Tengelmann

Familien-Erbstreit bei Tengelmann um Macht und Milliarden

Eines der seltenen Fotos der Familie von Karl-Erivan Haub: v.l. Ehefrau Katrin sowie die Zwillinge Erivan und Viktoria beim Tengelmann-E-Day am 15. März 2018 in Mülheim – wenige Tage bevor der Konzernchef nicht mehr von einer Bergtour zurückkehrte.

Eines der seltenen Fotos der Familie von Karl-Erivan Haub: v.l. Ehefrau Katrin sowie die Zwillinge Erivan und Viktoria beim Tengelmann-E-Day am 15. März 2018 in Mülheim – wenige Tage bevor der Konzernchef nicht mehr von einer Bergtour zurückkehrte.

Foto: Lars Heidrich / Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Der Familienstreit um das Erbe des verschollenen Tengelmann-Chefs Karl-Erivan Haub wird immer heftiger. Es geht um Macht und Milliarden.

In ihrer Trauer um den seit April 2018 verschollenen Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub waren die drei Stämme der Eigentümerfamilie noch vereint. Doch im Ringen um das Erbe ist längst ein heftiger Streit um Macht und sehr viel Geld entbrannt, der allmählich am Fundament des weit verzweigten Mülheimer Handelskonzerns kratzt.

Als die Hoffnung schwand, dass sein Bruder lebend am Matterhorn gefunden werden könnte, zögerte Christian Haub nicht lange und übernahm das Ruder im Familienunternehmen, zu dem bekannte Handelsmarken wie Obi, Kik, Tedi, Babymarkt, eine ansehnliche Immobiliengesellschaft und nicht zuletzt der Wagniskapitalgeber Tengelmann Venture gehören.

Geräuschlos baute Haub die Firma zu einer Familienholding um und räumte die gewaltige Hauptverwaltung in Mülheim. Den hinter den Kulissen tobenden Erbstreit konnte der 56-Jährige freilich nicht schlichten. Nach zwei Jahren erfolgloser Verhandlungen innerhalb der Familie hat sich Haub den renommierten Anwalt Mark Binz an seine Seite geholt, der bereits in den Familienunternehmen Haribo und Tönnies vermittelte und seit 25 Jahren den Aufsichtsrat der Optikerkette Fielmann führt.

„Die schärfste Waffe in diesem Falle ist die Wahrheit - also die Fakten“, sagt Binz im Gespräch mit unserer Redaktion. Er geht in die Offensive, um den Knoten bei Tengelmann zu zerschlagen. Die Anwaltskanzlei, die Ehefrau und Kinder von Karl-Erivan Haub vertritt, wollte sich auf Anfrage unserer Redaktion nicht zu den Vorgängen äußern.

Warten auf die Todeserklärung

Obwohl er seit über zwei Jahren verschollen ist, gehört Karl-Erivan Haub faktisch immer noch rund ein Drittel des Unternehmens. Seine Gesellschafterrechte nimmt stellvertretend seine Ehefrau Katrin Haub wahr. Doch bislang hat die 55-Jährige den Schritt gescheut, ein Aufgebotsverfahren zur Todeserklärung für ihren verschollenen Mann zu beantragen. Vermutlich nicht nur aus emotionalen Gründen. Denn ihre Kinder, die Zwillinge Viktoria und Erivan (27), werden automatisch den 34,3-Prozent-Anteil erben. So will es die Firmensatzung. Dabei wird allerdings die Zahlung der Erbschaftssteuer in Höhe von mindestens 450 Millionen Euro fällig. Ein finanzieller Kraftakt für den Familienzweig, der in Köln lebt.

Nach Angaben des Stuttgarter Anwalts Binz soll sich Katrin Haub in der Vergangenheit beharrlich geweigert haben, auch nur einen Anteil an der Summe zu übernehmen. „Dabei wird sie das Privatvermögen ihres Mannes in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro erben“, sagt der Jurist. Eine andere Lösung wäre, dass Katrin Haub den Unternehmensanteil verkauft.

Christian Haub an Firmenanteil seines Bruders interessiert

Laut Gesellschaftsvertrag kommen als Käufer ausschließlich Mitgesellschafter in Frage – also Christian und der dritte Bruder Georg. „Christian Haub wäre an einem Erwerb durchaus interessiert“, sagt Binz und weist frühere Medienberichte zurück, Haub wolle seine Schwägerin aus dem Unternehmen drängen. „Schon seit Frühjahr 2019 wurde über einen möglichen Verkauf verhandelt. Das letzte schriftliche Verkaufsangebot datiert vom Februar 2020“, so der Anwalt.

