Neue Plattform ISEM

Corona-Krise: Wie Mittelständler an frisches Kapital kommen

Klaus Lesker ist Mitinhaber der Modekette Mensing, die ihren Sitz in Bottrop hat.

Klaus Lesker ist Mitinhaber der Modekette Mensing, die ihren Sitz in Bottrop hat.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Bottrop.  Mit sinkenden Umsätzen in der Corona-Krise brauchen Mittelständler mehr Eigenkapital. Auch die Bottroper Modekette Mensing sucht Investoren.

Mit jedem Tag, an dem sich die Corona-Krise fortsetzt, wachsen die Sorgen im Mittelstand. Eine Umfrage der Förderbank KfW ergab, dass nahezu jeder dritte kleine und mittlere Betrieb erwartet, dass seine Eigenkapitaldecke aufgrund sinkender Umsätze schrumpft. Um die Unternehmen zu stabilisieren, raten immer mehr Experten zu stillen Beteiligungen Dritter.

Einer von ihnen ist Matthias Wittenburg. Nach einer 25-jährigen Karriere, die ihn zuletzt in den Vorstand der HSH Nordbank führte, hat sich Wittenburg 2017 selbstständig gemacht und die Company Links gegründet – eine Firma, die sich um ungelöste Nachfolgeregelungen in Unternehmen kümmert. Der Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr war für ihn Anlass, ein weiteres Angebot für den Mittelstand zu schaffen. „Nach dem Lockdown haben viele Mittelständler aus Einzelhandel, Gastronomie, Kultur, Veranstaltungsmanagement und Exportwirtschaft massive Probleme. Ihnen fehlt das Eigenkapital, um in Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle zu investieren“, sagte Wittenburg im Gespräch mit unserer Redaktion.

Deshalb rief er bereits Mitte April die Plattform ISEM ins Leben. Sie soll Betriebe in Schwierigkeiten mit möglichen Investoren zusammen bringen, die eine Minderheitsbeteiligung übernehmen und damit das nötige frische Kapital mitbringen könnten. „Es gibt eine gesamtwirtschaftliche Pflicht, dem Mittelstand zu helfen. Er steht für mehr als zwei Drittel der Wertschöpfung in Deutschland“, meint Wittenburg.

Inzwischen hat er eine ganze Reihe von Unterstützern für ISEM gewonnen – vom Hamburger Wirtschaftssenator über Kammern und Verbände bis hin zu den Auskunfteien Creditreform und Schufa. Der ehemalige Banker erwartet „einen harten Herbst und Winter mit zahlreichen Firmenpleiten“. Seine Befürchtung: „Nach dem Lockdown haben viele Mittelständler aus Einzelhandel, Gastronomie, Kultur, Veranstaltungsmanagement und Exportwirtschaft massive Probleme. Ihnen fehlt das Eigenkapital, um in Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle zu investieren.“

Isem soll Mittelständler, die ihr Eigenkapital stärken müssen, mit Beteiligungsgesellschaften, Firmen, die zukaufen wollen, privaten Investoren und Family Offices zusammenbringen. „Dabei geht es in der Regel um stille Beteiligungen“, so Wittenburg. „Uns liegt eine zweistellige Zahl von Anfragen vor.“

Plattform ISEM bringt Mittelstand und Investoren zusammen

Auf die neue Plattform ist auch die Bottroper Modekette Mensing aufmerksam geworden. Nachdem der Einzelhandel im März wegen der Corona-Pandemie für Wochen schließen musste, rettete sich das mittelständische Unternehmen mit seinen damals neun Filialen, über 200 Mitarbeitern und mehr als 30 Millionen Euro Umsatz in ein Schutzschirmverfahren. „Mit Hilfe des Eigenverwaltungsverfahrens ist Mensing bislang durch die Corona-Krise gekommen. Bis auf den Standort in Velbert haben alle acht Filialen eine Zukunftsperspektive“, sagt Mitinhaber Klaus Lesker.

Anfang der 2000er Jahre war Lesker noch vor seiner Zeit als Vorstand des mit Korruptionsvorwürfen konfrontierten Essener Industriedienstleisters Ferrostaal als Privatmann selbst bei Mensing in die Bresche gesprungen. „Herr Mensing hatte mich gebeten, in sein Unternehmen einzusteigen. Damals gab es keine Nachfolgeregelung. Seither halten der damalige kaufmännische Leiter André Gunselmann und ich jeweils 50 Prozent“, so der Geschäftsmann.

Modekette Mensing sucht eine Online-Strategie

Nun steht die Kette, die sich auf Nebenzentren wie Kleve, Wesel, Bottrop und Dorsten fokussiert hat, vor der nächsten Herausforderung. Man habe stets auf den Einkauf als Erlebnis gesetzt und deshalb bewusst auf einen Onlineshop verzichtet. Dann aber stürzte der Umsatz während des Lockdowns auf Null ab, während sich andere Händler mit Bestellungen aus dem Netz über Wasser halten konnten.

Nun will die Modekette ihre Online-Präsenz verbessern. „Das ist mit einer hohen Investition verbunden. Mensing braucht deshalb eine Eigenkapital-Stärkung. Es ist aber schwer, Investoren zu finden. Modehäuser gehören nicht zu den bevorzugten Zielen von Private-Equity-Unternehmen. Deshalb begrüßen wir die Initiative ISEM, die Partner zusammenbringt“, sagt Lesker. Die Plattform in Anspruch zu nehmen, sei eine von mehreren Optionen.

Ex-Ferrostaal-Chef Lesker investiert mit der Diag in Industrie-Unternehmen

Im industriellen Umfeld ist Lesker selbst als Investor unterwegs. 2018 hatte Lesker mit Martin Wiechers, der ebenfalls von Ferrostaal kam, in Essen die Deutsche Industrieanlagen GmbH (Diag) gegründet. In den Bereichen Öl und Gas, Erneuerbare Energien, Bergbau und Infrastruktur bahnt die Holding Partnerschaften an und beteiligt sich international an Firmen.

Zu den Unterstützern von ISEM gehört auch Rüdiger Goll, geschäftsführender Gesellschafter der Düsseldorfer Industrie Consult mit weltweit 23 Standorten. Seine Berater haben sich auf Unternehmensbeteiligungen und Fusionen spezialisiert. „Geld gibt es genug im Markt“, sagt Goll. „Wir raten grundsätzlich Unternehmen aus allen Branchen dazu, die Eigenkapitalausstattung zu stärken.“

Ein Instrument sei der Verkauf von Minderheitsanteilen. Der Finanzexperte sieht vor allem Autozulieferer und Handelsunternehmen „in schwierigem Fahrwasser“. Ihre oftmals ohnehin knappe finanzielle Finanzdecke werde durch Umsatzrückgänge wegen der Corona-Krise noch kleiner, zumal demnächst die Rückzahlung fällig werde. „Investoren sind bereit, bei Mittelständlern einzusteigen. Viele deutsche Unternehmer scheuen sich aber davor, einen fremden Gesellschafter aufzunehmen. Dabei muss der Inhaber ja gar nicht die Kontrolle abgeben.“ Auch ISEM-Gründer Wittenburg versucht zu beruhigen. Er spricht von einer „Ehe auf Zeit“.

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