Schweinepreise

Edeka und Tönnies: Schweinefleisch und Wurst werden teurer

Bei Tönnies werden jährlich mehr als 16 Millionen Schweine geschlachtet.

Bei Tönnies werden jährlich mehr als 16 Millionen Schweine geschlachtet.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Essen.  Weil in Asien die Schweinepest wütet und China mehr Fleisch importiert, steigen die Erzeugerpreise. Im Supermarkt merkt man das bisher aber kaum.

Europas größter Schlachtbetrieb Tönnies und Einzelhandels-Marktführer Edeka erwarten wegen der in Asien grassierenden Schweinepest weiter steigende Preise für Wurstwaren und Frischfleisch. Das teilten sie auf Anfrage dieser Zeitung mit. Allerdings können sie nach eigenen Angaben die enormen Sprünge der Erzeugerpreise nur bedingt an die Kunden weitergeben, die Verbraucherpreise dürften deshalb eher moderat steigen.

Einzige Nutznießer sind demnach zurzeit die heimischen Schweinezüchter. Sie verdienen nach mehreren mageren Jahren „endlich mal wieder ordentliches Geld mit der Mast“, sagt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW. Ihre größte Sorge ist freilich, dass die auch in polnischen Betrieben bereits ausgebrochene Schweinepest sich nach Deutschland ausbreiten könnte.

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat in China inzwischen jedes dritte Schwein dahingerafft oder vorsorglich keulen lassen. Das Riesenreich ist der mit Abstand weltgrößte Schweinemarkt (siehe Tabelle) und importiert derzeit alles, was global verfügbar ist. Auch in Vietnam wütet die ASP. Das erhöht die Nachfrage auch in Deutschland massiv, immerhin der viertgrößte Schweinefleischproduzent der Welt. Dadurch sind die Erzeugerpreise sprunghaft gestiegen, allein in den vergangenen zehn Wochen um rund ein Drittel auf nun 1,85 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht.

Frischfleischpreise wöchentlich angepasst

„Natürlich hat diese Entwicklung Auswirkungen auf die Ladenverkaufspreise“, erklärt die Edeka Handelsgesellschaft Rhein-Ruhr. An der Fleischtheke würden die Preise „an die Rohstoffpreisentwicklung wöchentlich angepasst“, heißt es. Bei Wurstwaren dauere das länger, „aber auch hier musste der gravierende Sprung der Notierung auf das aktuelle Niveau bereits an die Endverbraucher weitergegeben werden“, erklärt Edeka Rhein-Ruhr. „Es zeichnet sich aber ab, dass weitere Preissprünge am Markt nicht so einfach umsetzbar sein werden.“ Die zweitgrößte Supermarktkette Rewe erklärte nur lapidar: „Die Preise entstehen im Wettbewerb.“

Der Discounter Aldi Nord mochte ebenfalls keine konkrete Prognose abgeben, erklärte aber, bei steigenden Einkaufspreisen „sind auch wir gezwungen, uns den Marktgegebenheiten anzupassen und unsere Preise zu erhöhen.“ Wir tun dies, weil wir im Interesse unserer Kundinnen und Kunden keine Qualitätskompromisse eingehen wollen. Sobald sich die Situation erneut entspannt und wir wieder günstiger einkaufen können, geben wir die Ersparnis entsprechend wieder an unsere Kundinnen und Kunden weiter.

Auch der Fleischfabrikant Tönnies rechnet mit steigenden Preisen, man führe derzeit Gespräche mit dem Handel darüber, die höheren Erzeugerpreise an die Kunden weiterzugeben. „Grundsätzlich ist es auch völlig in Ordnung, dass die Landwirte mehr verdienen, nur so können sie mehr investieren, auch in das Tierwohl“, sagte eine Unternehmenssprecher. Die Bauern hätten in den vergangenen Jahren zu wenig verdient, „diese Schieflage wird derzeit etwas ausgeglichen“.

Das sieht auch Hans-Heinrich Berghorn, Sprecher des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), so: „Es ist gut, dass die Betriebe endlich etwas auf die hohe Kante legen können.“

Chinesen kaufen Ohren und Schwänze

Tönnies vermarktet nach eigenen Angaben von einem geschlachteten Schwein die Hälfte in Deutschland. Vor allem Filets, Schnitzel und Nackensteaks kommen in den heimischen Markt. Dagegen liefert das Unternehmen aus Rheda-Wiedenbrück in Deutschland teils unverkäufliche Teile wie Ohren, Schwänze und Pfoten vorwiegend nach Asien. Nach dem Ausbruch der Schweinepest würden nun aber viele chinesische Kunden „auch Edelteile wie Nacken oder Filets“ bestellen. Das verknappt das Angebt in Deutschland just zur Grillsaison.

Die aufgehellte Laune der deutschen Schweinezüchter könnte allerdings schon bald in blanke Panik umschlagen: Sollte sich die Afrikanische Schweinepest auch in Deutschland ausbreiten, müssten sie ebenfalls massenhaft Tiere töten, ohne das Fleisch in den Handel bringen zu können. Derzeit wird Deutschland von der Tierseuche quasi umzingelt: Anfang des Monats meldete die oberste Veterinärbehörde Polens 40 neue Fälle bei Hausschweinen, in Belgien sind zahlreiche infizierte Wildschweine aufgetaucht. „Die müssen nur einmal in die falsche Richtung abbiegen, dann sind sie bei uns“, sagt WLV-Sprecher Berghorn.

Zwar haben spanische Forscher unlängst einen Impfstoff gegen die ASP vorgestellt, und auch in China und den USA sollen bald klinische Studien beginnen, es wird aber wohl noch Jahre dauern, bis dieser auf den Markt gebracht werden kann.

Die Agrarmarkt Informations Gesellschaft (AMI) geht auch wegen der kleinbäuerlichen Strukturen in China und Hygienemängeln in der Mast davon aus, „dass sie die Schweinepest dort nicht in den Griff kriegen“, so Fleischanalyst Matthias Kohlmüller. Es herrschten teils mittelalterliche Verhältnisse in der Landwirtschaft, und die Provinzen versuchten eher das Ausmaß der Seuche zu verschleiern als sie ernsthaft zu bekämpfen. Daher werde „uns dieses Thema noch mindestens zwei, drei Jahre begleiten“, prognostiziert er.

Zahl der Züchter in NRW seit 2010 halbiert

Die Zahl der Schweinezüchter hat sich in NRW in diesem Jahrzehnt annähernd halbiert, aktuell gibt es noch knapp 1900 Mastbetriebe mit rund sieben Millionen Schweinen. Allein 2018 stiegen 120 Ferkelerzeuger aus. „Es kommt zu viel zusammen: Düngeverordnung, Schwänze kupieren, Kastration unter Betäubung“, sagt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer. Und: „Jedes Thema für sich ist ja durchaus gerechtfertigt, aber viele Betriebe sind mit den Kosten überfordert.“ In den vergangenen Jahren hätten die Züchter nicht kostendeckend arbeiten können. Im Januar folgte die Prognose „für ein katastrophales Jahr 2019“, so Rüb. Bis in Asien die Schweinepest zu wüten begann und die Preise trieb.

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