen keine Masken, die zu wenigen Toiletten waren teils stark verunreinigt, Desinfektionsmittel-Spender fehlten, zitiert der WDR aus dem internen Prüfbericht. Die Kontrolle in Rheda-Wiedenbrück fand am 15. Mai statt, rund eine Woche nach dem Corona-Ausbruch bei Westfleisch. Die Kontrolleure bemängelten auch, dass die Kantine praktisch im Normalbetrieb lief, also keinerlei Maßnahmen zur Einhaltung des Mindestabstands von 1,5 Metern getroffen worden seien und auch keine regelmäßige Desinfektion der Tische erfolgte. Diese Standards musste zu jenem Zeitpunkt bereits jedes Restaurant in NRW gewähren, um wieder öffnen zu dürfen.

Tönnies: Mängel umgehend abgestellt

Das Unternehmen betonte gegenüber unserer Redaktion, die beanstandeten Mängel umgehend beseitigt zu haben, was eine erneute Prüfung am 29. Mai ergeben habe. „Die vormals aufgezeigten Mängel wurden beseitigt oder zumindest soweit beseitigt, dass die SARS-CoV2-Arbeitsschutzstandards eingehalten sind“, zitiert Tönnies aus dem Bericht der Prüfbehörde.

Im Hauptwerk von Deutschlands größtem Schlachtbetrieb infizierten sich mehr als 1400 der rund 6000 Beschäftigten mit dem Coronavirus, insgesamt gingen den Gesundheitsbehörden zufolge im Kreis Gütersloh mehr als 2100 Infektionen auf den Tönnies-Ausbruch zurück. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte die Arbeitsbedingungen bei Tönnies mitverantwortlich dafür gemacht und daraus auch politische Konsequenzen etwa für ein Verbot von Werkverträgen in der Branche und bessere Wohnbedingungen abgeleitet. Er stemmt sich auch gegen die von Tönnies geforderte Lohnkostenerstattung für die Zeit der Zwangsschließung des Schlachthofs.

Superspreader sorgte für Ausbruch bei Tönnies

Einen Zusammenhang der im Mai festgestellten Mängel mit dem massiven Ausbruch im Juni weist Tönnies zurück. Vielmehr sei in mehreren wissenschaftlichen Studien festgestellt worden, dass ein einzelner Superspreader Ursache des Ausbruchs gewesen sei. Ein solcher steckte in der Rinderzerlegung einige Kollegen an, ergab etwa eine gemeinsame Studie des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und des Leibniz-Instituts für Experimentelle Virologie aus dem Juli.

Die Forscher hielten freilich durchaus die Arbeitsbedingungen im westfälischen Schlachtbetrieb für entscheidend bei der Verbreitung des Virus, allerdings nicht die zuvor von der Bezirksregierung beanstandeten Hygienemängel. Vielmehr sei die in der Rinderzerlegung herrschende Kaltluft-Zirkulation durch Ventilatoren bei geringer Frischluftzufuhr dafür verantwortlich gewesen, dass die Corona-Viren durch Aerosole auch über weitere Distanzen als 1,5 Meter verbreitet wurden. So steckte der infizierte Superspreader viele Kollegen im Umkreis von acht Metern an.

Auch die zweite Infektionswelle Wochen später ging der Helmholtz-Studie zufolge auf Viren des ersten Überträgers zurück. Die Experten gehen davon aus, dass die Viren in der Regel am Arbeitsplatz übertragen wurden und eher nicht in den beengten Wohnräumen.

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