Einigkeit konnten die beiden Seiten aber noch nicht darüber erzielen, zu welchem Preis der Anteil am Tengelmann-Imperium den Besitzer wechseln soll. Laut Binz legt Katrin Haub einen Unternehmenswert von sechs Milliarden Euro zugrunde. Christian Haub indes beruft sich auf ein Gutachten des Wirtschaftsprüfers KPMG, der die Tengelmann-Gruppe im Frühjahr 2018 mit vier Milliarden Euro bewertet hatte. Darin seien allerdings nicht die negativen Auswirkungen der Corona-Krise berücksichtigt, unterstreicht Binz. „Der aktuelle Unternehmenswert dürfte deutlich darunter liegen“, sagt er. Sollte der Deal zustande kommen, fielen außer der Erbschaftsteuer in Höhe von fast einer halben Milliarde Euro auch Einkommenssteuern in Höhe von rund 50 Prozent des Veräußerungsgewinns an. Das ließe sich vermeiden, wenn sich die Familie auf eine Realteilung einigen würde, also eine Abfindung in Form von Unternehmensbeteiligungen.

Mindestens 450 Millionen Euro Erbschaftssteuer

Jüngstes prominentes Beispiel für eine Realteilung ist die Familie Oetker, die verschiedene Unternehmensbereiche des Pudding-Reichs unter sich aufteilte. Gemessen an der Größenordnung der Anteile, die Katrin Haub an Tengelmann hält, könnte die Beteiligung an der Baumarktkette Obi an sie und ihre Kinder fallen. Das käme allerdings einer Zerschlagung der Tengelmann-Gruppe gleich.

Ein Szenario, das vermutlich nicht im Sinne des verschollenen Unternehmenslenkers Karl-Erivan Haub wäre. In Gesprächen mit der Redaktion hat er immer wieder die Erwartung formuliert, dass die Firma irgendwann in die Hände der sechsten Generation, die Generation seiner und die Kinder seiner Brüder, gelegt wird. Bei der Feier zum 150. Firmenjubiläum am 1. September 2017 in Mülheim kochten die Töchter und Söhne der drei Haub-Brüder noch gemeinsam mit Großmutter Helga auf der Bühne. Was „Charlie“ in seinem Testament verfügt hat, ist allerdings unbekannt. Das Vermächtnis des Verschollenen kann erst geöffnet werden, wenn Haub gerichtlich für tot erklärt ist.

Am 24. September findet eine außerordentliche Gesellschafterversammlung statt, um den neuen Beirat für die Zeit ab 1. Januar 2021 zu wählen. Dann wird Katrin Haub ihrem Schwager Christian begegnen, dem sie laut Medienberichten vorwirft, ein zu hohes Geschäftsführergehalt zu beziehen, das unternehmenseigene Flugzeug auch privat zu nutzen und die Umzugskosten von USA nach Deutschland der Tengelmann-Gruppe in Rechnung gestellt zu haben.

„Christian Haubs Jahresgehalt liegt in einem absolut angemessenen Rahmen und hat sich an den früheren Bezügen seines verschollenen Bruders orientiert. Das bestätigen mehrere Gutachten renommierter Personalberater. Die Geschäftsführer von Tochtergesellschaften, etwa von Obi und Kik, verdienen viel mehr“, erwidert der Jurist. Und dass der Betrieb Umzugskosten erstatte und Firmenflugzeuge - „natürlich gegen ein angemessenes Entgelt“ - auch privat genutzt werden dürfen, stehe nicht nur in seinem Dienstvertrag, sondern sei auch bei Chefs großer Unternehmen üblich.

Streit um Sitz von Haniel im Tengelmann-Beirat

Bei der Gesellschafterversammlung wird es aber nicht in erster Linie um Gehälter und Geschäftsanteile gehen. Auf der Tagesordnung steht die Neuwahl des Tengelmann-Beirats. Katrin Haub hatte mit ihrer Klage vor dem Duisburger Landgericht Erfolg. Demnach war die Wahl des Duisburger Familienunternehmers Franz Markus Haniel in das Aufsichtsgremium von Tengelmann nicht satzungsgemäß. Christian Haub hat gegen die Entscheidung Berufung eingelegt.

Sollte sich die Familie am 24. September nicht zusammenraufen, wird laut Satzung der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages den dreiköpfigen Beirat für Tengelmann berufen – und zwar für eine Amtszeit von vier Jahren. Das Lager von Christian Haub sieht das Zwangs-Szenario entspannt. „Wir haben großes Vertrauen in das Netzwerk und die Weitsicht von Dr. Eric Schweitzer, die richtigen Unternehmer-Persönlichkeiten auszuwählen“, sagt Anwalt Binz. „Deswegen wurde ja diese Klausel von den Gesellschaftern auch so vereinbart. Am Ende wird alles gut!“

Das erhofft sich der Honorarprofessor für Familienunternehmen auch für den Ausgang des Erbstreits. „Es wäre sicher nicht zuletzt im Interesse des verschollenen Karl-Erivan, wenn das Familienunternehmen Tengelmann auch in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich weiterbestehen könnte und nicht durch eine allzu üppige Abfindung für seine Erben stranguliert würde“, meint Binz. Wenn ein Familienstamm aus einem Unternehmen aus welchen Gründen auch immer ausscheiden will, müsse er seine finanziellen Interessen zurückstellen. Binz: „Immerhin stehen in unserem Fall sonst bis zu 90.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.“

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